In Jasper Ffordes Wie die Karnickel treffen britische Satire, anthropomorphe Kaninchen und scharfe Gesellschaftskritik aufeinander. Zwischen Humor und bitterem Ernst behandelt der Roman Rassismus, Xenophobie und die Frage: Was ist der Unterschied zwischen Akteur*innen und Mitläufer*innen?
In vielen Ländern Europas und darüber hinaus verschärfen sich derzeit die politischen Debatten um Migration, Zugehörigkeit und Identität. Rechtspopulistische Parteien gewinnen an Einfluss. Dabei wird Hetze gegen Minderheiten zunehmend salonfähig, und ausgrenzende Rhetorik nimmt zu. An diesem Punkt setzt Wie die Karnickel an: Mit einer satirischen und zugleich phantastischen Prämisse zeigt das Buch auf, wohin es führt, wenn Vorurteile und Angst vor dem „Fremden“ zur politischen Realität werden. Kaninchen als diskriminierte Minderheit mögen auf den ersten Blick absurd wirken und doch trifft Jasper Fforde genau damit einen Punkt und hält der westlichen Gesellschaft den Spiegel vor.
Rassismus, Diskriminierung, Folter, Tod
Inhaltsverzeichnis
Story
In Jasper Ffordes Roman Wie die Karnickel (Original: The Constant Rabbit) hat ein mysteriöses Ereignis in den 1960er-Jahren Kaninchen in sprechende, intelligente Wesen verwandelt. Da diese sich immer noch rasend schnell vermehren, leben mittlerweile sehr viele in Großbritannien. Doch anstelle einer über die Jahre gewachsenen Integration in die Gesellschaft erfahren sie Diskriminierung, Überwachung und den drohenden Zwangsumzug nach Wales.

Im kleinen Dorf Much Hemlock spitzen sich diese Spannungen zu, als die Kaninchenfamilie Rabbit dort einzieht. Ihr Nachbar Peter Knox, eigentlich ein zurückhaltender, fast passiver Beobachter, wird plötzlich gezwungen, Stellung zu beziehen: Unterstützt er ein System, das Ausgrenzung normalisiert, oder zeigt er Solidarität?
Zwei Seelen wohnen in ihm: Zum einen die des zuschauenden Mitläufers, der versucht, möglichst unauffällig über die Runden zu kommen. Zum anderen sieht er, dass das, was von Regierung und Mitmenschen unternommen wird, um das vermeintliche Problem zu lösen, nicht richtig ist. Vor allem, da sich eine persönliche Bindung zur Familie einstellt. Gefangen in diesem lähmenden Zustand wirkt er mitunter handlungsunfähig.
Constance und Doc Rabbit dagegen verleihen der Geschichte Charme und Würde und stehen für eine selbstbewusste, wenn auch bedrohte Minderheit. Lesende lernen durch sie die Lebensweise und auch unterschiedliche Wege des Widerstands kennen. In dem Zusammentreffen zwischen ihnen und Peter Knox kommen so einige witzige Momente auf, über denen jedoch der beständige Hauch der Bedrohung und Gefahr liegt.
Im Gegensatz zu den Hauptfiguren bleiben manche Nebenfiguren karikaturenhaft, was den satirischen Ton unterstreicht, aber gelegentlich Tiefe vermissen lässt. Besonders diejenigen aus dem Bereich des Kaninchen-Widerstands scheinen, als ob ihnen innerhalb des Romans mehr Raum gebühre.
Schreibstil
Die Welt ähnelt der tatsächlichen Welt Großbritanniens (und ist auch der deutschen sehr ähnlich): kleine Dörfer, zermürbende Bürokratie, der Versuch, durch politische Rhetorik das Unsagbare sagbar zu machen. Nur eben mit Kaninchen, die in allem an Minderheiten erinnern. Das wirkt oft satirisch-absurd, manchmal aber auch beunruhigend nah an der Realität. Die Stärke des Romans liegt genau in diesem Spagat: Er unterhält mit skurrilem Humor, macht aber gleichzeitig klar, wie leicht Fremdenfeindlichkeit gesellschaftlich akzeptiert wird. Und führt unbarmherzig vor Augen, wie leicht Worte in Taten übergehen. Besonders, da der Roman im Original bereits 2020 erschienen ist, wirkt er mit dem heutigen Blick wie eine dystopische Prophezeiung.
Dadurch, dass Fforde in Wie die Karnickel die satirischen Momente trotz der fortschreitenden Bedrohung der Minderheit durch die Mehrheit hochhält, überrascht die Grausamkeit gegenüber den Kaninchen umso mehr.
Die Übersetzung von Miriam Neidhardt fängt diese eigentümliche Erzählweise, vor allem die Fremdheit Peters den Geschehnissen gegenüber, sehr gut ein.
Der Autor
Jasper Fforde, geboren 1961, lebt und arbeitet in Wales. Ursprünglich als Kameramann tätig, wurde er mit seiner Reihe um die Buch-Agentin Thursday Next international bekannt. Seine letzten Romane erschienen im Eichborn-Verlag, während der Satyr-Verlag mit Wie die Karnickel zum ersten Mal ein Buch des Autors herausgibt. Weitere Informationen sind auf der Homepage von Jasper Fforde zu finden.
Erscheinungsbild
Auffällig ist das rote Cover, auf dem das Antlitz eines Kaninchens mit Schusslöchern in und neben den Ohren dargestellt wird. Dies setzt das Thema des Romans, Bedrohung und Witz, sehr gekonnt um. Es ist angelehnt an die englische Originalausgabe, wirkt aber in der deutschen Variante ausdrucksvoller.

Die harten Fakten:
- Verlag: Satyr
- Autor: Jasper Fforde
- Erscheinungsdatum: 01.09.2025
- Sprache: Deutsch (Aus dem Englischen übersetzt von Miriam Neidhardt)
- Format: Gebundenes Buch
- Seitenanzahl: 408
- ISBN: 978-3-910775-35-0
- Preis: 25 EUR (Print) + 18,99 EUR (E-Book)
- Bezugsquelle Fachhandel, Amazon (deutsch und englisch)
Fazit
Wie die Karnickel ist weit mehr als eine schräge Fabel über sprechende Kaninchen. Es ist ein literarischer Versuch, Mechanismen der Ausgrenzung sichtbar zu machen. Fforde setzt dieses Vorhaben auf eine Weise um, die humorvoll und zugänglich, dabei aber auch bedrohlich und ernst ist. Es gelingt ihm, das Lachen im Hals stecken zu lassen: Sein Witz entlarvt, wie schnell Vorurteile gesellschaftlich akzeptiert werden, wie leicht Menschen wegsehen, solange sie selbst nicht betroffen sind, und wie schwer es ist, gegen den Strom zu schwimmen. Gerade weil die Metapher durch die ungewöhnliche Minderheit so überzogen wirkt, entfaltet sie ihre Wucht: Wenn selbst Kaninchen Opfer von Rassismus und Bürokratie werden, wird klar, dass es nie um die „Eigenschaften“ einer Gruppe geht, sondern immer um Macht, Angst und Projektionen. Damit stellt Fforde eine unbequeme, hochaktuelle Frage: Was bedeutet Menschlichkeit und wem gestehen wir sie zu?
Wer Satire mit phantastischem Einschlag mag, wird mit diesem Roman bestens unterhalten. Menschen, die sich mit den politischen Tendenzen unserer Zeit auseinandersetzen wollen, ohne auf phantastische Literatur zu verzichten, finden hier eine scharfe und zugleich warmherzige Parabel. Wie die Karnickel ist damit nicht nur Lesespaß, sondern auch Denkanstoß. Deshalb spricht Teilzeithelden eine Leseempfehlung für das ungewöhnliche Buch aus.

- Phantasievolle Umsetzung
- Protagonist*innen, die Denkanstöße liefern
- Scharfe Satire
- Nebencharaktere etwas blass
Artikelbilder: © Satyr
Layout und Satz: Melanie Maria Mazur
Lektorat: Lidia Strauch
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