Geschätzte Lesezeit: 6 Minuten

Seit Cixin Liu weltweit Erfolge feiert, wächst das Interesse an Chinas Science-Fiction stetig. In Der Blick von den Sternen wird eine Sammlung älterer, bisher unübersetzter Texte vorgelegt, die thematisch von Umweltschutz bis Raumfahrt reichen und einen faszinierenden Einblick in die Gedankenwelt eines der berühmtesten Science-Fiction-Autor*innen bietet.

Das Genre der chinesischen Science-Fiction blickt inzwischen auf eine über hundertjährige Geschichte zurück, doch im Vergleich zu vielen anderen Gattungen gilt es noch immer als „jugendliche“ Literaturform. In den ersten Jahrzehnten der kommunistischen Ära klangen die Geschichten oft geradezu himmlisch-utopisch. Doch nach den Reformen der 1980er- und 1990er-Jahre wurden sie merklich kritischer und düsterer. Heute spricht man von einer „New Wave“, die zwar ein Auge auf anglo-amerikanische Einflüsse hat, aber klar eigene, chinesische Themen in den Vordergrund rückt. Dass das Genre gerade international an Bedeutung gewonnen hat, ist maßgeblich dem Erfolg von Cixin Liu zu verdanken, dessen Trisolaris-Trilogie das moderne Bild der Science-Fiction mitgeprägt hat.

Der Blick von den Sternen öffnet nun ein weiteres Fenster in diese faszinierende Welt. Die darin enthaltenen Essays geben Einblick in den historischen Wandel der von Liu erlebten Science-Fiction-Szene. Zugleich bestätigt die Sammlung, wie eng Chinas Science-Fiction mit realen Spannungsfeldern verwoben ist. So zeigt sich auch hier, wie sehr die Fantasie vom All stets eng mit den Herausforderungen und Hoffnungen der modernen Welt verknüpft bleibt.

Triggerwarnungen

Kriegdarstellung, Kindestod

[Einklappen]

Story

Der Blick von den Sternen ist eine Sammlung von neunzehn bisher nicht übersetzten Essays, Erzählungen und eines Interviews, in denen Cixin Liu die großen Themen aufgreift, die ihn seit Beginn seiner schriftstellerischen Laufbahn umtreiben. Sei es die Erkundung des Alls als zweite große Reise der Menschheitsgeschichte, der aktive Schutz der Umwelt oder die Entwicklung der chinesischen Science-Fiction. Immer wieder hinterfragt er die Rolle, die Wissenschaft und Gesellschaft dabei spielen. Dabei stellt er auch die ein oder andere umstrittene These auf, wie etwa, dass Science-Fiction seiner Ansicht nach die größte Wirkung entfaltet, wenn sie möglichst zeitnah zum aktuellen Geschehen gelesen wird. Gleichzeitig, so argumentiert er, finde das Genre vor allem in stabilen Zeiten Anklang. In Krisenphasen würden sich die Menschen vermehrt auf konkrete Sorgen konzentrieren und hätten weniger Muße für spekulative Zukunftsvisionen. Für Fans der Phantastik dürfte besonders das Essay zur Beziehung zwischen Science-Fiction und Fantasy spannend sein. Liu hinterfragt dort, ob die beiden Genres unvermeidlich im Wettstreit liegen und wieso wissenschaftlich untermauerte Fiktion für viele Lesende ein stärkeres Gefühl von „Echtheit“ erzeugen kann als jede Form von Magie.

Cixin Liu betrachtet sich in seinen Texten als eine Art Reiseleiter, der seine Leserschaft zu den Wundern der Wissenschaft in diesem Universum führt. Die Kurzgeschichten dieses Sammelbandes finden dabei an Schauplätzen rund um den Globus statt. Mal in einer nahen Zukunft, in der ein einziger Flügelschlag große Umwälzungen herbeiführen kann, mal in Welten, in denen unscheinbare Spezies die Geschicke unseres Planeten bestimmen. Gerade diese Vielfalt an Ideen und Szenarien macht das Lesen zu einem kurzweiligen Erlebnis.

Wer wissen möchte, was Cixin Liu zur Science-Fiction gebracht hat und wie er die Grenzen des Genres neu auslotet, wird hier fündig. Auch wenn nicht alle Essays und Geschichten brandneu sind, viele von ihnen sind sogar mehr als zwanzig Jahre alt, verlieren sie weder an Aktualität noch an Intensität. Liu führt einmal mehr vor Augen, wie eng unsere Gegenwart mit spekulativen Zukunftsentwürfen verwoben ist und wie wichtig es sein kann, ökologisches Bewusstsein und interplanetare Perspektiven zusammenzudenken.

Schreibstil

Die Texte in Der Blick von den Sternen sind in einem klaren, oft bildhaften Stil verfasst, der gerade in den Essays immer wieder schöne Vergleiche aufgreift. So beschreibt Liu beispielsweise die Menschheit an einer Stelle poetisch als Waisenkind des Universums. Innerhalb des Buches sind die Erzählungen und Essays abwechselnd angeordnet, jedoch nicht nach ihrem ursprünglichen Erscheinungsdatum sortiert, sondern nach thematischen Gesichtspunkten angeordnet. Auf diese Weise entsteht ein loserer roter Faden, der sich weniger an chronologischen Fakten orientiert als an inhaltlichen Schwerpunkten. Die Titel sämtlicher Texte sind zusätzlich in der Originalsprache aufgeführt. Das wirkt nicht nur optisch ansprechend, sondern es wird auch ein Gefühl für die Sprache vermittelt.

Gleich drei Übersetzer*innen, Karin Betz, Johannes Fiederling und Marc Hermann, haben an den Kurzgeschichten und Essays mitgewirkt. Sie alle sind erfahrene Übersetzer*innen chinesischsprachiger Literatur und haben bereits in Anthologien wie Die Wandernde Erde, Quantenträume oder Zerbrochene Sterne Kurzgeschichten übersetzt. Negativ aufgefallen in der Übersetzung ist in diesem Fall nur, dass “Schwarz” im Kontext von Hautfarbe klein geschrieben wurde. In einem Buch, das 2025 erscheint, darf man erwarten, dass diese politisch bewusste Selbstbezeichnung mit einem großen Anfangsbuchstaben respektiert wird. Zwar stört dieser Aspekt den Lesefluss nicht entscheidend, doch er wirft einen kleinen Schatten auf eine ansonsten insgesamt durchweg gelungene Übersetzung.

Der Autor

Cixin Liu, geboren 1963 in Peking, ist der derzeit erfolgreichste chinesische Science-Fiction-Autor. Nach seiner Arbeit als Ingenieur in einem Kraftwerk widmet er sich inzwischen ganz dem Schreiben. Als erster chinesischer Roman wurde Die drei Sonnen 2015 mit dem Hugo Award ausgezeichnet. Die gesamte Trisolaris-Trilogie wurde international gefeiert und inzwischen von Netflix unter dem Titel 3 Body Problem verfilmt.

Erscheinungsbild

Das Coverdesign stammt von ILLUSTRAT und passt treffend zum Titel sowie zum Science-Fiction-Thema des Buches. Im Hintergrund erkennt man eine einzelne Gestalt im Raumanzug, die aus einer großzügigen Panoramascheibe ins All schaut. Der Fokus liegt jedoch klar auf dem leuchtend gelben Autoren­namen im Vordergrund. Damit wird deutlich gemacht, dass hier vor allem Cixin Lius Ideen und Gedankenwelt im Mittelpunkt stehen.

Die harten Fakten:

  • Verlag: Heyne
  • Autor: Cixin Liu
  • Erscheinungsdatum: 12. Februar 2025
  • Sprache: Deutsch (Aus dem Chinesischen übersetzt von Karin Betz, Johannes Fiederling und Marc Hermann)
  • Format: Hardcover
  • Seitenanzahl: 336
  • ISBN: 978-3-453-27508-9
  • Preis: 20,00 EUR (Print) + 14,99 EUR (E-Book)
  • Bezugsquelle Fachhandel, Amazon

 

Bonus/Downloadcontent

Im Anhang findet sich eine Auflistung aller ins Deutsche übersetzten Romane von Cixin Liu, sowie Erläuterungen zur Schreibweise und Aussprache. Dort wird eine kleine Zusammenfassung der Geschichte der chinesischen Schrift aufgezeigt und das Transkriptionssystem Pinyin vorgestellt.  

Fazit

Der Blick von den Sternen bietet eine spannende Reise durch ältere, bislang unübersetzte Texte von Cixin Liu und zeigt deutlich, wie breit sein thematisches Spektrum ist. Wer sich für Umweltschutz, Raumfahrt und die Entwicklung der chinesischen Science-Fiction interessiert, wird hier fündig. Die nicht-chronologische Sortierung und die unterschiedlichen Übersetzer*innen sorgen zwar manchmal für kleine Stolpersteine, doch die vielseitigen Inhalte machen das wieder wett.

Gerade weil die Texte relativ kurz sind, lässt sich jede Erzählung gut einzeln lesen, perfekt also für Menschen mit wenig Lesezeit. Auch wenn viele der Texte schon recht alt sind, spürt man in jeder Zeile, wie tief Lius Gedankenwelt reicht und wie sehr sie immer noch in unsere heutige Zeit hineinragt. Wer mehr über die Denkweise hinter der berühmten Autor der Trisolaris-Trilogie erfahren möchte, ist hier genau richtig.

  • Einzigartiger Einblick in die chinesische Science-Fiction-Szene
  • Vielseitige Themenpalette
 

  • Die meisten Texte sind mehr als 20 Jahre alt

 

Titelbild: depositphotos ©alexaldo
Artikelbilder: ©Heyne
Layout und Satz: Annika Lewin
Lektorat: Saskia Harendt

Dieses Produkt wurde kostenlos zur Verfügung gestellt.
Dieser Artikel enthält Affiliate-Links. Durch einen Einkauf unterstützt ihr Teilzeithelden, euer Preis steigt dadurch nicht.

Kommentieren Sie den Artikel

Bitte geben Sie Ihren Kommentar ein!
Bitte geben Sie hier Ihren Namen ein