Eines der wildesten Brettspiele der letzten Jahre: Stationfall lässt Mensch, Maschine und Mutanten auf einer abstürzenden Raumstation kollidieren. Was wie ein undurchschaubares Chaos klingt, entpuppt sich als fesselndes Spielerlebnis voller Intrigen, schwarzem Humor und unvorhersehbarer Wendungen. Ungeduldige Gemüter und schwache Nerven sind hier fehl am Platz.
Stationfall stammt von Autor Matt Eklund und erschien nach erfolgreicher Kickstarter-Finanzierung 2023 bei Ion Game Design und auch in Deutschland durch die Spieleschmiede. Für die stimmigen Illustrationen sorgen Anne Isaksson und Madeleine Fjäll. In der internationalen Spielszene sorgte der Titel früh für Aufsehen, nicht zuletzt da Stationfall in Sachen Hidden-Role-Mechanik neue Wege geht. Auf den ersten Blick erinnert das Szenario an den Sci-Fi-Horror Nemesis, denn auch hier sind die Spieler*innen Crew-Mitglieder einer dem Untergang geweihten Raumstation mit eigenen, mitunter konkurrierenden, Zielen. Gleichzeitig schlägt das Spiel in eine ähnliche Kerbe wie Social-Deduction-Hits à la Feed the Kraken: Niemand kennt die wahre Identität oder Agenda der anderen. Allerdings ist Stationfall kein simples „Wer ist der*die Verräter*in?“-Ratespiel, sondern ein überraschend komplexes Intrigenspiel voller Möglichkeiten und erstaunlicher narrativer Momente.
Mord, Gewalt
Inhaltsverzeichnis
Spielablauf
Stationfall folgt einem festen Rundenablauf und kombiniert Elemente aus versteckter Identität, Area Control, Ressourcenmanagement und gezielter Manipulation. Die Handlung spielt in den letzten 15 Minuten vor dem Einschlag einer Raumstation auf die Erde – jede Minute entspricht dabei exakt einer Spielrunde.
Zu Beginn erhält jede Person zwei Identitätskarten, aus denen eine geheime Rolle gewählt wird. Die andere Karte bestimmt einen sogenannten Bonuscharakter, der durch bestimmte Zustände (zum Beispiel verletzt, lebendig, in Freiheit) zusätzliche Punkte am Spielende einbringt. Die Siegpunkte basieren dabei auf einer Agenda, die verschiedene Bedingungen erfüllt sehen will, wie etwa Flucht mit bestimmten Gegenständen oder das Ausschalten einer Zielperson. Die Identität wird erst offenbart, wenn man sich zu erkennen gibt – oder durch deduktive Aktionen enttarnt wird.

Eine Partie verläuft über 15 Runden (in Anlehnung an die 15 Minuten bis zum Absturz). Jede Runde gliedert sich in drei Phasen:
- Startphase: Ereignisse und stationäre Effekte werden abgehandelt. Hierzu zählt etwa die Ausbreitung von Feuer oder das Freisetzen gefährlicher Projekte.
- Aktionsphase: Reihum führen die Personen ihre Züge aus. Wer am Zug ist, wählt eine aktive Figur. Dies muss nicht die eigene geheime Identität sein! Stattdessen übernimmt man durch Einflussmarker die Kontrolle über eine beliebige Figur, solange man die Mehrheit an Einfluss besitzt.
- Endphase: Kontrolleffekte, automatisierte Stationseffekte und eventuell ausgelöste Katastrophen werden abgehandelt.
Die Einflussmechanik ist das Herzstück des Spiels: Jede*r kann mit einer Aktion Einfluss auf eine beliebige Figur legen. Wer am Zug ist, übernimmt dann eine kontrollierte Figur – oder setzt Einfluss, um diese zu übernehmen. Die Person mit der Mehrheit an Einfluss kontrolliert die Figur und darf zwei Aktionen durchführen:
- Bewegung: Auf ein Feld in einem angrenzenden Raum.
- Aufheben oder Fallenlassen von Gegenständen
- Kampf: Angriff auf eine Figur mit passender Waffe
- Interaktion mit Stationselementen: zum Beispiel Aktivieren von Luftschleusen, Computerterminals, Feuerlöschern
- Spezialaktion (falls durch die Figur oder Equipment erlaubt)
Besonders clever: Eine Figur kann auch kontrolliert werden, ohne die Identität offenzulegen. Die Offenbarung der eigenen Identität erlaubt jedoch stärkere Spezialfähigkeiten und bringt bestimmte Regeln ins Spiel, etwa Immunitäten oder Bonusaktionen.

Gegenstände (wie Jetpacks, Waffen, Projektkarten) können aufgenommen, getragen und benutzt werden – teils nur durch bestimmte Figuren. Ein Space Hamster mag beispielsweise harmlos wirken, kann aber durch seine Fähigkeit andere Figuren manipulieren, wenn er getragen wird.
Das Spiel endet nach 15 Runden automatisch mit dem sogenannten Stationfall. Alternativ kann das Ende durch bestimmte Trigger wie Zerstörung des Reaktors oder Flucht aller Figuren früher eintreten. Dann wird gewertet:
- Agendaerfüllung: Punkte für erfüllte Ziele der gewählten Identität.
- Bonuscharakter-Ziele: Punkte abhängig vom Zustand der zweiten geheimen Figur.
- Enthüllung: Nur wer sich im Spielverlauf offenbart hat, erhält Punkte aus der Identität. Das macht das Timing der Offenbarung entscheidend
Die Person mit den meisten Punkten gewinnt – ein Unentschieden ist möglich und thematisch sogar erwünscht, wenn mehrere Charaktere ihre Agenden erfolgreich durchbringen.
Ausstattung

Die Materialqualität von Stationfall bewegt sich auf solidem Niveau. In der Retail-Version finden sich anstelle von Miniaturen Holzmarker für alle Charaktere. Diese haben spezielle Formen mit aufgedruckten Icons was ihren Status erkennen lässt, aber durchaus häufigeres Nachdenken welche Figur zu welchem Symbol passt auslöst. Das Spielbrett ist großformatig und zeigt die verschiedenen Stationsdecks mit farbcodierten Bereichen. Illustrationen der Charakter-Dossiers sind liebevoll und transportieren den schrägen Humor des Settings. Einziger Wermutstropfen bei der Ausstattung ist das Fehlen eines sortierten Inlays. Alle Komponenten müssen in Zip-Beuteln verstaut werden, was dem Aufbau etwas Vorbereitung abverlangt.
Bei der grafischen Gestaltung scheiden sich die Geister. Die Symbolik ist zwar konsistent, aber in ihrer Menge eine echte Hürde. Auch der Hauptplan erinnert mit seinen flächigen Farbzonen eher an ein trockenes 0815-Spielbrett und nicht an eine brennende Raumstation. Hier steht klar die Funktion über der Ästhetik, was gerade beim Einstieg abschreckend wirken kann. Ebenfalls kontrovers in der Community diskutiert wurde das Regelwerk: Stationfall kommt gleich mit drei Büchern – Schnellstart-Guide, Referenzhandbuch und Charakter-Dossier. Obwohl damit prinzipiell alle Informationen vorhanden sind, fühlen sich viele beim Lernen zunächst erschlagen. Mit Hilfe von YouTube-Videos geht es aber. Sehr positiv ist jedoch anzumerken, dass das Nachschlagewerk ein gutes Index-System hat und das Charakter-Dossier viele Hintergrundinfos und Beispiele liefert, die den eher generischen Holzmarkern echten Charme gibt.
Die harten Fakten:
- Verlag: Corax Games
- Autor*in(nen): Matt Eklund
- Illustrator*in(nen): Anne Isaksson, Madeleine Fjäll
- Erscheinungsjahr: 2025
- Sprache: Deutsch
- Spieldauer: 90 bis 120 Minuten
- Spieler*innen-Anzahl: 1 bis 9 Personen (ich mochte es am liebsten zu fünft)
- Alter: ab 12 Jahren
- Preis: ca. 70 EUR
- Bezugsquelle: Fachhandel
Bonus/Downloadcontent

Aktuell sind keine Erweiterungen oder zusätzlichen Szenarien für Stationfall erschienen – das Grundspiel bietet bereits Dutzende Charaktere und somit enorme Vielfalt. Allerdings gab es in der Kickstarter-Kampagne optionale Miniaturen für alle Charaktere sowie eine große Neopren-Spielmatte als Ersatz für das Spielbrett. Das englische Regel-PDF, kann kostenlos beim Verlag heruntergeladen werden. Dort finden sich auch Regel-Video-Links und eine Verknüpfung zum Tabletop Simulator Mod.
Fazit
Stationfall bietet ein Brettspielerlebnis, das in seiner Kombination aus Strategie, Deduktion und urkomischem Storytelling seinesgleichen sucht. Nach der anfänglich hohen Einstiegshürde entfaltet sich ein unglaublich tiefes und dynamisches Spiel, das mit jedem Durchgang besser wird. Das Design belohnt Kreativität, Timing und Menschenkenntnis und schreibt dabei die schrägsten Geschichten, die man auf einem Spielbrett erleben kann. Trotz kleiner Schwächen in der Präsentation ist das Gesamtwerk schlicht beeindruckend. Das Spiel erhält 5 von 5 Rettungskapseln.

- Schwarzhumoriges, chaotisches Spielerlebnis
- Hoher Wiederspielwert
- Social Deduction für anspruchsvolle Vielspielende
- Extrem komplexe Regeln und sehr hohe Einstiegslernkurve
- Überladene Symbolik und unübersichtliches Spielmaterial
Artikelbilder: © Corax Games
Layout und Satz: Roger Lewin
Lektorat: Susanne Stark
Fotografien: Tim Billen
Dieses Produkt wurde privat finanziert.
Dieser Artikel enthält Affiliate-Links. Durch einen Einkauf unterstützt ihr Teilzeithelden, euer Preis steigt dadurch nicht.

















