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Viele Freundschaftsgeschichten sind nach ähnlichem Schema aufgebaut: Vielleicht hasst man sich erst mal, ist sich gegenseitig suspekt oder gleich ganz dick befreundet, weil man gemeinsam etwas erlebt hat. In Aggie und der Geist vom Rotopol-Verlag stoßen wir auf eine kurze Geschichte mit Bildern, deren Ende wir so nicht erwartet haben.

Um dieses Ende noch nicht ganz vorwegzunehmen, beginnen wir mit einer kurzen Info zum Verlag, in dem das Buch erschienen ist – Rotopol. Dieser kleine Verlag hat vor allem künstlerische Bücher und Papierprodukte im Sortiment. Aggie und der Geist mag auch erst mal wie ein Kinderbuch erscheinen, zeigt aber dann doch eine Metaebene, die nicht nur für die Jüngsten ansprechend ist.

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keine

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Handlung

Aggie ist ein Kind, das sein erstes eigenes Zuhause bezieht. Sie macht es sich schön, hat genaue Vorstellungen, wie alles sein soll, und freut sich auf einen recht gemütlichen Alltag.
Aber leider wohnt in ihrem Haus ein Geist! Und zwar einer der altmodischen Art, der spukt und Tumult macht und alles durcheinanderbringt. Er klaut den Käse, wirft Sachen durcheinander, ist laut und ganz schön aufmüpfig. Doch vor allem: Er ist ständig da und Aggie ist gern allein.

In Aggies Heim spukt es!

Ihr geht das alles sehr auf die Nerven und sie will diesen Störenfried auf keinen Fall akzeptieren. Sie stellt eigene Regeln auf: Wann hat der Geist wie und wo zu spuken, wie darf er in Erscheinung treten etc. Alles nach ihrem Gutdünken! Die Spukgestalt ist wie zu erwarten natürlich wenig zur Zusammenarbeit bereit, er ist nun mal ein Geist. Verzweifelt bietet Aggie diesem schließlich ein Duell an.

Aggie versucht, das Ganze sehr erwachsen zu lösen.

In einer Partie Tic-Tac-Toe tief im Wald soll ein für alle Mal geklärt werden, wem das Haus gehört und damit auch, was darin getan wird. Doch auch dieses Duell, das unter sehr mystischen Verhältnissen gespielt wird, ergibt kein abschließendes Ergebnis.

Das Duell im Wald soll klären, wer das Sagen hat.

Zuhause wird Aggie dann noch strenger: mehr Regeln, mehr Vorgaben.
Der Geist bäumt sich in der folgenden Nacht ein letztes Mal auf: Er bricht jede einzelne Regel – und ist dann verschwunden.
Und siehe da, irgendwie ist es doch etwas fad und traurig ohne den Geist…
Was wohl als Nächstes passiert?

Der Geist bricht alle Regeln und verschwindet dann…

Zeichenstil

Der Kanadier Matthew Forsythe ist vor allem für seine atmosphärischen und leuchtenden, fast schon traumartigen Illustrationen bekannt. Dadurch, dass er für seine Linearts und Colorierung viele verschiedene Farben nutzt, entsteht ein prismen-artiges Leuchten in den Bildern.
Von ihm stammen mit Mina und Pokko und die Trommel bereits zwei weitere recht bekannte Kinderbücher, die sich jeweils auch um einen einzelnen kleinen Charakter drehen.

© Rotopol

Die harten Fakten

  • Verlag: Rotopol
  • Autor*in(nen): Matthew Forsythe
  • Zeichner*in(nen): Matthew Forsythe
  • Seitenanzahl: 68 Seiten
  • Preis: 18 EUR
  • Bezugsquelle: Fachhandel, Amazon

 

Fazit

Aggie und der Geist ist ein überraschend tiefgehendes Kinderbuch, das nicht nur Jüngere anspricht.
Die Protagonistin mag sehr selbständig für ein Kind wirken, zeigt aber deutlich bürokratische und erwachsene Züge, indem sie harte Regeln und Strukturen aufstellt, ohne mit dem Geist überhaupt in den Dialog zu treten. Der Geist war schließlich schon im Haus, bevor sie kam.

Die Illustrationen auf dem Buchspiegel.

Vielleicht mag diese kleine und unerwartete Geschichte daran erinnern, dass ein gemeinsames Existieren eben von beiden Seiten abhängt und man daher auch alle Bedürfnisse, die man beim Zusammenleben so hat, berücksichtigt. Gerade die Spiel-Szene verdeutlicht auch, dass Machtkämpfe nicht zu einer Verbindung führen können.

Szenen aus Vermieter-Mieter-Konstellationen oder WG-Gemeinschaften könnten beim Lesen vor das innere Auge treten, aber auch allgemein gesehen ist diese kleine Parabel ein Sinnbild für die Gesellschaft, in der wir trotz und grade wegen unserer Verschiedenheiten lernen müssen, miteinander auszukommen. Und ganz vielleicht brauchen wir uns auch gegenseitig, dann ist man zusammen weniger allein.

  • Leuchtende und satte Illustrationen
  • Gutes Worldbuilding
  • Unerwarteter Verlauf der Geschichte
 

  • Unklar mystische Spiel-Szene im Wald

 

Artikelbilder: © Rotopol
Layout und Satz: Melanie Maria Mazur
Lektorat: Gloria Puscher
Fotografien: Verena Tribensky

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