Der Film Der weiße Hai spülte in den Siebziger Jahren massenweise Besucher in die Kinos. Nun kann man die epische Schlacht zwischen dem namenlosen Killerhai auf der einen und den Männern Brody, Quint und Hooper auf der anderen Seite als Brettspiel selbst nachspielen. Ist die Umsetzung thematisch und spielmechanisch gelungen?
Das Schwimmparadies Amity Island und seine zauberhaften Strände werden von einem Hai unsicher gemacht. Nachdem mehr als nur ein Schwimmer ihm zum Opfer fällt, wird schnell klar, dass hier etwas getan werden muss. Polizeichef Brody, Meeresbiologe Hooper und Haijäger sowie auch Schiffsbesitzer Quint schließen sich zusammen, um ihn zur Strecke zu bringen – soweit der kurze Abriss der Filmhandlung.
Das Thema der Bedrohung durch einen menschenfressenden Riesenhai ist zwar wenig realistisch, ein Kultfilm ist der Horrorklassiker Der weiße Hai aber bis heute geblieben. Nun wurde mit dem gleichnamigen Spiel das packende Geschehen des Films aufs Brett gebracht.
Das Strategiespiel ist in zwei Akte mit unterschiedlichen Abläufen unterteilt und funktioniert asymmetrisch. Bis zu drei Spieler übernehmen die Rollen der Haijäger Quint, Brody und Hooper und müssen zum Erfolg kooperativ zusammenarbeiten, der Hai hingegen spielt alleine und macht seine Züge verdeckt, um nicht zu sagen „haimlich“.
Kann das Brettspiel den Geist des Films wiedergeben oder ist es nur Aufhängerthema? Und wie ausbalanciert sind die Spielmechanismen? Wir verraten euch, ob die Brettspielumsetzung den nötigen Biss hat.
Spielablauf
Wie im Film treten Quint, Brody und Hooper gegen den weißen Hai an und gewinnen das Spiel, wenn sie ihn zur Strecke bringen. Der Hai gewinnt, wenn er alle Crewmitglieder eliminiert oder das Schiff Orca zerstört. Auf diese Art wird Der weiße Hai mit zwei bis maximal vier Spielern gespielt, der Hai wird hierbei von einem Spieler übernommen, während die drei Crewmitglieder von den übrigen Spielern gesteuert werden (bei nur zwei Spielern steuert somit einer alleine alle drei). Das Spiel besteht aus zwei Akten mit unterschiedlicher Mechanik, die sich nacheinander, aber auch unabhängig voneinander spielen lassen (letzteres mit kleinen Regel- und Zielanpassungen).
Akt 1

Der erste Akt findet auf Amity Island statt, der berühmten Insel, die im Film zu einem regelrechten Haibuffet wurde, und ist konzipiert als Hidden-Movement-Spiel, ähnlich wie der Spieleklassiker Scotland Yard, ebenfalls von Ravensburger oder Letters from Whitechapel vom Heidelberger Spieleverlag.
Jede Runde wird eine Ereigniskarte gelegt, die potenzielle Opfer des Hais – unvorsichtige Schwimmer – an den sonnigen Stränden von Amity Island platziert und ein weiteres zufälliges Ereignis auslöst, das positiv oder negativ für die jeweiligen Fraktionen sein kann. Die Ereignisse spielen vielfach auf Filmszenen an.
Abwechselnd sind erst der Hai und dann seine Kontrahenten an der Reihe, während sich der Hai all seine Bewegungen geheim notiert und das Ziel hat, so viele Schwimmer wie möglich zu fressen, ohne entdeckt zu werden. Er hat außerdem vier einmalige Sonderfähigkeiten zur Verfügung, etwa um zu verhindern, erfolgreich geortet zu werden.

Die Crew wiederum muss versuchen, die Bewegungen des Hais durch die wenigen Anhaltspunkte, wie gefressene Schwimmer, nachzuvollziehen und ihn zweimal auf dem exakt richtigen Feld orten, um mit Quint seine Aktion Fass werfen dorthin durchführen. Zwei erfolgreiche Treffer am Hai beenden den ersten Akt. Jedes der Crewmitglieder kann sich über die Insel und Umgebung bewegen und Schwimmer vom Strand retten, hat aber noch weitere individuelle Aktionen zur Verfügung, je nach Charakter. Hier wurde wirklich versucht, den Film spielerisch umzusetzen, so dass die Eigenschaften der drei Hauptcharaktere sich auch in der Mechanik wiederfinden. Etwa kann nur Polizeichef Brody kurzzeitig einen Strand schließen, damit keine künftigen Schwimmer dort erscheinen, wie er es im Film auch tut. Auch wurden weitere Kleinigkeiten aus dem Film eingebaut, wie ein Sonderplättchen mit Brodys Sohn Michael als Schwimmer, welches dem Hai mehr Punkte bringt, wenn er es schafft, ihn zu fressen.
Akt 2

Für den zweiten Akt wird, fast wie im Theater, ein wenig umgebaut. Das Spielfeld drehen wir auf die Rückseite, sie zeigt nun Wasser, auf dem in acht verschiedenen Bootsteilen die Orca, das Schiff von Quint, gelegt wird. Der Hai muss jede Runde eine von drei Karten wählen, die eine Stelle des Schiffes zum Auftauchen und auch seine Angriffsstärke und Verteidigung für diese Runde bestimmen. Die Crew muss ihre Angriffe planen, in dem sie versucht, korrekt vorherzusagen, wo der Hai auftauchen wird und dort anzugreifen. Schaden und Verteidigung werden ausgewürfelt, die Crewmitglieder können vom Hai angegriffen werden, wenn sie im Wasser landen. Sehr viel einfacher als Hai ist es jedoch zu versuchen, das Boot zu zerstören.
Wenn man beide Akte hintereinander spielt, können Hai oder Besatzung außerdem von den Erfolgen des ersten Aktes profitieren. Je besser der Hai sich dort geschlagen hat, desto mehr Karten mit Spezialfähigkeiten stehen ihm zur Verfügung, aber desto weniger hat die gegnerische Crew an Ausrüstung und umgekehrt.
In beiden Akten wurde das Filmthema bis in die Details perfekt eingefangen, optisch und spielerisch. Es gibt lauter schöne Ideen, etwa die Kartenteilreduktion im zweiten Akt, die die Zerstörung der Orca nach und nach mit immer mehr angefressenen Bootsteilen darstellt. Viele Gegenstände aus dem Film (die berühmte Druckluftflasche!) fanden auch ihren Weg ins Brettspiel. Lobend erwähnt werden muss außerdem, dass auf den Spielkarten zahlreiche, zur Aktion oder zum Gegenstand passende Filmzitate notiert wurden, die auch der Übersetzung in der deutschen Filmfassung des Horrorstreifens exakt entsprechen.

Am besten spielt sich eine Partie Der weiße Hai mit vier Spielern, wo jedem Spieler genau eine Rolle zukommt. Die Abstimmung der drei Crewmitglieder untereinander macht Spaß, aber auch als Hai wägt man besonders im ersten Akt jede seiner taktischen Entscheidungen ab, um erfolgreich zu sein. Insgesamt ist der erste Akt der deutlich abwechslungsreichere und interessantere, der zweite verkommt zum Schluss leider zu langatmigem Auswürfeln.
Der Wiederspielwert ist jedoch insgesamt trotzdem nicht besonders groß, selbst wenn Rollen getauscht werden. Die taktischen Möglichkeiten sind limitiert, besonders im zweiten Akt, dessen Finale zwar den Film gut inszeniert, spielerisch aber eher zurücksteht und diejenige Partei mit dem meisten Würfelglück siegen lässt, unabhängig der Ergebnisse des ersten Aktes. Das ist unbefriedigend und hier wäre spielmechanisch gerade bei einem Taktikspiel mehr gegangen.
Ausstattung

Die Box Der weiße Hai bringt einiges an Material mit, eine Materialschlacht wird es aber durch die Aufteilung in zwei verschiedene Akte trotzdem nicht. Im Umfang enthalten sind ein doppelseitiges Spielbrett, Karten für Ereignisse, Fähigkeiten und Ausrüstungen, Charaktertafeln, ein mehrseitiger Block für das Aufschreiben der Haibewegungen, einige Holz- und Pappmarker sowie drei Würfel und eine Spielanleitung.
Die Haptik in Form von Karten, Pappteilen und schönen Holzteilen weiß zu überzeugen. Der Preis von um die 40 Euro ist damit am oberen Ende, aber durchaus gerechtfertigt, da die Materialqualität hochwertig ist.
Die Spielanleitung ist im Prinzip schön gestaltet und erklärt das Spiel im Einzelnen übersichtlich und gut. Ein paar Detailfragen, besonders zum zweiten Akt, werden aber nicht explizit beantwortet. Offen bleibt in der Anleitung etwa die Problematik, ob der Hai auch Felder zum Auftauchen wählen darf, deren Bootsteil bereits komplett zerstört wurde, was aus taktischen Gesichtspunkten durchaus sinnvoll sein könnte, auch wenn er so keinen Schaden erzielen kann.
Die harten Fakten:
- Verlag: Ravensburger Spiele
- Autor(en): Prospero Hall
- Erscheinungsjahr: 2020
- Sprache: Deutsch
- Spieldauer: 60-90 Minuten
- Spieleranzahl: 2 3 4
- Alter: Ab 12 Jahren
- Preis: ca. 20-40 EUR
- Bezugsquelle: Fachhandel, idealo oder Amazon
Bonus/Downloadcontent
Für einen schnellen Spieleinstieg, oder den ersten Eindruck vom Geschehen, gibt es ein in der Spielanleitung verlinktes Video zum Spielprinzip.
Fazit
Die Bewertung des Spiels zerfällt ebenso in zwei Teile, wie es das Spiel selbst mit seinen zwei verschiedenen Akten tut: Einerseits ist die thematische Umsetzung des Films, andererseits aber auch die entstandene Spielmechanik zu bewerten. Hier lag bei der Spielentwicklung offenbar klar der Fokus auf der Filmanlehnung.
Der weiße Hai setzt Thema und Handlung des Films auf eine würdige und sehr liebevolle Art um, weit über die Spielpackung mit dem charakteristischen Filmplakat-Artwork hinaus. Das fängt bei der retrohaft anmutenden Optik mit detailgetreu gezeichneter Wiedergabe der Schauplätze (der Insel Amity Island oder des Schiffes Orca) an, geht über die zahlreichen Filmzitate auf den Karten und hört bei der grundsätzlichen Aufteilung der Akte und spielerischen Handlungen auf.

Auch Details aus dem Film werden aufgegriffen, etwa im ersten Akt mit der Tatsache, dass wir in der Rolle von Brody nur an Land agieren, da dieser bekanntermaßen ziemlich wasserscheu ist. Im Prinzip wurden nur wenige Kleinigkeiten im Brettspiel angepasst. Ansonsten haben wir es hier mit einer sehr exakten, fast nacherzählenden Filmadaption zu tun.
Dies ist jedoch Fluch und Segen zugleich. Was auf der einen Seite sehr gelungen ist, wirkt sich spielmechanisch besonders im zweiten Teil nicht so positiv aus. Im Film verwandelt sich die Auseinandersetzung zwischen dem Hai und der Schiffscrew gegen Ende des Films zunehmend mehr in einen Nahkampf. Dies wurde im Brettspiel entsprechend adaptiert, allerdings mit den Folgen, dass der zweite Akt besonders zum Ende hin in eine Würfel- und „Haudrauf-Orgie“ verkommt und dadurch spielmechanisch nicht mehr hundertprozentig ausbalanciert wirkt. Der Raum für Taktik schwindet und besonders der Hai hat es deutlich schwerer zu gewinnen als die gegnerische Fraktion, selbst wenn beide Akte hintereinander gespielt wurden und der Hai dort deutlich „erfolgreicher“ gespielt hat.
Spielerisch der interessantere Akt ist somit definitiv der erste, bei dem sowohl Hai als auch Crewmitglieder ihre Aktionen mit Bedacht planen müssen.
Wer auf der Suche nach einem Spielerlebnis mit lupenreiner und gut austarierter Mechanik ist, sollte hier trotz der guten Ideen lieber zweimal überlegen. Fans des Filmklassikers werden hier jedoch mehr als auf ihre Kosten kommen. Und nicht zuletzt weckt Der weiße Hai durchaus Lust, den Film noch einmal zu schauen.

mit Tendenz nach oben
Artikelbilder: © Ravensburger Spiele
Layout und Satz: Melanie Maria Mazur
Lektorat: Katrin Holst
Fotografien: Thekla Barck
Dieses Produkt wurde kostenlos zur Verfügung gestellt.

















