Geschätzte Lesezeit: 11 Minuten

Das Erfinden neuer Technologien ist fester Bestandteil vieler Spiele, in denen das Weltall besiedelt wird. Meist ist es eher ein Mittel zum Zweck und nur kleiner Bestandteil des großen Ganzen. Wenn ihr schon immer ein Spiel wolltet, das dieses Verhältnis umkehrt, solltet ihr einen Blick auf Beyond the Sun werfen.

Thermonukleare Kriege, der Klimawandel, soziale Unruhen – all das hat dafür gesorgt, dass die Erde nicht mehr als Heimat für die Menschheit ausreicht und stattdessen eine Auswanderung ins All stattfinden muss. Also schließen sich kurzerhand die Fraktionen der Erde zusammen, forschen und entwickeln einen Antrieb, mit dem endlich interstellare Reisen möglich werden. Terraforming, resistente Pflanzen und Asteroidenbergbau werden als weitere Schlüsseltechnologien entwickelt und stellen sicher, dass gefundene Planeten auch nutzbar gemacht werden können.

Beyond the Sun benötigt einen Spieltisch mit einer Menge Platz.

Und so ziehen die Fraktionen aus, stets auf der Suche nach interessanten Planeten und ständig dabei, weitere Forschungen anzustellen, die neue Möglichkeiten eröffnen.

So die generische und für den weiteren Verlauf des Spiels unerhebliche Geschichte hinter Beyond the Sun – so unwichtig, dass sie auch im Spiel selbst nur auf der ersten Seite überhaupt erwähnt wird. Schnell wird klar: Ein besonders thematisches Spiel hat man hier nicht vor sich. Stattdessen handelt es sich um ein waschechtes Eurogame mit einem Thema, das man sonst eher aus Titeln wie Twilight Imperium kennt.

Spielablauf

Beyond the Sun ist ein Worker-Placement-Spiel für zwei bis vier Personen. Jede*r Spielende übernimmt die Kontrolle über eine der vier verfügbaren Fraktionen. Diese gibt es jeweils in einer Standardvariante, die sich nur durch die Startressourcen unterscheiden, sowie in einer Expertenvariante mit individuellen Spezialfähigkeiten und Produktionsleisten.

Wer am Zug ist, versetzt die eigene Aktionsfigur auf eine andere Aktion, führt diese aus und darf dann entweder Bevölkerung oder Erz produzieren oder einen Tausch zwischen diesen beiden Ressourcen durchführen.

In jeder Partie liegen vier Spielziele aus. Zwei davon sind immer gleich, die anderen werden zu Beginn der Partie zufällig gezogen. Liegen auf diesen Spielzielen genug Marker, die die Erfüllung symbolisieren, wird das Spielende eingeläutet.

Nachdem drei Marker lagen, wurde das Spielende eingeleitet. Danach gelang es Weiß sogar noch, ein Ziel ebenfalls zu erreichen.

Der Spielablauf klingt auf Anhieb simpel, und die Grundstruktur ist auch genau das. Zu Beginn jeder Partie gibt es die immer gleichen grundlegenden Aktionen, und die ersten ein bis zwei Züge sehen immer ähnlich aus. Allerdings divergieren die Partien sehr schnell, denn eine der grundlegendsten Möglichkeiten des Spiels ist die Entwicklung neuer Technologien. Diese gibt es in vier Stufen. Die vier Technologien der Stufe 1 sind in jeder Partie gleich, aber ihre Position auf dem Spielplan ist unterschiedlich. Das macht zu Beginn keinen Unterschied, hat aber auf die verschiedenen Äste des sich entwickelnden Technologiebaums Einfluss. Denn die Technologien der Stufen zwei bis vier können jeweils nur dann durch Wählen der entsprechenden Aktion entwickelt werden, wenn mit den bisher selbst erforschten Technologien der Weg zu der neuen möglich ist.

Wenn das zu erforschende Feld in Stufe zwei und drei noch von niemandem sonst erforscht wurde, löst dies ein Ereignis aus. Ereignisse bieten der eigenen Fraktion entweder einen etwas größeren Vorteil als den anderen, oder aber die Auswahl, ob etwas überhaupt ins Spiel kommt oder nicht. Als Erste*r eine Technologie zu erforschen, bietet eine wichtige Möglichkeit, den weiteren Verlauf des Spiels zu beeinflussen, denn bei der Erforschung kann immer eine Auswahl getroffen werden, welche Technologie überhaupt ins Spiel kommt.

Sowohl die Wahl, ob die Ereigniskarte im Spiel verbleibt, als auch die Wahl der Technologie beeinflusst das weitere Spielgeschehen.

Höhere Technologien sind mächtiger als niedrigere, bieten also mehr oder bessere Möglichkeiten. Noch dazu ist das Entwickeln einer Technologie der Stufe 4 eines der beiden in jeder Partie verfügbaren Spielziele und somit fast immer ein lohnendes Ziel.

Das andere immer verfügbare Spielziel ist es, vier Planeten kolonisiert zu haben. Und hier kommt der zweite zentrale Plan ins Spiel. Auf diesem liegen Planeten aus, die mit den eigenen Schiffen besucht werden können. Wer in einem System die größte Stärke an Schiffen versammelt hat, hat die Kontrolle über dieses System, wodurch einer der eigenen Produktionsmarker dort abgelegt wird.

Wer die Kontrolle hat, kann durch Wählen einer entsprechenden Aktion Planeten kolonisieren. Dadurch sind diese am Ende des Spiels Punkte wert, ein weiterer eigener Produktionsmarker wird dort platziert, und ein neuer Planet wird für alle Spielenden verfügbar. Einmal kolonisierte Planeten können nicht mehr verloren gehen.

Kontrolle über Planeten und Systeme erhöht nicht nur die eigene Produktion, sondern liefert am Spielende auch Siegpunkte.

Um die verschiedenen Aktionen durchführen zu können, braucht man nahezu immer Bevölkerung beziehungsweise Erz. Erz wird in Beyond the Sun durch schwarze Plastiksteinchen dargestellt, die in ihrer Form an Erzklumpen erinnern. Bevölkerung wird, genau wie die oben bereits erwähnten Schiffe, durch Würfel dargestellt. Diese werden aber in Beyond the Sun nicht gewürfelt, sondern einfach auf die benötigte Seite gedreht, wodurch dieser Würfel dann die entsprechende Ressource repräsentiert.

Die Würfel liegen zu Beginn der Partie sauber getrennt in den Spalten A bis E auf den einzelnen Spielplänen der Fraktionen. Diese Spalten werden im Laufe des Spiels von links nach rechts immer leerer. Dadurch, dass bei der Produktion von Bevölkerung aber stets nur aus den aktivierten Spalten – also denen, unter denen das Produktionssymbol durch Entfernen von Produktionsmarkern freigelegt wurde – genommen werden dürfen, wird das Nachproduzieren von Bevölkerung schwieriger, je mehr Schiffe und Bevölkerung anderweitig im Spiel befindlich sind. Hier muss die richtige Balance gefunden werden, da man sich selbst sonst effektiv ausbremsen kann und das Spiel dann nicht nur kaum noch zu gewinnen ist, sondern die eigenen Möglichkeiten auch derart eingeschränkt werden, dass das Weiterspielen wenig Spaß bereitet.

Beyond the Sun hat durch die Variabilität der Spielziele und die vielen unterschiedlichen Technologien und Planeten einen hohen Wiederspielanreiz. Weiß man einmal, welche Stufe-4-Technologien existieren, kann man seine Strategie darauf ausrichten, die richtige davon ins Spiel zu bekommen. Aber andere Spielende haben natürlich andere Pläne und können so die eigene Strategie durchkreuzen.

Neben der normalen Version des Spiels, die bereits durch die Standard- und Expertenvarianten der Fraktionen variabel ist, gibt es auch noch eine Expertenvariante des Spiels an sich, in der die Auswahl der Technologien etwas anders funktioniert. Dadurch können alle Spielenden besser abschätzen, welche Technologien wahrscheinlich ins Spiel kommen werden, was das Spiel ein Stück weit planbarer und Strategien damit noch wichtiger macht.

Die beiden Ziele links sind immer im Spiel, von den oberen und unteren vier rechts kommt jeweils eines zufällig in jeder Partie zum Einsatz.

Eine direkte Konfrontation im Sinne der Zerstörung von Schiffen oder Technologien gibt es in Beyond the Sun nicht, aber die Kontrolle über Planeten, das Besetzen wichtiger Aktionsfelder und die Auswahl der richtigen zu entwickelnden Technologien liefern eine nicht unerhebliche Menge an direkter sowie indirekter Interaktion. Dazu ist ein einzelner Spielzug in den meisten Fällen relativ kurz, so dass wenig Downtime zwischen den eigenen Zügen vorhanden ist.

Ausgelegt ist Beyond the Sun auf zwei bis vier Spielende. Es ist jedoch nicht in jeder Konstellation gleich gut. Am besten funktioniert es mit drei Personen. Mit zweien ist bei den Technologien etwas zu viel Luft zwischen allen Beteiligten, während es mit vieren auf dem Spielfeld um die Planeten etwas zu voll wird. Beides funktioniert, aber das Spielgefühl ändert sich dadurch signifikant.

Ausstattung

Das Spielmaterial von Beyond the Sun lässt mich etwas zwiegespalten zurück. Es ist funktional gut gemacht, aber optisch einfach nicht auf der Höhe der Zeit. Der zentrale Spielplan für den Technologiebaum ist schlicht, alle Linien klar erkennbar, die Aktionen gut lesbar. Aber der Plan ist riesig – so groß, dass es für normale Tische zum Problem werden kann, wenn man bedenkt, dass auch noch der Plan für die Planeten sowie die Tableaus der einzelnen Spielenden Platz finden müssen. Durch die schiere Größe des Plans und die Anzahl der Technologien wird es mit Fortschreiten einer Partie immer schwerer, einen Überblick zu behalten, welche Technologien – und damit Aktionsmöglichkeiten – überhaupt im Spiel sind.

Der Technologiebaum stellt das zentrale Spielelement dar und kann im Laufe des Spiels etwas unübersichtlich werden.

Der Plan für die Kolonisierung der Planeten macht optisch zumindest noch etwas Eindruck. Es gibt wenig daran auszusetzen: nicht zu groß, alles klar erkennbar, Artwork in Ordnung. Die Tableaus für die einzelnen Fraktionen sind doppellagig, wodurch das Verrutschen des Spielmaterials darauf verhindert wird. Aber das Design ist einfach zu schlicht, zu rudimentär, um wirklich zu gefallen.

Positiv hervorzuheben sind die Ressourcen und Karten für die Technologien. Letztere sind zwar ebenfalls schlicht, aber dadurch, dass im Laufe des Spiels mehr als ein Dutzend davon auf dem zentralen Spielplan landen, würde ein anderes Design den Überblick noch weiter erschweren.

Die Bretter der einzelnen Fraktionen hätten ein bisschen mehr Artwork gebrauchen können.

Die physische Qualität der Materialien lässt keine Wünsche offen. Die Spielbretter sind robust, die Karten fühlen sich wertig an und müssen auch nicht mehr als einmal pro Partie gemischt werden, so dass sie lange halten werden.

Der Preis ist für die Menge der maßgefertigten Würfel, Karten et cetera gerechtfertigt, allerdings weit davon entfernt, als günstig gelten zu können.

Die harten Fakten:

  • Verlag: Rio Grande Games (Englisch) / Strohmann Games (Deutsch)
  • Autor*in(nen): Dennis K. Chan
  • Erscheinungsjahr: 2021
  • Sprache: Deutsch/Englisch
  • Spieldauer: 90–120 Minuten
  • Spieler*innen-Anzahl: 2 3 4
  • Alter: 12+
  • Preis: ca. 60-70 EUR
  • Bezugsquelle: Fachhandel, Amazon, idealo

 

Bonus/Downloadcontent

Spielregeln als Download.

Auf der Webseite von Strohmann Games zu Beyond the Sun kann man unter anderem die deutsche Spielregel herunterladen.

Wer lieber ins englische Original schauen will, wird bei Rio Grande Games fündig, wo es auch die englischen Spielregeln zum Herunterladen gibt. Ebenfalls dort zu finden: ein Link zu Board Game Arena, wo man Beyond the Sun online spielen kann.

Neben den offiziellen Regeln gibt es eine inoffizielle Solospiel-Regel auf BoardGameGeek. Diese existiert aktuell jedoch nur auf Englisch.

Fazit

Von Spielen wie Civilization, am Computer wie auch auf dem heimischen Spieltisch, Twilight Imperium, Through the Ages und unzähligen anderen Titeln aus dem 4X-Genre kennen wir Technologiebäume, die nach und nach mehr Möglichkeiten verleihen. Und mit Progress: Evolution of Technology gibt es auch schon mindestens ein Brettspiel, das sich einzig und allein auf den Technologiebaum fokussiert.

Schon auf den ersten Blick wird klar, welcher der beiden Spielpläne der Fokus von Beyond the Sun ist.

Was Beyond the Sun von diesem Konzept unterscheidet ist, dass hier viele der üblichen anderen Mechanismen aus 4X-Spielen weiterhin vorhanden sind. Schiffe werden gebaut, Planeten entdeckt und kolonisiert. Aber der eindeutige Fokus des Spiels sind die Technologien, die all das überhaupt erst ermöglichen.

Mechanisch gesehen ist Beyond the Sun vor allem ein Worker-Placement-Spiel. Mit der Besonderheit, dass es nur einen einzigen „Worker“ pro Spieler*in gibt. Die Interaktion mit Mitspielenden ist für ein Spiel dieser Art im normalen Bereich angesiedelt. Neben dem Streit um begehrte Plätze für die Aktionsfigur gibt es Planeten, auf denen um Mehrheiten gekämpft und Spielziele, die nur begrenzt oft mit Punkten belohnt werden. Außerdem kann über die frühe Entwicklung der höheren Technologien auch für die anderen Mitspielenden entschieden werden, welche Arten von Aktionen im weiteren Spielverlauf überhaupt zur Verfügung stehen.

Gerade in diesem Bereich ist Beyond the Sun relativ komplex und eine gute Kenntnis der überhaupt im Spiel enthaltenen Möglichkeiten sorgt dafür, dass eine Lernkurve definitiv vorhanden ist. Unterstützt wird das durch drei verschiedene Komplexitätsstufen, mit denen man nach und nach das Spiel verändern kann, wenn man es denn komplexer haben will.

Strategie sollte man in Beyond the Sun stets im Hinterkopf behalten, denn mit ein paar Fehlentscheidungen zu Beginn kann man das eigene Spiel nachhaltig zerstören. Es ist möglich, den eigenen Zugang zu weiterer Bevölkerung so sehr zu erschweren, dass das weitere Spiel sehr zäh wird.

Umschifft man dieses Problem und hat auch kein Problem mit der relativ hohen Komplexität, dem eher schlichten Spielmaterial und dem im Verlauf des Spiels unübersichtlich werdenden zentralen Spielplan, wird man mit einem Spiel belohnt, das sich spielerisch frisch und neu anfühlt und mehrere verschiedene, sich im Spielverlauf entwickelnde Siegstrategien ermöglicht, wodurch ein hoher Wiederspielanreiz erschaffen wird.

  • Hohe Komplexität
  • Verschiedene Strategien möglich
  • Ungewöhnliche Mechanismen
 

  • Hohe Komplexität
  • Spielplan wird schnell unübersichtlich
  • Frühe Fehler können eigenes Spiel ruinieren

 

Artikelbilder: © Strohmann Games
Layout und Satz: Melanie Maria Mazur
Fotografien: Holger Christiansen
Dieses Produkt wurde privat finanziert.

Kommentieren Sie den Artikel

Bitte geben Sie Ihren Kommentar ein!
Bitte geben Sie hier Ihren Namen ein