Die Reihe Mythen der Antike erlaubt uns in die faszinierenden Welten der alten Sagen einzutauchen. Auch in Die Geburt der Götter, Athene, Narziss & Pygmalion und Gilgamesch werden epische Geschichten wieder in stimmungsvollen Bildern erzählt. Warum letztgenanntes sogar zu den besten Werken der Reihe gehört, erfahrt ihr in dieser Rezension!
In den bisherigen Bänden von Mythen der Antike stand ausschließlich die griechische Mythologie im Vordergrund. Epische Sagen, wie jene von Jason und den Argonauten, Perseus oder Herakles wurden ebenso aufs Papier gebracht wie tendenziell unbekanntere Erzählungen um die Gottheiten des Olymps und die Sterblichen der Antike.
Wenngleich drei der in diesem Artikel vorgestellten Bände dieses Muster fortsetzten, ist diese Rezension zu Mythen der Antike eine besondere. Denn das erste Mal beschäftigen sich die vom ehemaligen französischen Bildungsminister Luc Ferry ins Leben gerufenen Adaptionen der Sagen mit einer anderen Mythologie als der griechischen. Mit Gilgamesch orientiert sich einer der Bände an jenem Epos aus der akkadischen und sumerischen Literatur, welches zu den bedeutendsten Erzählungen der Menschheitsgeschichte gehört. Warum diese Umsetzung nicht nur aufgrund ihrer Herkunft aus der Reihe hervorsticht, klären wir in dieser Rezension.
Inzest, Vergewaltigung, körperliche und emotionale Demütigung
Inhaltsverzeichnis
Die Geburt der Götter
Doch zunächst beginnen wir nochmals im griechischen Glaubenskosmos, und was wäre dabei passender, als sich auf den Anfang aller Dinge zu besinnen. In Die Geburt der Götter geht es um die Schaffung der Welt und wie ihre mächtigsten Bewohner*innen sie bevölkerten. Die Geschichte erzählt von den Urmächten von Gaia und Uranos, die gemeinsam Wesen wie den Titanen oder den Kyklopen Leben schenkten.
Zentraler Bestandteil der Erzählung ist jedoch das Prinzip des Kampfes von Vater gegen Sohn. Denn wie bereits Kronos, mächtigster der Titanen, sich gegen seinen Vater Uranos auflehnte, sollte auch ihn dieses Schicksal ereilen. Seine Kinder, welche künftig als die Gottheiten des Olymps regieren, entfesselten unter der Führung von Zeus einen erbitterten Kampf gegen die Titanen um nichts Geringeres als die Kontrolle über die Welt.

Dieser Konflikt nimmt auch den Hauptbestandteil der Handlung der Graphic Novel ein. Als Lesende erleben wir, wie Kronos an die Macht gelangt und aus Furcht vor seinen Nachkommen diese bei lebendigem Leibe verspeist, um seinem Schicksal zu entgehen. Doch Zeus wird von seiner Mutter in Sicherheit gebracht und schmiedet, zu einem stattlichen Mann gereift, einen Plan zur Befreiung seiner Geschwister und Ergreifung der Macht, welcher in einem kolossalen Kampf endet.
Die Geburt der Götter rückt dadurch Zeus und seinen Vater in das Zentrum seiner Geschichte, während die meisten anderen Olympier nur am Rande auftauchen. Dennoch gelingt es dem verantwortlichen Team eine kurzweilige Graphic Novel zu schaffen, die erklärt, wie jene Rollenverteilung zustande kam, welche die meisten mit der griechischen Götterwelt assoziieren oder warum Zeus als Blitzeschleuderer bekannt ist. Neben Intrigen und Drama bietet die Adaption auch eindrucksvolle Kampfszenen.
Die visuelle Umsetzung ist stimmungsvoll, wenngleich erst ab der elften Seite der typische Comic-Stil der Reihe auftritt. Die ersten Seiten, welche auch von einem anderen Künstler gestaltet wurden, beschäftigen sich mit der Schöpfungsgeschichte und Machtergreifung des Kronos und wirken deutlich aufwändiger, fast an Ölgemälde anmutend. Einige der Szenen sind opulent auf Doppelseiten präsentiert, wodurch der plötzliche Wechsel zum anderen Zeichenstil abrupt wirkt.
Von diesem Bruch im Lesefluss abgesehen, ist Die Geburt der Götter jedoch eine kurzweilige Umsetzung der antiken Sagen, welche den Hintergrund beleuchtet, vor dem die meisten anderen Mythen dieser Reihe spielen.
Die harten Fakten
- Autor*in(nen): Luc Ferry, Clotilde Bruneau
- Zeichner*in(nen): Dim D., Federico Santagati
- Seitenanzahl: 56
- Preis: 16 EUR
- Bezugsquelle: Fachhandel, Amazon, idealo
Athene
Eine weitere Geburt im übertragenen Sinne findet sich in Athene. Ähnlich wie bereits in Dionysos ist dieser Band eine Ansammlung von Geschichten und Anekdoten zur Göttin der Weisheit, des Krieges, des Handwerks und der Künste. So geht es in Athene von den seltsamen Umständen ihrer Geburt bis zu ihrer Unterstützung berühmter Helden, aber auch ihre Rachsucht gegenüber Sterblichen, wie der jungen Arachne, welche es wagte, ihr Handwerksgeschick mit jenem der Göttin zu vergleichen.
Doch ebenso wie Dionysos geht dieser Graphic Novel ein Gefühl des Fokus abhanden. Wenngleich die unterschiedlichen Erzählungen bestmöglich verknüpft werden, wirken sie dennoch wie Bruchstücke, die in einem chronologischen Ablauf wenig Sinn ergeben. Besonders die Ausschnitte aus bekannten Sagen, wie jene von Perseus, Jason oder Odysseus verblassen im Angesicht der vollständigen Umsetzung dieser Erzählungen innerhalb von Mythen der Antike. Zwar ist das Wirken der Göttin im Zusammenhang mit diesen Heldengeschichten definitiv ein wichtiger Bestandteil zum Verständnis ihres Charakters. Jedoch fühlt sich das Ganze beim Lesen vielmehr wie eine zwanghafte Ansammlung von Höhepunkten an.

Die eindrucksvollsten Bestandteile dieser Graphic Novel sind definitiv die Erzählung um Athene und Arachne, sowie der Abschluss, welcher erklärt, wie Athene zur Schutzpatronin von Athen wurde. Das erstgenannte ist ein typisches Beispiel für das erzählerische Motiv der Hybris, welches in vielen Sagen der Antike eine zentrale Rolle spielt. Darunter ist der Hochmut von Sterblichen zu verstehen, welche sich gegen die Götter und ihre Gesetze auflehnen. Arachne tat das in diesem Fall durch ihren Spott gegenüber Athene und der Behauptung, ihr Talent im Spinnen niemandem zu verdanken und besser als die Göttin der Handwerkskunst selbst zu sein. Ein fataler Fehler, wie schnell ersichtlich wird.
Die Erzählung um Arachne liefert auch das eindrucksvollste Bild dieses Bandes, das optisch im oberen Mittelfeld der Reihe angesiedelt ist. Nach Ende ihres Wettstreits vergleichen die beiden Frauen ihre geschaffenen Wandteppiche, welche auf einer Doppelseite präsentiert werden. Dabei ist der Kontrast zwischen den beiden das wahrhaftig Interessante. Während einer der Teppiche die Bewohner*innen des Olymps preist, scheint der andere sie ins Lächerliche zu ziehen. Es ist nicht schwer zu bestimmen, welches Werk von welcher Schöpferin stammt. Weitere visuelle Höhepunkte sind die Abschnitte um Jasons Kampf gegen die Gorgonen, sowie die Abschlussszene, welche die Bedeutung der Göttin als Schutzherrin von Athen verdeutlicht.
Zusammenfassend bietet Athene einen hilfreichen Gesamteindruck zur gleichnamigen Göttin, leidet aber wie andere Sagen kombinierende Titel unter einem bruchstückhaften Eindruck und einem Mangel an Fokus.
Die harten Fakten
- Autor*in(nen): Luc Ferry, Clotilde Bruneau
- Zeichner*in(nen): Carlos Rafael Duarte
- Seitenanzahl: 56
- Preis: 16 EUR
- Bezugsquelle: Fachhandel, Amazon, idealo
Narziss & Pygmalion
Wie zwei scheinbar zusammenhangslose Sagen besser kombiniert werden können, zeigt der Band Narziss & Pygmalion. In der ersten Hälfte geht es um die Geschichte jenes jungen Mannes, dessen Selbstliebe zu seinem Untergang werden sollte. So schön Narziss außen ist, so kalt und gefühlslos sieht es dagegen in seinem Innersten aus. Doch das führt nicht nur zu seiner eigenen Unzufriedenheit, sondern auch zu Leid bei anderen. Eine der Unglücklichen ist die Nymphe Echo, welche nach einer harschen Bestrafung von Hera (es geht mal wieder um Zeus und seine Eskapaden), auch noch rüde von Narziss zurückgewiesen wird. Aus Gram schwindet Echo dahin, was ihre Schwestern dazu bringt, Rache für ihr Schicksal zu fordern. Und in der Tat lässt die Bestrafung von Narziss nicht lange auf sich warten.
Für viele Lesende mögen einige Elemente der Adaption von Narziss anders vorkommen, als sie es vielleicht selbst aus Sagen kennen. Wie in den Anhängen erläutert wird, orientieren sich die Autor*innen hauptsächlich an Ovid für die Umsetzung dieser Legende. Dies ist prinzipiell kein Problem, doch sollte man sich zuvor dessen bewusst sein, dass einige Themen genauer in den Anhängen behandelt werden. Zudem wirken einige Passagen der Geschichte ohne Erklärung weniger klar, wie beispielsweise das Schwinden von Echo.

Überaus gelungen ist jedoch der Übergang zur zweiten Hälfte mit der Geschichte um Pygmalion, welcher zu Beginn eine Narzisse pflückt – jene Blume, die ein paar Seiten zuvor aus dem toten Körper des Selbstverliebten entsprungen ist. Ihre Schönheit und Reinheit spiegeln sein eigenes Streben nach Perfektion wider, welche er in seiner moralisch verdorbenen Heimat nicht finden kann. Zum Ausgleich nutzt er seine eigenen Fertigkeiten zur Schöpfung einer perfekten Frauenstatue, zu der er eine, nach schon damaligen Maßstäben, ungesunde Bindung aufbaut.
Doch könnte man Pygmalion, wie auch in den Anhängen erläutert wird, als Gegenpol zu Narziss sehen. Denn obwohl beide ein ihrer Ansicht nach perfektes Wesen begehrten (bei Narziss war dieses sein eigenes Spiegelbild), war sich Pygmalion seiner Stellung bewusst und flehte demütig um den Beistand der Gottheiten des Olymps. Wie aufrichtig sein Bitten gewesen sein musste, dürfte er selbst nicht gewusst haben und umso größer wird die Überraschung gewesen sein, welche er in jener Nacht in seinem Bett vorfand. Die Kombination dieser beiden gegensätzlichen und doch ähnlichen Erzählungen ist durchaus gelungen, da sie wunderbar die Bedeutung von Hochmut und Demut in den antiken Erzählungen verdeutlichen.
Visuell gibt es in diesem Band wenige Ausreißer nach oben und nach unten. Die besondere Herausforderung dürfte gewesen sein, dass mit Narziss und Galatea (der Schöpfung von Pygmalion) zwei der attraktivsten Gestalten der griechischen Mythologie im Mittelpunkt der Geschichten stehen. Hierbei ist es Künstler Diego Oddi definitiv gelungen, diese übernatürliche Schönheit entsprechend einzufangen. Ein weiteres optisches Highlight ist die kurze Passage in der Unterwelt, in welcher Narziss immer noch Schwierigkeiten hat, sich von seinem eigenen Anblick zu lösen.
Zusammenfassend ist dieser Band ein gutes Beispiel für die Kombination zweier Sagen innerhalb einer Graphic Novel, da ein kluger Weg zur Kombination der Geschichten gefunden wird und die beiden Mythen thematisch gut zusammenpassen.
Die harten Fakten
- Autor*in(nen): Luc Ferry, Clotilde Bruneau
- Zeichner*in(nen): Diego Oddi
- Seitenanzahl: 56
- Preis: 16 EUR
- Bezugsquelle: Fachhandel, Amazon, Amazon, idealo
Gilgamesch
Das Gilgamesch-Epos ist eines der ältesten bekannten literarischen Werke der Menschheit. Die Geschichte erzählt das Leben des despotischen Herrschers von Uruk, Gilgamesch, und die verschiedenen Herausforderungen, die er überwinden muss. Im Laufe des Epos begibt sich Gilgamesch gemeinsam mit seinem ehemaligen Widersacher und nun zum Freund gewordenen Begleiter Enkidu auf eine Reise voller Abenteuer, Heldentaten und Rückschläge. Das Epos behandelt dabei universelle Themen wie Freundschaft, die menschliche Natur und das Streben nach ewigem Leben, was es zu einer zeitlosen Erzählung macht.
Wenngleich es bereits Adaptionen als Graphic Novel, wie beispielsweise von Jens Harder, gibt, sticht dieser Band von Mythen der Antike hervor. Das liegt zum einen daran, dass er als Doppelband konzipiert wurde, um dem Umfang der Vorlage gerecht zu werden. Zum anderen versucht das Autor*innenteam die auf zwölf Tafeln niedergeschriebene Geschichte als Gesamtwerk zu gestalten, sodass der Lesefluss vereinfach wird.

Erzählerisch hat diese Graphic Novel alles zu bieten, was die Antike an Dramatik zu bieten hat. Das Epos um Gilgamesch kann sowohl theatralisch, actionreich, sentimental oder melancholisch sein. Besonders die erste Hälfte sticht hervor, in der aufgezeigt wird, wie aus Gilgamesch und Enkidu Kampfesgefährten werden, nachdem der Letztgenannte ursprünglich als Rivale des Königs geschaffen wurde. Freundschaft und der menschliche Wille stehen als erzählerische Motive im Vordergrund.
Die zweite Hälfte wirkt tiefsinniger und beschäftigt sich hauptsächlich mit dem Motiv der Unsterblichkeit. Beeinflusst vom Schicksal seines Freundes ist Gilgamesch geradezu zu besessen von der Suche nach ewigem Leben. Die Reise führt ihn zu fantastischen Gestalten und zwei Personen, denen das Geschenk der Unsterblichkeit tatsächlich vermacht wurde. Als diese jedoch den Hintergrund erläutern, teilen sie einen Bericht über eine vergangene Strafe der Götter, welche an eine der bekanntesten Erzählungen der Bibel erinnert.
All diese erzählerische Vielfalt wird von der gelungenen visuellen Umsetzung durch Pierre Taranzano unterstützt. Ausdrucksstarke Charaktere, faszinierende Wesen, abwechslungsreiche Landschaften und großartig inszenierte Action machen Gilgamesch zu einem hochwertig inszenierten Band von Mythen der Antike. Wenngleich einzelne Bilder fehlen, die in der Geschichte besonders hervorstechen, so ist es die konstant hohe Qualität, welche das Lesevergnügen fördert. Zudem sollen die beiden schön gestalteten Coverbilder hervorgehoben werden, welche das zweite und dritte Kapitel einleiten.
Zusammenfassend gehört Gilgamesch zu den besten Bänden von Mythen der Antike. Das liegt zum einen am Ausgangsmaterial selbst, das nicht ohne Grund zu den großen Werken der Menschheit gehört. Zum anderen ist die Adaption zu einer zusammenhängenden und ansprechend inszenierten Graphic Novel außerordentlich gut gelungen und weist keine ersichtlichen Schwachpunkte auf.
Die harten Fakten
- Autor*in(nen): Luc Ferry, Clotilde Bruneau
- Zeichner*in(nen): Pierre Taranzano
- Seitenanzahl: 152
- Preis: 35 EUR
- Bezugsquelle: Fachhandel, Amazon, idealo
Gesamtfazit
Von den vorgestellten Graphic Novel-Adaptionen der antiken Sagen können die meisten überzeugen. Die Geburt der Götter liefert einen stimmungsvollen Einblick in die Umstände, welche die Bewohner*innen des Olymps an die Macht gebracht hatte und kämpft lediglich mit einem Wechsel des visuellen Stils.
Narziss & Pygmalion gelingt die Kombination zweier Sagen in einem Band, die auf den ersten Blick nicht viele Gemeinsamkeiten haben. Das lässt sich leider von Athene nicht behaupten, das trotz einiger Höhepunkte mit Brüchen im Erzählfluss zu kämpfen hat.
Höhepunkt ist unbestritten Gilgamesch. Nicht nur wird hierdurch Abwechslung in die Reihe gebracht, sondern kann die Graphic Novel auch durch die erzählerische und visuelle Umsetzung vollends überzeugen. Das macht die Adaption des Epos nicht nur zur besten der hier besprochenen Umsetzungen, sondern sogar zu einer der eindrucksvollsten in der gesamten Reihe Mythen der Antike.
Wer zudem mehr Hintergrundwissen über die vorgestellten Sagen wünscht, kann sich über die Anhänge der Graphic Novel freuen. In diesen gehen die Autor*innen näher auf das Quellenmaterial ein, was in einigen Fällen das Verständnis zu den Mythen noch weiter vertieft. Für ein unterhaltsames Leseerlebnis ist das jedoch meist nicht nötig.
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Abwechslungsreiche Erzählungen (mit Gilgamesch eine außerhalb der griechischen Mythologie)
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Anhänge vermitteln Hintergrundwissen zu den Sagen
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Überwiegend hochwertige, visuelle Inszenierung
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Qualitätsunterschiede bei der Adaption einzelner Sagen
Artikelbilder: © Splitter Verlag, © depositphotos
Layout und Satz: Roger Lewin
Lektorat: Sabrina Plote
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