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Larp kommt in unterschiedlichen Formen daher: mal in eine Woche Großcons, mal ein Wochenende intensives Charakterspiel oder eine über mehrere Jahre andauernde Kampagne. Doch Live-Rollenspiel kann auch ganz klein sein: Wir werfen einen Blick auf Minilarps und wie immersive Welten auch in wenigen Stunden entstehen können.

Wer an Larp denkt, hat meist Veranstaltungen im Kopf, die mindestens ein langes Wochenende in Anspruch nehmen und mit nicht wenig Vorbereitung verbunden sind. Lang vorbereitete Charaktere, aufwändig genähte Kostüme und weite Reisen für ein paar Tage Realitätsflucht gehören oft dazu. Dies ist natürlich ein großer Reiz des Hobbies, aber nicht immer mit dem Alltag, Geld oder Kapazitäten vereinbar.

Das muss jedoch kein Hindernis sein. Es gibt eine große Breite an kurzen Formaten, die Larp-Erlebnisse auf wenige Stunden reduzieren. Ob im Edu-Larp-Kontext, auf Minilarp-Festivals oder einfach nur an einem Sonntagnachmittag: Minilarps gehören ebenso zur Szene wie Fantasy-Cons und Vampire-Kampagnen und haben ihren eigenen Fokus verdient.

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Was ist ein Minilarp?

Für Larp-Kurzformen gibt es unterschiedliche Namen und Formen. Der häufig genutzte Begriff „Minilarp“ beschreibt Larps, die in kurzer Zeit – meist wenigen Stunden – gespielt werden können. Oft sind sie mit minimalem Aufwand für Kostüm und Ausstattung verbunden und erfordern keine Vorbereitung von den Spieler*innen.

Der ebenfalls gebräuchliche Begriff „Chamber Larps“ weist auf den kammerspielartigen Charakter vieler Kurzformate hin. Sie spielen oft in einem Raum und erzählen die Geschichte von einigen wenigen Figuren. Die kleinsten fangen bei zwei oder drei Spieler*innen an (oder wer ganz experimentell ist, auch alleine) und werden selten grösser als 15 Teilnehmende.

Durch die reduzierte Form ist das Abstraktionsniveau höher als bei längeren Larps mit detaillierten Kostümen und Requisiten. Minilarps können in einem beliebigen Raum durchgeführt werden, in welchem man ungestört spielen kann. Damit erinnern sie eher an Improtheaterräume und haben in der Ausstattung einen weniger immersiven Anspruch. Meist wird in Alltagskleidung oder mit angedeuteten Requisiten gespielt, es sind jedoch keine Grenzen gesetzt.

Minilarps verfolgen nicht den Anspruch, alles eins zu eins darzustellen, und bewegen sich weg von einem „Du kannst, was du darstellen kannst“-Prinzip, im Gegenteil: Ähnlich wie im Pen-and-Paper oder Improtheater öffnet der abstrakte Raum Möglichkeiten für Fantasie. Von einem Marsroboter zu einer depressiven Prinzessin kannst du alles sein. Das Spielgefühl ist ein anderes und oft stark angeleitet. Man wird in kurzer Zeit von Szene zu Szene geführt und fokussiert sich auf einzelne Themen und intensive Momente.

Ein Namensschild und wenige Kostümteile reichen aus, um einen Charakter darzustellen.

Viele Minilarps werfen die Spieler*innen direkt ins Geschehen, ohne lange Vorbereitungszeit. Das erzeugt oft eine bewusst gesteuerte „Überforderung“, die jedoch eine emotionale Tiefe öffnen kann und zu einem nicht minder intensiven Spielerlebnis führt. Gerade in diesen komprimierten Szenarien lassen sich Situationen ausprobieren und Themen anspielen, die auf einem mehrtägigen Larp zu viel oder zu komplex wären.

Die abstraktere Form eröffnet jedoch auch inhaltlich neue Möglichkeiten. Den Themen von Minilarps sind keine Grenze gesetzt: von politischen über künstlerischen zu surreal humoristischen Spielen gibt es alles. Beispiele sind Say A Little Prayer (Tor Kjetil Edland), welches sich die AIDS-Krise der 80er als Thema annimmt, My Battery Is Low And It’s Getting Dark (Sjut Brethauer) bespielt die letzten Tage des Marsrovers “Opportunity” und in Behind the Curtain (Johanna Morgan) geht es um den Alltag von Sexarbeiter*innen, während Big Dicks (The Countess Dillymore) – wie der Name vermuten lässt – sich über reiche Businessmänner lustig macht. 

Und wenn es noch nicht geschrieben wurde, ist schnell ein neues erfunden!

Anthologien und Conventions

Aufgrund der kurzen Form und der Kompaktheit werden Minilarps immer wieder veröffentlicht, ob auf Webseiten der Autor*innen oder in Anthologien wie Bubbles (hrsg. v. Holkar, Hulthén) – eine Minilarp-Sammlung, welche in Hot Tubs gespielt werden kann – oder die queere Minilarp-Sammlung Prism (hrsg. v. Milewski, Wicher). So können auch andere Menschen die Spiele lesen, sich inspirieren lassen und vor allem selbst veranstalten.

Die queere Minilarp-Anthologie Prism

Minilarps sind dadurch besser nachhaltig festhaltbar und mehrfach spielbar im Gegensatz zu vielen längeren Larps, die selten als „Spielanleitung“ veröffentlicht werden. So gibt es von Spielen wie Just A Little Lovin (Larpventure) ein Playbook, es ist jedoch kaum üblich. Das Thema Dokumentation kommt bei Konferenzen und im wissenschaftlichen Larp-Diskurs immer wieder auf.

Minilarps können jederzeit und überall gespielt werden – man braucht nur einen Raum und genug Leute. Da sie so klein sind, werden sie oft nicht öffentlich ausgeschrieben, daher ist die einfachste Möglichkeit, dazu zu kommen, sie selbst zu veranstalten.

Es gibt jedoch europaweit verschiedene Conventions, die Minilarps in den Fokus stellen, wie das It’s Full Of Larps (hier ein Bericht über das IFOL im Januar 2016 von Alexander Jaensch), die MiLaCo der Gugelgilde e.V., The Smoke von Omen Star in London oder das Blackbox CPH von Gnist in Kopenhagen, das die Theater-Blackbox als Grundlage für Larps nutzt. Das Stockholm Scenario Festival von der gleichnamigen Orga ist ein weiteres Beispiel. Auch auf Conventions wie Knutepunkt gibt es neben Panels und Vorträgen auch immer wieder kurze Larp-Formate.

Zugänglichkeit

Längere Larp-Veranstaltungen dauern Monate oder Jahre, um vorbereitet zu werden. Ein organisatorischer Aufwand, welcher sowohl für Orga als auch Spieler*innen nicht ganz ohne sein kann. Gerade in der internationalen Szene gibt es die Tendenz, immer größer, professioneller und aufwändiger zu werden. Hierzu bieten Minilarps einen guten Kontrast.

Acht Freund*innen an einem Sonntagnachmittag zusammenzubekommen ist weniger schwer. Ähnlich wie bei einem Pen-and-Paper-Oneshot lassen sich Minilarps auch an einem Abend durchführen und haben keine Verpflichtung zu einer längeren Kampagne, wie beispielsweise Vampire Live. Und abgesehen vom zeitlichen Aufwand ist es vor allem günstig. Denn sind wir ehrlich: Larpen kann ins Geld gehen.

Für Neulinge kann das ein guter Einstieg ins Hobby sein, da die Hürde, es einfach mal auszuprobieren, nicht sonderlich hoch ist. Das gilt übrigens ebenso für alle, die sich einmal als Spielleitung ausprobieren wollen: Nehmt euch ein existierendes Spiel (entsprechende Ressourcen sind weiter unten aufgeführt), das euch interessiert, ein paar liebe Menschen und los geht’s.

Minilarps lassen sich leicht an individuelle Bedürfnisse der Spieler*innen anpassen und entsprechend auswählen. So sind sie auch viel zugänglicher für Menschen mit Behinderungen oder chronischen Krankheiten. Auch Familiensituationen oder finanzielle Einschränkungen, welche das Hobby oft erschweren können, sind einfacher navigierbar.

Ressourcen

Wie so oft im Hobby sind die Ressourcen zu Minilarps ziemlich verstreut, viele sind jedoch online auffindbar. Hier einige Seiten mit guten Sammlungen:

Fazit

Larp muss nicht immer riesig sein, sondern kann auch vier Personen und einen Samstagnachmittag beinhalten. Das bietet nicht die 360-Grad-Immersion, aber eine gute Möglichkeit, neue Dinge auszuprobieren, sich auf Settings und Themen einzulassen, die man sonst vielleicht scheuen würde, und auch mal mit wenig Aufwand zu larpen. Dafür sind sie eine Gelegenheit, Larps aus aller Welt kennenzulernen und den Horizont des Hobbys zu erweitern. Probiert‘s aus!

 

Artikelbilder: © Roscht / Soraya Koefer
Layout und Satz: Andreas Hübner
Lektorat: Gloria Puscher

1 Kommentar

  1. Als – ungefähr parallel zur Entstehung der Vampire-Live – die ersten größer beworbenen Minilarps außerhalb einer festen (Klein)Gruppe aufkamen, sprach man noch vom „Tageslarp“.
    In guter Erinnerung blieb mir die „Eiserne Krone-Kampage“, bei der keineswegs nur ein Minimalaufwand für Gewandung und Ausrüstung vorzufinden war und die Locations durchaus abwechslungsreich.
    Andererseits waren das auch eher unbeschwerte Tage, bei denen nicht ein (pseudo)wissenschaftliches/erzieherisches Konzept vorgeschoben wurde, um gemeinsam etwas zu erleben, während andererseits hier und da noch selbstgebaute Pömpfe ebenso existierten, wie klassische BW-Stiefel als ideales Schuhwerk für alle Wetter und Gelände galten. (Lederjeans und schwarzes „Mittelalter“-Hemd waren allerdings schon etwas verpönt).
    Das LARPWiki war noch im Aufbau und viel besucht (und von manchen gehasst)

    Lange ist’s her und ja, die größte Beständigkeit ist die Veränderung.
    Wichtig ist mMn das ein Hobby nicht zu verkopft sien sollte, sondern in erster Linie Spaß machen soll. Jedem das seine.

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