Larps schreiben und organisieren muss nicht immer lange dauern: Wir haben einen Minilarp Game Jam gemacht, dabei innerhalb von 24 Stunden zu einem vorgegebenen Thema kurze Larps geschrieben und diese noch am selben Wochenende gespielt. Hier ein Erfahrungsbericht.
Wir hatten das Bedürfnis nach mehr lokalem Austausch mit anderen Menschen, die Larps organisieren. Wir wollten aber nicht einfach einen Stammtisch organisieren, sondern gemeinsam das tun, was wir am liebsten machen: Larps schreiben. Über Pfingsten trafen wir uns deshalb in Basel und schrieben vor Ort gemeinsam kurze Liverollenspiele: ein Larp Jam.
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Inhaltsverzeichnis
Ein was?
“Jam” leitet sich vom gemeinsamen “jammen” in der Musik ab, also zusammen improvisieren und musizieren. Im digitalen Game-Bereich sind Game Jams schon länger eine beliebtes Konzept unter Designern. In einem vorgegebenen Zeitrahmen – beispielsweise 24 Stunden – werden zu einem am Anfang gegebenen Thema Computerspiele entwickelt und am Ende auf einer gemeinsamen Plattform hochgeladen. Man kann alleine oder in Gruppen mitmachen und sich entweder an einem Ort treffen oder digital vernetzten. Gemein bleibt, dass alle dasselbe Thema und denselben Countdown haben.

Das Konzept lässt sich leicht auf Larp adaptieren – der größte Unterschied ist wohl, dass die fertigen Spiele länger gespielt werden als in so kurzer Zeit entwickelte Computerspiele. Larp Jams gibt es zum Beispiel auch an Konferenzen wie Solmukohta/Knutepunkt, dort bleibt im Rahmen des restlichen Programms jedoch noch weniger Zeit.
Minilarps eignen sich hervorragend für das Format, da sie ohnehin nur in einem Raum und ohne großen Kostüm- und Ausstattungsaufwand stattfinden. Auch passen sie von der Form zur kleinen Größe der Gruppe und die zeitlichen Einschränkungen, so dass an einem verlängerten Wochenende alle Spiele geschrieben und gemeinsam gespielt werden können.
Das Konzept
Als Veranstalter haben wir Leute eingeladen und ein kleines Regelwerk ausgearbeitet mit den “Spielregeln” für das Wochenende. Dazu gehörten das Thema, welches am Anfang der Veranstaltung verkündet wurde, sowie verschiedene Herausforderungen (“Challenges”), welche die Gruppen sich aussuchen konnten. Beides dient zur Inspiration und um neue Ideen zu bekommen. Das können Beispiele sein wie “Musik als Spielelement” oder “Mehrere Personen spielen denselben Charakter”.
Die Larps sollten jeweils innerhalb von anderthalb Stunden gespielt werden können und am Ende der 24-Stunden-Deadline als PDF im gemeinsamen Discordserver hochgeladen werden. Im zweiten Teil des Wochenendes werden die Larps gespielt, jedoch immer von einer anderen Person angeleitet, als sie geschrieben wurden.
Die Anzahl der Teilnehmenden ist flexibel, sie werden am Anfang in Gruppen von 3 bis 5 Personen aufgeteilt, die dann gemeinsam an einem Spiel arbeiten. Der organisatorische Teil wie Essen, Putzen und Einkaufen, wird ähnlich wie bei IFOLs, Improlarps oder vergleichbaren Veranstaltungen unter allen Teilnehmenden aufgeteilt und co-organisiert. Geld für Miete, Essen und Material wird am Ende ebenfalls unter allen aufgeteilt.

Und warum?
Der Grossteil von Larps findet nicht am Event selbst statt, sondern in der Vorbereitung. Und diese passiert oft alleine vor dem Computer, über lange Discordcalls und ist mit viel Arbeit verbunden. Auch geschieht es oft in den gleichen, erprobten Personenkonstellationen.
Wir hatten Lust auf mehr Austausch mit Menschen in der näheren Umgebung, wollten gemeinsam mit anderen Orgamenschen kreativ werden und Larpdesign als gemeinsames Erlebnis gestalten. Ein Larp Jam ist ein festgesetzter Zeitrahmen, der wenig Vorbereitung benötigt und in sich abgeschlossene Resultate hervorbringt. Es kann natürlich weiter an den Spielen gearbeitet werden, muss aber nicht. Das öffnet Raum zum Ausprobieren und braucht viel weniger Verpflichtung an Zeit und Energie, als über lange Zeit ein großes Larp zu organisieren. Es ist wie eine Fingerübung – gemeinsames jammen eben.
Gerade auch für Leute, die neu in der Orgaarbeit sind, kann es ein einfaches Ausprobieren ohne großen Druck einer riesigen Veranstaltung sein. Und im besten Fall können die entstandenen Ideen ja immer noch zu großen Larps ausgebaut werden.
Auch ist es eine Möglichkeit mit Menschen und Konstellationen gemeinsam an Larps zu schreiben, mit welchen man noch nicht zusammengearbeitet hat.
Wie es lief
Die ganze Organisation war sehr entspannt – was auch nicht weiter erstaunlich ist, wenn man einen Haufen Leute zusammenwirft, die alle selbst Veranstaltungen organisieren. Wir waren zwölf Leute mit viel und wenig Larporgaerfahrung und teilweise Hintergründen in Theater oder Sozialer Arbeit.
Wir haben ein Pfadfinderheim in Basel gemietet, welches für alle möglichst gut erreichbar ist. So konnte wer wollte auch vor Ort übernachten. Neben dem Organisieren der Location bestand die Vorbereitung “nur” daraus, die Leute zu koordinieren und ein Thema festzulegen. Diese Themensuche war wohl der schwierigste Teil und wir haben uns von bestehenden digitalen Game Jams inspirieren lassen. Das finale Thema war “Nach dem Ende”.

Im Regelwerk und dem Ablauf half es, dass meine Co-Orga Mischa aus dem Game Design kommt und selbst schon an mehreren Game Jams teilgenommen hat. Von dieser Erfahrung konnten wir profitieren.
Am ersten Tag kamen alle um den Mittag an, es wurde Essen eingekauft und sich in der Location gemütlich gemacht. Um 16 Uhr ging es dann los: die Regeln wurden erklärt, wir teilten uns in Gruppen auf (auch keine einfache Aufgabe!) und das Thema wurde bekannt gegeben.
Über den Abend wurden erste Ideen gesammelt, Challenges ausgesucht und wieder verworfen, Brainstormings aufgehängt und gemeinsam gekocht. Man besuchte sich in den Gruppen gegenseitig – uns war wichtig, nicht das halbe Wochenende in abgeschlossenen Räumen zu sein, sondern wir gaben uns gegenseitig Input und halfen mit den Ideen.

Der Druck stieg am zweiten Tag und alle saßen vertieft an ihren Laptops. Playlists wurden erstellt, letzte Sachen gedruckt, auf einmal war die Zeit dann doch nicht mehr so viel. Die Uhr tickte. Und nach genau 24 Stunden wurde der Countdown mit Sekt beendet. Erstmal waren alle platt, es gab eine Pause bis zum Abendessen.
Und trotz Zeitdruck: Dazwischen blieb auch Zeit zum Verweilen, wir kochten gemeinsam, machten ein Lagerfeuer und gingen spazieren. Das Larpschreiben war der Anlass zu dem wir uns trafen, wir sprachen aber auch über andere Projekte und Ideen.
Nach dem Abendessen wurde bereits das erste Spiel gespielt. Die anderen beiden dann am dritten und letzten Tag. Dass dabei die Spielleitung immer von einer Person außerhalb der schreibenden Gruppe übernommen wurde, sorgte vor allem für die Schreibenden für viel Spaß und Aufregung, ob denn auch alles klappt wie geplant. Danach gab es jeweils kurze Feedbackrunden.
Am Ende wurde gemeinsam geputzt und gegen 18 Uhr die Location abgegeben. Obwohl wir mitten in der Stadt waren, kam in der kurzen Zeit fast schon bisschen Ferienlagerstimmung auf. Ein schöner Mikrokosmos ohne Druck und mit viel kreativem Austausch.

Die Resultate
Zu dem Thema “Nach dem Ende” entstanden drei sehr unterschiedliche Spiele: In Afterlife TV spielen alle Spieler*innen die unterschiedlichen Lebensabschnitte einer Person, die gerade gestorben ist und denken in Flashbackszenen über wichtige Entscheidungen in ihrem Leben nach und welches Rating sie diesem geben würden.
Supernova bestand aus eng verknüpften, konfliktgeladenen Charakteren, einer Hochzeitsgesellschaft, die sich auf einmal mit dem möglichen Ende der Welt konfrontiert sieht.
In Latens Apparet wurden zwei parallele Realitäten einer Familie gespielt, welche unterschiedliche Schicksalsschläge erlebt hatten. Die Charaktere trafen auf ihr eigenes “Ich” und wurden mit einem “Was wäre wenn” aus einem anderen Leben konfrontiert.
Es sind alles Entwürfe, es war jedoch faszinierend, wie viel Inhalt in solch kurzer Zeit entstehen kann und wie ausgereift dieser bereits sein kann. Die Resultate stellen wir auf der Webseite von Roscht (unsere Orga) zur Verfügung. Es sind keine fertigen Larps, sondern erste Drafts und Ideen aus welchen Weiteres entstehen kann, aber auch nicht muss.

Fazit
Der Larp Jam war eine tolle Erfahrung, um Menschen, die Larps organisieren, zusammenzubringen und in den Austausch zu kommen. Das Konzept eignet sich, um in einem abgeschlossenen Rahmen kreativ zu werden, Mechaniken auszuprobieren und schräge Ideen umzusetzen. Es geht nicht darum, das perfekte Larp zu schreiben, sondern ins Machen zu kommen. Die Veranstaltung ist leicht organisiert und sehr zu empfehlen für alle, die über den eigenen Orgahorizont blicken wollen.
Artikelbilder: © Roscht
Layout und Satz: Dominic Niederhoff
Lektorat: Giovanna Pirillo


















