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Der erste Teil der Life is Strange-Reihe erschien 2015 und zog dank einer mitreißenden Handlung und einer sympathischen Protagonistin etliche Spieler*innen in seinen Bann. Nun kehrt Max als spielbarer Charakter zurück und stürzt sich – zugegebenermaßen unfreiwillig – in ein neues Abenteuer. Womit punktet Double Exposure, und wo bleiben Potenziale ungenutzt?

Life is Strange ist keine Spielreihe im klassischen Sinne. Während die Geschehnisse in Life is Strange und Life is Strange: Before the Storm eng miteinander verknüpft sind, erzählen Life is Strange 2 und Life is Strange: True Colors unabhängige, in sich abgeschlossene Geschichten. Das kürzlich veröffentlichte Double Exposure wurde – wie auch True Colors und Before the Storm – von Deck Nine entwickelt, die übrigen Teile von Dontnod Entertainment.

Die Reihe nimmt junge Menschen in schwierigen Situationen in den Fokus und verbindet übernatürliche Elemente mit ihrer Erzählung. So entstehen emotional aufgeladene, dramatische Geschichten, die Spieler*innen weltweit bewegen. Dieser Spieltest befasst sich mit der PlayStation 5-Version des neusten Ablegers der Reihe und der Frage, ob Life is Strange: Double Exposure die Erfolgsgeschichte seiner Vorgänger fortschreiben kann.

Triggerwarnungen

Mord, Trauer

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Ein Campus, ein Mord und eine alte Superkraft

Für viele Fans ist das Wiedersehen mit Max ein Grund zur Freude.
LFür viele Fans ist das Wiedersehen mit Max ein Grund zur Freude.

Einige Jahre sind vergangen, seitdem Maxine Caulfield, kurz Max, die Blackwell Academy in Arcadia Bay besuchte. Heute arbeitet sie als Residenzkünstlerin an der Caledon-Universität in Lakeport im US-Bundesstaat Vermont. Die Fotografin leitet Seminare und Workshops und führt ein verhältnismäßig normales Leben – zumindest bis zu dem Tag, an dem sie ihre Freundin Safi ermordet im Schnee findet.

Das erste Mal seit langer Zeit greift sie auf ihre besondere Fähigkeit, die Zeit zurückdrehen zu können, zurück. Allerdings funktioniert dies nicht wie geplant; Max landet in einer parallelen Zeitlinie, in welcher ihre Freundin noch am Leben ist. Doch sie schwebt in Gefahr, und es ist ungewiss, ob und wann weitere Mordfälle geschehen. Um Safi und andere potenzielle Opfer zu retten, muss sie immer wieder zwischen den Zeitlinien wechseln. Räume, die auf der einen Seite verschlossen sind, stehen auf der anderen möglicherweise offen. Ebenso sieht es mit den Besucher*innen der Caledon-Universität aus: Möchte jemand in der Zeitlinie, in der Safi ermordet wurde, nicht mit Max sprechen, kann Max es in der Welt, in der ihre Freundin am Leben ist, erneut probieren. Ganz in gewohnter Life is Strange-Manier sehen sich Spieler*innen während Max‘ Untersuchungen sowohl mit schwierigen Entscheidungen als auch mit belastenden Themen wie beispielsweise Trauer(-bewältigung) konfrontiert.

Ein Krimi der übernatürlichen Art

Safis Tod zu Beginn des Spiels setzt eine spannende Handlung in Gang.
Safis Tod zu Beginn des Spiels setzt eine spannende Handlung in Gang.

Life is Strange: Double Exposure führt Spieler*innen in das idyllische Campus-Leben im winterlichen Vermont ein – nur, um dann mit einem Mordfall alles zu erschüttern. Die Geschichte beginn rasant und stürzt Max, die noch immer nicht von ihrer Vergangenheit loskommt, in eine neue Krise. Während sie versucht, ihre Trauer in den Griff zu bekommen, bemerkt sie, dass sie ihre mysteriösen Fähigkeiten von früher erneut nutzen kann, wenngleich auch in anderer Form als zuvor. Max ist in der Lage, in eine andere Version der Wirklichkeit einzutauchen, in welcher Safi noch lebt. Sie kann zwischen beiden Welten wechseln. Parallel dazu kann sie auch Geschehnisse in der anderen Zeitlinie wahrnehmen, was beispielsweise das Belauschen von Personen möglich macht. Diese Fähigkeit ist ein wichtiges Werkzeug für Max, um den Mord an Safi aufzuklären.

Max kann in einer Zeitlinie Gespräche belauschen, die in der anderen Zeitlinie geführt werden.
Max kann in einer Zeitlinie Gespräche belauschen, die in der anderen Zeitlinie geführt werden.

Die Ausgansprämisse ist mehr als spannend, und die Mechanik zum Wechseln der Zeitlinien ermöglicht im wahrsten Sinne des Wortes ganz neue Dimensionen der Detektivarbeit. Double Exposure macht neugierig – und Spaß. So fulminant der Titel allerdings auch beginnt, der Handlungsverlauf bringt Längen mit sich, die im Widerspruch zur Dringlichkeit von Max‘ Untersuchungen stehen. Hinzu kommt, dass zwar komplexe Details zwischenmenschlicher Beziehungen aufgedeckt werden, die großen Paukenschläge der Handlung allerdings oft aus dem Nichts heraus geschehen. Sie sind nicht das Resultat der angestellten Untersuchungen, was unbefriedigend wirken kann. Darüber hinaus macht das finale Kapitel einen ungeschliffenen Eindruck; einige Dialoge scheinen sich im Kreis zu drehen.

Wie haben sich andere Spieler*innen entschieden? Am Ende eines jeden Kapitels stehen Statistiken.
Wie haben sich andere Spieler*innen entschieden? Am Ende eines jeden Kapitels stehen Statistiken.

Die Schwächen in der Handlung tun den emotionalen Momenten glücklicherweise wenig Abbruch. Double Exposure bewegt Spieler*innen nicht nur, es regt zum Grübeln an. Dies gilt vor allem für wichtige Entscheidungen innerhalb des Spiels. Hier dürfen Spieler*innen erst mit sich hadern und dann am Ende eines jeden Kapitels nachlesen, wie andere Menschen sich entschieden haben.

In Szene gesetzt: Die Caledon-Universität als Handlungsort

Double Exposure spielt im winterlichen Vermont, genauer gesagt an der Caledon-Universität. Hier hat Max sich niedergelassen, nachdem sie einige Jahre durch das Land gereist ist, und genießt ihre Arbeit als Fotografin. Der Campus ist liebevoll gestaltet, und das Spiel nimmt sich gleich zu Beginn Zeit dafür, einen Eindruck von dem zumeist friedlichen Miteinander von Student*innen und Lehrkräften zu vermitteln. Das winterliche Ambiente sorgt für Wohlfühlatmosphäre, was angesichts der Ereignisse, die sich allzu bald entfalten, fast schon trügerisch wirkt. Aber auch nur fast: Während in der Zeitlinie, in der Safi ermordet wurde, Feste abgesagt werden und keinerlei Feiertagsdekoration mehr zu finden ist, sieht dies in der anderen Zeitlinie anders aus. Die Farben sind wärmer, die Wände geschmückt und die freudige Erwartung der bevorstehenden Feierstage ist allgegenwärtig. Dieser Wechsel verdeutlicht, wie sehr sich die Tragödie auf den gesamten Campus und auf diejenigen, die dort ihren Alltag bestreiten, auswirkt. Es handelt sich um einen gelungenen Stilgriff, der mehr als einmal zu bewegen weiß.

 

Darüber hinaus ist die Caledon-Universität ein spannender Ort für eine tiefgehende Investigation. Bekannte Gesichter, universitäre Vereinigungen und Treffpunkte sowie das generelle Miteinander machen Max’ Arbeit interessant. Sie ist keine Außenstehende, sondern agiert aus dem Herzen der Universität heraus. Die Menschen, mit denen sie spricht, sind Menschen, die sie kennt und vielleicht sogar schätzt – oder welche, denen sie skeptisch gegenübertritt. Sogar Romanzen, beispielsweise mit der Besitzerin der hiesigen Bar, kann Max eingehen.

Moses zählt zu Max‘ engsten Verbündeten.
Moses zählt zu Max‘ engsten Verbündeten.

Safis Mordfall ist von Anfang an eine sehr persönliche Angelegenheit, was nicht ausschließlich an der engen Freundschaft der beiden Frauen liegt, sondern sich auch in der Familiarität des Settings begründet. Die Gegenden, die Max im Verlauf des Spiels besucht, tauchen ebenso wie die Menschen, die sie trifft, mehr als einmal auf. Spieler*innen dürften sich rasch heimisch fühlen.

Gleiche Protagonistin, andere Geschichte – funktioniert das?

Eine etablierte Protagonistin mit abgeschlossener Geschichte erneut auftauchen zu lassen ist eine gewagte Entscheidung. Max‘ Beliebtheit bei einem großen Teil der Life is Strange-Spieler*innen und die Möglichkeit, hier auf eine zukünftige, gereifte Version von ihr zu schauen, machen sie als wiederkehrenden Charakter spannend. Das Wiedersehen macht Freude, allerdings stellt sich die Frage, wie es Spieler*innen geht, die zum allerersten Mal mit Max zu tun haben. Die Hintergründe aus Max‘ Zeit in Arcadia Bay werden beleuchtet und diskutiert. Hierbei gelingt es Double Exposure, ausreichend Informationen anzubieten, ohne damit zu erschlagen. Über die Handlung von Double Exposure hinausgehende Aha!-Momente dürften allerdings lediglich Spieler*innen erfahren, die nicht zum ersten Mal mit Max unterwegs sind.

Alte Protagonistin – neue Kräfte. Eine Mischung, die vor allem alteingesessene Life is Strange-Fans begeistern könnte.
Alte Protagonistin – neue Kräfte. Eine Mischung, die vor allem alteingesessene Life is Strange-Fans begeistern könnte.

Nichtsdestotrotz sind die Informationen aus früheren Life is Strange-Teilen als Bonus anzusehen. Double Exposure funktioniert ohne jedes Hintergrundwissen und versorgt Neugierige vor dem Bildschirm mit allen nötigen Details. Max ist damit eine abgerundete Persönlichkeit, und es macht Spaß, sie (erneut) zu spielen.

Technische Details

Mithilfe ihres Handys kann Max alle Aufgaben im Blick behalten.
Mithilfe ihres Handys kann Max alle Aufgaben im Blick behalten.

Eine kleine Erinnerung daran, was es gerade zu tun gibt, kann hilfreich sein. Zu oft wiederholt und vor allem in andere Dialoge hereingesprochen wirkt sie störend. Mehrfach während des Spieltests kam dies vor und fiel negativ ins Auge – vor allem, da Double Exposure dank intuitiver Steuerung bis auf wenige Einblendungen ohne Tutorials auskommt

Abgesehen von störenden Erinnerungen glänzt der Titel durch ruckelfreie Spielbarkeit auf der PlayStation 5 und einen beeindruckenden Soundtrack. Die Erkundungen sind unterhaltsam gestaltet, und die Dialoge überzeugen durch Realitätsnähe. Eine Reihe von Accessability-Optionen gestattet eine Individualisierung der Spielerfahrung, und dank verschiedener Entscheidungsmöglichkeiten die Handlung betreffend ist ein erneutes Spielen von Double Exposure lohnend. Zu tun gibt es jedenfalls genug: In beiden Zeitlinien lassen sich Nachrichten von Freund*innen lesen und beantworten, Polaroidfotos sammeln und Podcasts anhören.

Nächstes Mal vielleicht anders? In Double Exposure können so einige Entscheidungen getroffen werden – mit Folgen.
Nächstes Mal vielleicht anders? In Double Exposure können so einige Entscheidungen getroffen werden – mit Folgen.

Double Exposure macht vielleicht nicht alles richtig, aber vieles. Allerdings ist ein Vollpreis von knapp 50,00 EUR definitiv happig für rund 12 Stunden Spielzeit. Die schwierige Preissituation wird weiterhin belastet durch ein kaufbares Ultimate Upgrade, das neben neuen Outfits zusätzliche Spielinhalte in Bezug auf eine verloren Katze enthält. Diese Inhalte bringen circa 15 Minuten zusätzliche Spielzeit mit, sodass ein Preis von 20,00 EUR als erhöht anzusehen ist.

Die harten Fakten:

  • Entwicklerstudio: Deck Nine Games
  • Publisher: Square Enix
  • Plattform: PC (Steam, Microsoft Store), PlayStation 5, Xbox Series X, Xbox Series S, Nintendo Switch
  • Sprache:
    • Audio: Deutsch, Englisch, Französisch, Japanisch
    • Text: Deutsch, Englisch, Französisch, Japanisch, Spanisch, Koreanisch, Portugiesisch, Russisch, Chinesisch, Italienisch
  • Mindestanforderungen:

    • Betriebssystem: Windows 10 oder 11
    • Prozessor: Intel Core i5-2400 oder AMD FX-6300
    • Arbeitsspeicher: 12 GB RAM
    • Grafik: NVIDIA GeForce GTX 960 (4 GB) oder AMD Radeon RX 470 (4GB)
    • Speicherplatz: 25 GB
    • Es wird eine SSD empfohlen.
  • Genre: Choices Matter, LGBTQ+
  • Releasedatum: 29.10.2024 (PC, PlayStation 5, Xbox Series X, Xbox Series S), 19.11.2024 (Nintendo Switch digital), 28.01.2025 (Nintendo Switch physisch)
  • Spielstunden: 12 Stunden
  • Spieler*innen-Anzahl: 1
  • Altersfreigabe: ab 12 Jahren
  • Preis: ab 44,95 EUR
  • Bezugsquelle: Fachhandel, Amazon

 

Fazit

Life is Strange: Double Exposure bringt mit Max eine altbekannte Heldin zurück und stürzt sie in ein übernatürliches Detektivabenteuer. Zusammen mit einem tollen Setting und einem Soundtrack, der wie so oft in der Life is Strange-Reihe zu begeistern weiß, entsteht eine gelungene Mischung, die zum Mitfiebern einlädt. Ohne Fehler ist diese allerdings nicht. Die Handlung verliert stellenweise an Momentum, und mehr als einmal entsteht der Eindruck, dass die Wendepunkte der Erzählung unabhängig von den Tätigkeiten der Spieler*innen geschehen. Darüber hinaus ist der Kaufpreis für circa 12 Stunden Spielspaß als teuer anzusehen – selbst, wenn sich das Spiel für einen erneuten Durchlauf anbietet.

Zum Wohlfühlen: In der Snapping Turtle gibt es Getränke alle Art und eine charmante Atmosphäre.
Zum Wohlfühlen: In der Snapping Turtle gibt es Getränke alle Art und eine charmante Atmosphäre.

Während Fans der Reihe über die Schwächen sicherlich hinwegsehen und ein schönes Spielerlebnis haben können, lohnt es sich für die meisten Spieler*innen wohl eher, Double Exposure zu einem späteren Zeitpunkt, im Angebot, zu erwerben. Angesichts der winterlichen Stimmung des Spiels bedauerlich, denn für so manch verschneite Winternacht ist Max‘ neustes Abenteuer gewiss eine gute Wahl.

  • Spannende Prämisse und toller Einstieg
  • Herausragender Soundtrack

 

  • Längen und Schwächen in der Handlung
  • Teuer
  • Überlappende Dialogzeilen

Artikelbilder: © Deck Nine Games, Square Enix
Layout und Satz: Mika Eisenstern
Lektorat: Rick Davids
Screenshots: Yola Tödt
Dieses Produkt wurde kostenlos zur Verfügung gestellt.

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