Die Menschheit hat noch 107 Stunden bis zur endgültigen Auslöschung. Nach dem brutalen Mord an der wichtigsten Wissenschaftlerin wird der Nebel kommen und die letzten Überlebenden vernichten. Die einzige Chance: Ihr*e Mörder*in muss gefunden werden. Gelingt es Stuart Turton, diesen Genremix aus Kriminalroman und Endzeitkulisse glaubhaft zu präsentieren?
Irgendwann in einer fernen Zukunft ist die Welt durch einen giftigen Nebel unbewohnbar geworden. Nur eine kleine Gruppe von Menschen hat auf einer abgeschiedenen Insel im Mittelmeer überlebt. Die Gemeinschaft lebt in scheinbar perfekter Ordnung, die Gruppe ist unterteilt in Wissenschaftler*innen, die uralt sind, und Dorfbewohner*innen, deren Ableben auf ihren 60. Geburtstag festgelegt ist. Die Wissenschaftler*innen sind für den komplexen Abwehrmechanismus verantwortlich, der das Überleben der letzten ihrer Art sichert, während die Dorfbewohner*innen als Arbeitskräfte fungieren.
Diese fragile Ordnung gerät ins Wanken, als ein Mord geschieht: ein Verbrechen, das eigentlich unmöglich sein sollte, da alle Menschen ihre Gedanken mit der KI teilen müssen. Die älteste Wissenschaftlerin wird am Morgen tot aufgefunden und niemand kann sich an die Nacht erinnern. Durch diesen Mord wurden die Abwehrmechanismen, die eine Barriere zum alles zerstörenden Nebel bildeten, heruntergefahren und es bleiben noch 107 Stunden, bis er die Insel zu verschlucken droht. Ein Wettlauf mit der Zeit beginnt: Wer hat den Mord begangen, wie konnte es geschehen – und was steht wirklich auf dem Spiel? Die ungewöhnliche Emory wird beauftragt, herauszufinden, was passiert ist. Und an Verdächtigen mangelt es nicht.
Gewalt, Tod, Enge Räume, Fremdkontrolle
Story
Der letzte Mord am Ende der Welt lebt von der zeitlichen Dringlichkeit, die durch den Countdown zur Katastrophe während der kompletten Handlung präsent bleibt. Stuart Turton hat zudem mit Abi eine ungewöhnliche KI erschaffen, die in der Lage ist, mit allen Dorfbewohnenden zu kommunizieren, und die zusätzlich zu ihrer Kontrollfunktion auch eine Ratgeberfunktion innehat. Trotzdem gelingt es ihr nicht, den Mord zu verhindern. Ist sie wirklich allwissend?
Die Herrschaftsfunktion, die die Wissenschaftler*innen über die anderen Menschen auf der Insel haben, ist ebenfalls innovativ, denn eine alleinige Gestaltung des Zusammenlebens durch Wissenschaftler*innen ist ein Novum. Trotzdem folgt die Mehrheit der Menschen, wie in jedem anderen Regierungssystem auch, der Obrigkeit, ohne diese zu hinterfragen. Emory dagegen zeigt von Anfang an eine auflehnende, antiautoritäre Haltung, die sie schlussendlich zu ihrer besonderen Aufgabe, der Aufklärung des Mordes, bringt. Alle Charaktere sind einzigartig und divers ausgestaltet, obwohl einige Personen eher Sympathieträger*innen sind als andere. Dies trägt zur Verwirrung und einem unterhaltsamen Täter*innenraten im Hinblick auf den Krimiteil bei.
Obwohl Turton viel Wert auf die Beziehung der handelnden Person untereinander legt, schafft er es gleichzeitig, technische Science-Fiction-Elemente und einen klassischen Whodunnit-Spannungsbogen, auch durch den begrenzten (Lebens-)Raum, in einer Geschichte zu vereinen. Damit nicht genug: Auch an Plot-Twists wird nicht gespart, sodass die Story von Der letzte Mord am Ende der Welt vollkommen überzeugt. Einer dieser Plot-Twists lässt sich zumindest vage erahnen, trotzdem ist die schlussendliche Auflösung stimmig und lässt Lesende mit einem guten Gefühl zurück.
Schreibstil
Stuart Turton schreibt packend und ausschweifend. Trotz der 450 Seiten, die die Handlung braucht, um ihren würdigen Abschluss zu finden, ist keine Handlungssequenz zu viel. Ihm gelingt es ausgezeichnet, den Protagonist*innen den Raum zu geben, den es zur Charakterentwicklung braucht.
Dadurch, dass Turton die Handlung immer mal wieder durch eine Angabe der Stunden bis zum Aussterben der Menschheit betitelt, wird die Dringlichkeit der Ermittlung der Tatperson sehr deutlich gemacht. Der Übersetzerin Dorothee Merkel gelingt es ausnehmend gut, die Spannung auch in der deutschen Ausgabe aufrechtzuerhalten.

Sehr schön stellt der Autor zudem die Unterschiede zwischen der Endzeitatmosphäre, verkörpert durch die lebensfeindliche Umgebung und die technikaffinen Wissenschaftler*innen, und der kreativen Lebensfreude der Dorfbewohner*innen heraus.
Vier verrostete Jeeps dienen als Hochbeete für Kräuter, und aus Granatenhülsen wachsen Zitronen- und Orangenbäume.
Obwohl der erzählerische Fokus auf unterschiedlichen Figuren liegt, ist es Emory, die den meisten Raum in Der letzte Mord am Ende der Welt einnimmt. Beinahe organisch verschmelzen die Handlungen der anderen mit ihrer Ermittlung.
Die Auflösung ist zwar gut durchdacht und lässt keine Fragen zurück, trotzdem schmerzt es beinahe, dass der Roman nur ein Einzelband ist und Lesende nie erfahren werden, wie es den Dorfbewohner*innen weiter ergeht.
Der Autor
Der in England lebende Bestsellerautor Stuart Turton lässt sich nicht auf ein Genre festlegen. Vielmehr spielt er mit der Spannung in unterschiedlichen Settings. Sein letzter Roman Der Tod und das dunkle Meer ist beispielsweise eine historische Geisterschiff-Geschichte. In einer „besonderen Danksagung“ am Ende von Der letzte Mord am Ende der Welt bedankt er sich bei den Lesenden, ihm über die Genres hinweg die Treue zu halten und betont, dass ein gutes Leseerlebnis in der Wechselwirkung zwischen Autor*innen und Lesenden entsteht, denn in den Köpfen der Lesenden entsteht die wahre Magie. Mehr über Stuart Turton, inklusive einer unterhaltsamen FAQ-Auflistung, kann seiner Website entnommen werden.
Erscheinungsbild
Das Cover von Der letzte Mord am Ende der Welt wurde analog zur englischen Originalausgabe gestaltet und dies stellt sich als goldrichtige Entscheidung dar, denn es ist wirklich wunderschön. Die Farben fließen förmlich ineinander und wichtige Schauplätze sind darin verwoben, ohne zu spoilern. Der passende Farbschnitt, der den Buchumschlag perfekt weiterführt, macht das Buch zu einem Schmuckstück im Regal.
Die harten Fakten:
- Verlag: Tropen
- Autor: Stuart Turton
- Erscheinungsdatum: 15.02.2025
- Sprache: Deutsch (aus dem Englischen übersetzt von Dorothee Merkel)
- Format: Hardcover
- Seitenanzahl: 464
- ISBN: 978-3-608-50261-9
- Preis: 25 EUR (Print) + 19,99 EUR (E-Book)
- Bezugsquelle Fachhandel, Amazon (deutsch und englisch)
Bonus/Downloadcontent
Auf der ersten und letzten Seite von Der letzte Mord am Ende der Welt befindet eine Karte des Lebensraums auf der Mittelmeerinsel, inklusive eines Grundrisses des Dorfes. Dies ist eine sehr gute Entscheidung, damit Lesende die Ermittlungen und den schlussendlichen Tathergang verfolgen und erfassen können. Auch die Danksagungen am Ende des Buches sind lesenswert.
Fazit
Stuart Turton nimmt seine Lesenden in Der letzte Mord am Ende der Welt mit auf kleine Mittelmeerinsel, in denen die letzten Bewohner*innen des Planeten ihr Überleben in relativ ruhigen Bahnen verbringen. Ein Mord, der eigentlich nicht sein dürfte, da eine KI die Gedanken der Menschen überwacht, verändert alles. Denn nun ist das Schutzsystem außer Gefecht gesetzt und es bleiben 107 Stunden bis zur endgültigen Vernichtung des menschlichen Lebens. Es sei denn, der*die Mörder*in wird gefasst.
Das Buch, das wunderschön mit Farbschnitt gestaltet ist, stellt eine Mischung aus Science-Fiction, Endzeitstimmung und klassischem Whodunnit-Krimi dar. So ungewöhnlich dieser Mix auch sein mag, so gut funktioniert er: Durch die Bedrohungslage wird die Ermittlung der Dorfbewohnerin Emory so fesselnd, dass es sich zu einem wahren Pageturner entwickelt. Die sehr gut ausgestalteten Charaktere tun ihr Übriges, damit dieses Buch zu einem Highlight wird.

- Mix verschiedener Genres
- Verblüffender Plot-Twist
- Wunderschöne Covergestaltung
- Leider nur ein Einzelband
Artikelbilder: © Tropen
Titelbild: © depositphotos | luckyphotographer
Layout und Satz: Kai Frederic Engelmann
Lektorat: Gloria Puscher
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