Das Abenteuer lockt! Mit Warcrow Adventures tauchen bis zu vier Spielende in die Welt Lindwurm ein. In typischer Dungeon-Crawler-Manier werden gemeinsam Monster besiegt und Schätze erbeutet. Eingebettet in eine von mehreren Kampagnen erleben die Spielenden eine Vielzahl von Missionen. Ob die Ausflüge in allerlei Dungeons Spaß machen, erläutern wir hier.
Dungeon-Crawler gibt es mittlerweile in unzähligen Varianten. Ob mechanisch anspruchsvoll und sandbox-artig wie in Dungeons of Doria, als kurzweilige, familienfreundliche Alternative wie das kürzlich erschienene Dungeon Legends oder als narratives Schwergewicht Chroniken von Drunagor: Zeitalter der Dunkelheit, um nur einige der zahlreichen Genrevertretungen zu nennen.
Gemeinsam haben diese Spiele, dass die Spielenden kollektiv gegen eine Bedrohung vorgehen, unterschiedliche Missionen in Angriff nehmen und währenddessen oder zwischen den Missionen ihre Charaktere durch gefundene Beute verstärken können.
In eine ähnliche Richtung geht auch das 2024 erschienene Warcrow Adventures aus der spanischen Spieleschmiede Corvus Belli. In einem düsteren, aber eher klassischen Fantasy-Setting gehen bis zu vier Spielende auf mehrere Abenteuer, um Geheimnisse zu lösen und Gefahren abzuwehren, die die Stadt Hawthorn Point bedrohen. Wem das bekannt vorkommt, ist vielleicht schon dem Tabletop-Ableger Warcrow begegnet. Beide Spiele sind in der gleichen Welt angesiedelt, die massentaugliche Fantasy bietet. Es gibt Elfen, Zwerge, Menschen, Orks und allerlei andere Rassen, die in verschiedenen Fraktionen um die Vorherrschaft der Welt Lindwurm kämpfen. Magie ist ebenfalls vorhanden , hat allerdings einen korrumpierenden Effekt, der auch spielerische Auswirkungen in Warcrow Adventures hat. Dabei setzt das Spiel auf einen narrativen Schwerpunkt mit technischer Unterstützung. Über die für Smartphones und Tablets erhältliche App werden das analoge Spielgeschehen unterstützt, eine Rahmenhandlung erzählt und einige Spielmechaniken abgehandelt.
Tod, Gewalt, Verstümmelung, Leichenschändung
Inhaltsverzeichnis
Spielablauf
Vorbereitung
Neben der Vorbereitung des analogen Spielmaterials muss auch die Warcrow Adventures App aus dem passenden App-Store heruntergeladen werden. Dort werden eine Kampagne und die mitspielenden Charaktere ausgewählt. Aktuell stehen zwei, mit der Erweiterung Deathclaws of the Dream drei Kampagnen mit mehreren Missionen zur Auswahl. Der Spielaufbau wird in der beiliegenden Anleitung erläutert und geht flott von der Hand. Alle Spielenden suchen sich einen Charakter aus, mit dem sie die jeweilige Kampagne bestreiten möchten. Zur Auswahl stehen typische Fantasy-Archetypen wie Ork-Berserker, Zwergen-Kriegerin, menschliche Zauberin oder Klerikerin sowie ein elfischer Waldläufer. Zu allen Charakteren gehören ein Initiativ-Token, Ressourcen-Marker für ihre Spezialfähigkeit, Startausrüstung und Energiewürfel, die für Aktionen genutzt werden. Außerdem haben die Charaktere sechs Attribute, in denen sie unterschiedlich gut sind, sodass hier Unterschiede spürbar sind, die zu verschiedenen Herangehensweisen an Kämpfe und andere Fähigkeitsproben führen können. In späteren Szenarien erhalten die Charaktere zusätzliche charakterspezifische Fähigkeiten, die die Unterschiede zwischen den Spielfiguren noch verstärken.

Das Spielfeld wird je nach gewähltem Szenario bzw. Kampagne mithilfe der App aufgebaut. Diese gibt das Layout der ersten Spielfeldteile vor, auf denen sich die Charaktere und Monster während der Mission bewegen. Die übrigen Marker werden bereitgelegt, und schon kann die Spielrunde beginnen.
Zu Beginn einer Partie wird in der Warcrow-App ein kurzer Einführungstext vorgetragen, der einen geschichtlichen Hintergrund liefert und in die anstehende Mission einführt. Nach dem Intro wird der notwendige Aufbau dargestellt, anschließend kann losgespielt werden.
Die Spielrunden
Bei Warcrow Adventures werden zwei Spielphasen unterschieden. In der Erkundungsphase bewegen die Spielenden ihre Charaktere in Runden nacheinander über das Spielfeld, das in quadratische Felder aufgeteilt ist, und interagieren mit Markern, die sowohl in der App als auch auf dem Spielplan ausliegen. Je nach Art des Markers, können unterschiedliche Ereignisse eintreten, häufig begleitet durch Fähigkeitsüberprüfungen. Diese werden mithilfe eines Würfelpools abgehandelt. Es gibt sechs unterschiedlich farbige Würfel: schwarze, blaue und grüne Würfel werden hauptsächlich für die Verteidigung gegen drohenden Schaden eingesetzt, während gelbe, orange und rote Würfel in der Regel für Angriffe und Fähigkeitsproben verwendet werden. Auf jedem Charakterbogen ist angegeben, mit welchen Würfeln zu welchem Attribut gewürfelt werden darf. Das Ergebnis des Würfelwurfs wird in die App eingegeben, die Erfolg oder Misserfolg feststellt. Die Zielwerte werden im Vorfeld nicht dargestellt.
So bewegen sich die Spielenden gemeinsam über das Spielfeld, erkunden die Umgebungen und lösen Fähigkeitsüberprüfungen, um in der Mission voranzuschreiten.
Früher oder später, wieder durch die App signalisiert, müssen Kämpfe gegen allerlei Monster ausgetragen werden. Position und Anzahl der Gegner werden in der App dargestellt. Zu jedem Monster gibt es passende Karten, die den Bewegungsradius, die Kampf- und Verteidigungsstärke sowie besondere Fähigkeiten zeigen.

Im Kampf wird die Rundenstruktur beibehalten, allerdings spielt nun auch der Initiativwert der eigenen Charaktere und der der Monster eine Rolle. Sobald Monster erscheinen, werden die Marker der von den Spielenden gesteuerten Charaktere sowie die der Monster auf die jeweiligen Feldern der Initiativscheibe gelegt.
Hat ein Charakter oder Monster einen Initiativwert von drei, wird sein Marker auf das Feld drei gelegt. Das bedeutet, dass diese Charaktere in Runde drei handeln dürfen. Liegen mehrere Initiativmarker übereinander, werden die Züge dieser nacheinander abgehandelt. Ist ein Zug abgeschlossen, wird der passende Initiativmarker um den Initiativwert weitergelegt.

In einem Zug dürfen Charaktere bis zu sechs Aktionen ausführen. Die erste Bewegungsaktion ist kostenlos, solange keine Feinde auf einem angrenzendem Feld sind. Alle anderen Aktionen müssen zunächst mithilfe eines oder mehrerer Energiewürfel aktiviert und anschließend ausgeführt werden. Zu Beginn einer Kampagne stehen allen Spielenden drei Energiewürfel zur Verfügung, später können es mehr werden. Um eine Aktion auszuführen, muss die Person, die am Zug ist eine von fünf Aktivierungslinien auf ihrem Charaktertableau mit einer ausreichenden Anzahl von Energiewürfeln bestücken. Auf jeder Linie gibt es Symbole, die für Effekte stehen, die dann eintreten, wenn dort ein Energiewürfel platziert wird. Das können Boni wie zusätzliche Bewegungen oder stärkere Angriffe sein, können aber auch negative Auswirkungen haben, wie den Verlust von Ressourcen. Für jede aktivierte Linie kann eine Aktion durchgeführt werden, in der Regel Angriffe oder der Einsatz von Spezialfähigkeiten. Aktionen gegen Monster werden durch konkurrierende Würfe zwischen Spielenden und Monstern entschieden, ebenso wie die Verteidigung gegen Angriffe. Wurden einem Monster eine gewisse Anzahl an Wunden zugefügt, ist es besiegt. Erhalten die Charaktere der Spielenden zu viele Wunden, werden sie bewusstlos, scheiden aus der aktuellen Begegnung aus und können erst nach Kampfende wieder aktiv werden. Außerdem erhalten sie häufig bleibende Mali, die erst am Ende der Mission geheilt werden können. Wird die gesamte Gruppe im Laufe eines Kampfes bewusstlos, ist die Mission verloren und muss von Neuem begonnen werden.

Eine Besonderheit ist der Umgang mit Magie. Früher oder später erhalten alle Charaktere die Möglichkeit, einige ihrer Fähigkeiten magisch zu verstärken oder magische Angriffe durchzuführen. Die Magie in Warcrow Adventures hat allerdings nicht nur positive Effekte. Beim Einsatz von Magie erhalten die Charaktere unter Umständen Stains (Flecken bzw. Schmutz). Werden zu viele dieser Stains gesammelt, können zusätzlich Effekte auftreten, die zwar den Charakter verstärken, auf längere Sicht aber weitere Stains verursachen. Ist ein Charakter zu stark „befleckt“, scheidet er aus der Kampagne aus, da er aus narrativer Sicht zu sehr von der Magie korrumpiert wurde.
Die Monster handeln nach festgelegten Regeln, die in der App dargestellt werden. Einige Monster greifen immer die am nächsten stehenden Charaktere an, andere fokussieren diejenigen mit dem meisten Leben oder der höchsten Basisinitiative.

Ansonsten gelten typische Dungeon-Crawler-Regeln. Sichtlinien spielen eine Rolle, Felder können durch Charaktere, Monster und andere Hindernisse blockiert werden, und es gibt Statuseffekte, die Vor- und Nachteile im Kampf bieten können.
So kämpfen und erkunden die Spielenden je nach Mission Kerker, Sümpfe, Höhlen, Vulkane und andere unwirtliche Landschaften, bis sie das Missionsziel erreichen oder von Monstern und Fallen überwältigt wurden. Währenddessen werden allerlei Ausrüstung und andere nützliche Gegenstände gesammelt. Zwischendurch gibt es durch die App immer wieder (teilweise vertonte) Geschichtsschnipsel, die die Handlung vorantreiben. Gelegentlich müssen Entscheidungen getroffen werden, die den weiteren Verlauf der Mission und der Kampagne beeinflussen.

Am Ende einer Mission kehren die Charaktere stets in die Stadt Hawthorn Point zurück, die als Ausgangspunkt für weitere Abenteuer dient. Zwischen den Missionen können die Spielenden hier über die App verschiedene Einrichtungen und Institutionen der Stadt besuchen, um ihre Fähigkeiten oder Ausrüstung zu verbessern. Dabei haben die Einrichtungen Beschränkungen, wie viele Charaktere gleichzeitig dort einkehren können. Außerdem ist pro Aufenthalt immer nur der Besuch eines Gebäudes möglich; danach geht es frisch gestärkt zur nächsten Mission. Nebenbei sind in Hawthorn Point vier unterschiedliche Fraktionen ansässig, zu denen die Charaktere Beziehungen aufbauen können. Dadurch erhalten sie Boni von diesen Fraktionen für die nächsten Missionen, oder es können sich neue Handlungsstränge ergeben.
Erweiterung Deathclaws of the Dream
Die Erweiterung bringt zwei neue Charaktere, sowie eine Vielzahl neuer Monster mit sich. Beides ist in eine neue Kampagne eingebettet, die chronologisch nach den beiden Kampagnen des Hauptspiels stattfindet. Neue und alte Charaktere können in allen drei Kampagnen eingesetzt werden; die neuen Gegner und Gegenstände sind nur in der neuen Kampagne zu finden. Spielmechanische Veränderungen gibt es keine.
Die App als digitaler Assistent
Einige Funktionen der App wurden oben schon genannt: Sie fungiert als narratives Element, stiftet Atmosphäre durch eine passende Hintergrundakustik, gibt den Aufbau der Mission vor und organisiert das Auftauchen von Monstern und anderen Hindernissen. Über sie werden die Lebenspunkte der Monster nachgehalten und besondere Effekte angekündigt. Das bedeutet, dass ein Spiel ohne App kaum möglich ist.
Ausstattung
Die beiliegenden Minis sind zahlreich und von guter Qualität. Sowohl die kleinen als auch die großen 55-mm-Modelle erscheinen detailreich und bestechen durch ein düsteres und martialisches Design. Die vielen beiliegenden Karten und Marker sind qualitativ angemessen. Das Material der Minis ist etwas flexibler als man es vielleicht von anderen Herstellern gewohnt ist, wodurch es etwas bruchsicherer zu sein scheint.
Die Spielbox selbst ist lediglich mit zwei dünnen Plastik-Inlays bestückt, in denen passgenaue Aussparungen für die Minis vorhanden sind, allerdings keine eindeutigen Plätze für die Marker, Karten und Würfel, bereithält. Hier wäre etwas mehr Organisationsraum der Ordnung sicherlich zuträglich gewesen.
Die Anleitung ist sehr umfangreich, aber insgesamt übersichtlich.
Die App
Warcrow Adventures funktioniert nur mit App-Unterstützung. Auf den Testgeräten (iPad und Samsung-Smartphone) hat die App bug- und problemfrei funktioniert. Musik, Geräusche und Sprachausgabe waren klar und gut verständlich. Aktuell sind App und Spiel in englischer oder spanischer Sprache erhältlich.
- Verlag: Corvus Belli
- Autor*in(nen): Alberto Abal, Jesùs Fuster, Laura Castro Royo, Marcos Bello Soto
- Illustrator*in(nen): Ariel Anabitare, Stephanie Boehm, Rocío Espín, Diego Gisbert, Jihwan Ha, Bagus Hutomo, Ramazzan Kazaliev, Roman Kuzmin, Julia Lillo, Francisco Javier „Maz!“ Macías, Francisco Rico, Han Sakwang, Aitor Sebastian, Roberto Zoreda
- Erscheinungsjahr: 2024
- Sprache: Englisch
- Spieldauer: 60 – 90 Minuten pro Szenario
- Spieler*innen-Anzahl: 2 bis 4 Personen, am besten mit 4
- Alter: 14+
- Preis: Ca. 100 EUR
- Bezugsquelle: Fachhandel
Bonus/Downloadcontent
Der Verlag bietet neben den Regelbüchern des Hauptspiels und der Erweiterung auch die Charakterbögen im klassischen Rollenspiel-Layout an. Das gesamte Material steht hier zum Download bereit. Die zum Spielen notwendige App ist in den bekannten App-Stores erhältlich.
Fazit
Warcrow Adventures funktioniert als Dungeon-Crawler mit narrativem Schwerpunkt gut. Die Regeln sind nicht ausufernd und bleiben angenehm übersichtlich. Die Charaktere unterscheiden sich voneinander, sodass unterschiedliche Spielstile glänzen können. Die Inszenierung ist martialisch bis brutal, allerdings nicht zu morbide. Die vorhandenen Mechaniken bieten erfahrenen Spielenden wahrscheinlich wenig Neues, greifen aber gut ineinander und schaffen ein flüssiges Spielerlebnis.
Als atmosphärische Begleitung macht die Warcrow Adventures-App vieles richtig. Die Texte sind stimmig geschrieben, die vorhandene Vertonung sorgt für stimmungsvolles Dungeon-Crawling.
Den Spielverlauf begleitet die App allerdings eher rudimentär. Die Testgruppen hätten sich eine stärkere Verknüpfung zwischen Spielgeschehen und App gewünscht, zum Beispiel durch die Steuerung der Bewegungen von Charakteren und Monstern. Aktuell ist die App nettes Beiwerk, gewinnt aber keinen Innovationspreis. In dieser Form hätte auf die App auch verzichtet werden können, um ein rundes, analoges Spielerlebnis zu sichern, da sie kaum spielerischen Mehrwert bietet. Das machen andere genretypische Spiele besser.
Trotzdem ist Warcrow Adventures insgesamt ein gelungenes Gesamtpaket, insbesondere für Spielende, die neu in die Abenteuer des Dungeon-Crawlings eintauchen wollen und dabei eine stimmungsvolle Geschichte erleben möchten.

- Atmosphärisches Dungeon-Crawling
- Klares Regelwerk
- Vielfältige Charakterauswahl
- Wenig Neues
- Mehrwert der App-Unterstützung fraglich
Artikelbilder: © Corvus Belli
Layout und Satz: Dominic Niederhoff
Lektorat: Hendrik Pfeifer
Fotografien: Maximilian Lentes
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