Eine psychiatrische Anstalt für geisteskranke Superschurk*innen, die gleichzeitig als Gefängnis dient. Nein, es geht nicht um das Arkham Asylum, denn wir sind im Marvel-Universum. Hier heißt die Entsprechung: Ravencroft. In diesem Band geht es um die mysteriöse Geschichte dieses Sanatoriums und seine Zukunft. Denn Norman Osborn will es neu errichten…

Als Antwort auf Batmans Arkham Asylum hat Marvel in den 90ern das Ravencroft-Institut erschaffen, in dem hauptsächlich die Gegner*innen von Spider-Man gefangen gehalten werden. Unter anderem hat Carnage eine lange Geschichte mit dem Institut: Hier entstanden einige seiner Nachfahren. Im Absolute Carnage-Event war es ein wichtiger Handlungsort, der am Ende durch Deadpool niedergebrannt wurde. Nun soll es erneut erstehen. Man kann nur vermuten, dass es im nächsten Venom-Film ebenfalls vorkommen wird. Damit ist es an der Zeit, die Hintergründe dieser Einrichtung zu erfahren. Denn das Schicksal Carnages ist noch stärker mit dem Sanatorium verbunden als bisher bekannt.
Dieser Band ist als Prequel für das kommende Event King in Black zu sehen, bei dem der Gott Knull zurückkehren wird. Man erkennt gleich: Hinter dem Comic steckt eine große Markenstrategie. Oft wirkt so ein Band zu erzwungen und erzählt keine eigene Geschichte. Wie ist es diesmal? Kann der Comic mit Misty Knight in der Hauptrolle überzeugen? Oder ist der Comic so überflüssig wie ein Kropf?
Inhaltsverzeichnis
Handlung
John Jameson hat einen neuen alten Job: Er wird Sicherheitschef im Neubau des Ravencroft. Bürgermeister Wilson Fisk hat ihm den Job gegeben, den er bereits in den 90ern einmal hatte. Seit den Ereignissen in Doverton hat er Probleme, sich in den Wolf zu verwandeln. Doch Misty Knight ist wieder an seiner Seite. Zusammen finden sie eine verborgene Anstalt unter Ravencroft, in der einst seltsame Experimente durchgeführt wurden. Unter anderem waren hier Mister Sinister und Dracula aktiv, doch es gibt dort einen Schrecken, der auch heute noch gefährlich werden kann.

Während der erste Teil die Vergangenheit des Ravencrofts erkundet, handelt der zweite Teil vom Neuaufbau, in dem Schurk*innen wie Grizzly, Mister Hyde oder Man-Bull eingesperrt werden. Hier gibt es einen langsamen Aufbau, bei dem ein wenig mehr über die Monster unter der Einrichtung offenbart wird und die Situation nach und nach eskaliert. So werden beispielsweise der Taskmaster oder andere Verbrecher*innen als Angestellte engagiert. Zum Schluss kommt es zum Aufstand und es geht um Leben und Tod.
Die Handlung bekommt genug Raum zur Entfaltung, da der Spannungsaufbau angenehm ruhig ist. Stets bleiben ein paar Geheimnisse im Dunkeln, sodass man das Interesse nicht verliert weiter zu lesen. Eher störend ist aber, dass der Comic versucht, möglichst viele Aspekte des Marvel-Universums zu berühren. Dass Mister Sinister einst hier gearbeitet hat, ist für die Handlung völlig unerheblich und soll nur dazu dienen, der Geschichte ein solides Fundament zu geben, damit sie nicht im luftleeren Raum stattfindet. Dies ist nur ein Beispiel von vielen. Es scheint, als ob ein großer Teil des Platzes dafür verschwendet wurde, Leser*innen Dinge zu zeigen, die sie wiedererkennen. Die Handlung hätte mehr Raum für eigene Ideen verdient.
Charaktere
Als Protagonist*innen gibt es neben Misty Knight und John Jameson auch Wilson Fisk und Dennis „Demolition-Man“ Dunphy. Das sorgt für spannende Perspektiv-Wechsel und führt zu einer abwechslungsreichen Lektüre. Die Absichten und Handlungen dieser Figuren sind nachvollziehbar, doch auf eine wirkliche Charakterentwicklung wurde verzichtet.

Gerade der Plot um John Jameson und seine Qual, sich nicht mehr verwandeln zu können, hätte mehr Raum verdient. Doch statt ihm eine sinnige Wandlung zu geben, verwandelt sich das ganze Szenario im letzten Kapitel zu einem unübersichtlichen Gemetzel. Hier läuft alles viel zu schnell ab.
Dazu gibt es eine*n sehr undurchsichtige*n Antagonist*in, den oder die ich nicht weiter spoilern möchte. Mit den verfügbaren Mitteln und zu einem anderen Zeitpunkt wären die erwünschten Ziele wesentlich erreichbarer gewesen. So wirkt das Szenario im Nachhinein unlogisch und konstruiert. Da wäre mehr möglich gewesen.
Zeichenstil
Der Comic vereint einige gute Künstler, die zusammen ihre Vision auf Papier bringen konnten. Dabei sind die Rückblenden in verwaschenen Farben und einem klassischeren Stil gehalten. Die Gegenwart ist mit einer sehr großen Anzahl an Licht- und Schatteneffekten dargestellt, die für eine gruselige Atmosphäre sorgen.
Gerade, was Panel- oder Charaktergestaltung angeht, werden aber keine besonders interessanten Akzente gesetzt. Hier ist das Werk ganz Auftragsarbeit, mit vielen Porträts von versteiften Gesichtszügen.
Optisch wäre hier mehr drin gewesen, und der Band verpasst die Chance, als Band, der zu keiner Serie gehört, aus dem Allerlei der Superhelden-Comics herauszustechen. Gerade die Horroraspekte hätten betont werden können.
Erscheinungsbild
Über das Erscheinungsbild gibt es wenig Negatives zu berichten. Die Druck-Qualität ist gut, das Papier hat eine ausreichende Dicke und auch der Einband ist stabil genug, dass der Comic beim Lesen nicht auseinanderfällt. Dazu hat der Comic eine gute Dicke, dass man ihn auch mitnehmen kann und er nicht zu schwer wird, wenn man ihn lange in der Hand hält. Die zusätzlichen Fakten von Panini als Einleitung nach dem Nachwort sind wie immer informativ und erhöhen das Lesevergnügen.
Die harten Fakten:
- Verlag: Panini Comics
- Autor*in: Frank Tieri
- Zeichner*innen: Angel Unzueta, Guiu Vilanova, Stefano Landini
- Erscheinungsjahr: 2020
- Sprache: Deutsch/Englisch
- Format: Paperback
- Seitenanzahl: 212
- Preis: 22 EUR
- Bezugsquelle: Fachhandel, Panini-Comics, Amazon, idealo
Fazit
Der Comic verschenkt leider viel Potenzial. Dabei gefällt mir gerade der Aufbau gut: Ein düsterer Schauplatz wird in seiner Geschichte aufgearbeitet, sodass sich die Gegenwart mit der Vergangenheit des Ortes vermischt. Doch ist diese Handlung nicht gut durchdacht. Zu viel Wert wurde darauf gelegt, viele bekannte Figuren des Marvel-Kosmos in die Erzählung zu verweben, ohne dass sich daraus eine zusammenhängende Geschichte ergibt.
Am ehesten taugt dieser Band, um ihn an einem ruhigen Samstagabend durchzulesen, ohne viel über das Geschehene nachzudenken. Gerade der Plan des*der Antagonist*in wirkt undurchdacht und lässt Lesende unbefriedigt zurück. Ungeklärte Fragen werden wohl auch so schnell nicht aufgeklärt, und der Band wird zunächst wieder vergessen.
Als alleinstehendes Werk hätte das Setting viel Potenzial gehabt. Ich denke auch nicht, dass er als Prequel zu King in Black viel hergibt. Man bereut nicht, den Comic gelesen zu haben und wird auch immer wieder gut unterhalten. Doch am Ende wird man den Comic auch schnell wieder vergessen.

Artikelbilder: © Panini Comics
Layout und Satz: Roger Lewin
Lektorat: Rick Davids
Dieses Produkt wurde kostenlos zur Verfügung gestellt.


















