Wenn Rimworld und Crusader Kings ein Kind zeugen könnten, dann wäre es wohl Norland. In dieser charmanten Mittelaltersimulation lenken Spieler*innen mithilfe einer Adelsfamilie die Geschicke ihres Reichs. Sie können Städtebau und Handel betreiben, Krieg führen und politische Ehen schließen. Wie genau das aussieht, zeigt dieser Spieltest.
Disclaimer: Das Indie-Studio Long Jaunt beschäftigt ein internationales Team mit Mitgliedern unter anderem aus der Ukraine, Belarus und Kazkhstan. In der Vergangenheit gab es auch Gerüchte um Beziehungen nach Russland. Als Magazin passionierter Hobbyist*innen sind wir nicht in der Lage, diesen Gerüchten einwandfrei mit der nötigen journalistischen Sorgfalt auf den Grund zu gehen, möchten dies aber auch nicht verschweigen.
Jedes Mal eine einzigartige Geschichte? Dieser Idee geht das Strategie- beziehungsweise Simulationsspiel Norland nach, indem es Spielenden die Kontrolle über eine Adelsfamilie und deren kleines Reich an die Hand gibt. Auf dem ersten Blick mag der Titel des Studios Long Jaunt mit Sitz in London niedlich wirken, doch davon sollte sich niemand täuschen lassen: Die mittelalterliche Spielwelt ist von brutalen Schlachten und komplexen Beziehungen, die nicht frei von Verrat und Mord sind, geprägt.
Für diesen Spieltest wurde eine Preview-Version von Norland zur Verfügung gestellt. Diese ermöglicht einen umfassenden Ersteindruck des Titels, der am 16.05.2024 im Early Access auf Steam erscheint. Es wurden etwa acht Stunden Spielzeit investiert.
Gewalt, Sklaverei
Inhaltsverzeichnis
Von Städtebau und Diplomatie: Die lange To-Do-Liste des Adels
Zu Beginn des Spiels können sich Spieler*innen ihre Adelsfamilie aussuchen. Hier kann beispielsweise zwischen einem Königspaar und deren Kind oder aber einer Kombination von Geschwistern gewählt werden. Auch können sowohl positive als auch negative Eigenschaften ausgesucht sowie eine Verteilung der Fähigkeiten vorgenommen werden. Beides ist von großer Wichtigkeit, denn lediglich das Adelsgeschlecht selbst kann gesteuert werden – einfache Bürger*innen agieren von allein.

Es schließt sich eine Simulation an, die sowohl den Aufbau einer eigenen Stadt als auch das Management des eigenen Königreichs beinhaltet. Die vielen verschiedenen Optionen und die zufällig auftretenden Ereignisse sorgen dafür, dass jede Spielerfahrung ganz individuell ausfällt.

Je nachdem, ob Spieler*innen es einfacher oder schwerer mögen, können Schwierigkeitsgrade und Startprämissen festgelegt werden. Auch die Wahl des Reichs, das bespielt werden soll, wirkt sich auf die bevorstehende Spielerfahrung aus. Ein hoher Wiederspielwert ist gegeben.
Stadtmanagement
Die erste Säule, auf die sich Norland stützt, ist der Bau und die Organisation der eigenen Hauptstadt. Es gilt, Wohngebäude, Felder und Produktionsstätten zu errichten, damit die Einwohner*innen sowohl ein Dach über dem Kopf als auch genug zu essen haben. Für die Zufriedenheit ist es außerdem ratsam, dass ab und zu Gold für ein Bier in der Taverne übrigbleibt. Damit das möglich ist, müssen Spieler*innen sich Gedanken darüber machen, wie viel Lohn das Volk bekommt. Schließlich soll die frisch ins Leben gerufene Adelsfamilie nicht gleich wieder bankrottgehen. Ein gesundes Gleichgewicht, das sich mit Handel festigen lässt, ist zu finden. Auch gibt es die Option, statt bezahlter Arbeitskräfte Sklav*innen zu einzusetzen. Diese können gekauft oder aber nach einer erfolgreichen Schlacht gefangen genommen werden. Für den Spieltest wurde hiervon Abstand genommen.

Im Alltag hat die adelige Bevölkerung hier bereits eine Menge zu tun: Sie muss Anweisungen geben, um die Produktion anzukurbeln, kann sich weiterbilden, indem sie sich von einer Person ihres Standes unterrichten lässt oder aber lernt in der Bibliothek den Bau neuer Gebäude oder das Verbessern von Erntetechniken. Darüber hinaus begrüßt sie reisende Händler*innen oder die Gesandtschaft der Kirche. Hierbei sollten Spieler*innen auf keinen Fall die Bedürfnisse ihres Adelsgeschlechts aus den Augen verlieren: Schnell sind die Blaublütigen überarbeitet oder mies gelaunt. Allerdings enden die Verpflichtungen nicht an der Stadtgrenze, denn auch außerhalb des eigenen Reichs wartet eine Vielzahl von Gefahren und Chancen.

Während der Städtebau schnell gelernt ist, präsentiert sich vor allem das Aufgabenfeld des Adels als umfangreich. Kleinteiliges Mikromanagement sowie rasch steigende negative Stimmung können das Spielen zu einer Herausforderung machen. Erschöpfte Herrscher*innen sind schnell depressiv und vernachlässigen ihre Aufgaben. Damit das nicht passiert, sollte beispielsweise regelmäßig eine herzhafte Mahlzeit zur Verfügung stehen. Der Besitz von möglichst vielen heiligen Ringen, die als eine Art zweite Währung fungieren, hebt ebenfalls die Stimmung. Doch damit nicht genug: Nicht selten verlangt es den feinen Herrschaften nach körperlicher Liebe. Diese können auch einfache Bürger*innen bieten, dann jedoch droht Unzufriedenheit, denn immerhin möchte man ja nicht beim Pöbel liegen. Ein anderes Beispiel ist das Schlechtfühlen aufgrund eines fehlenden Tempels. Dieser kann jedoch erst etwas später im Spiel gebaut werden, sodass ein Stimmungstief vorprogrammiert ist. Spieler*innen sollten sich Zeit nehmen, die vielen Tipps zu lesen und auf jeden Fall das angebotene Tutorial durchspielen. Ansonsten ist es nämlich schwer, den Überblick über alle Optionen und Bedürfnisse zu behalten.
Handel, Krieg und politische Eheschließungen
Die zweite Gameplay-Säule von Norland stellen die internationalen Beziehungen dar. Der Wechsel von der Stadtkarte auf die Weltkarte konfrontiert Spieler*innen mit einem komplexen politischen Geflecht. Benachbarte Reiche können besucht werden, um Beziehungen durch gemeinsames Würfelspiel oder aber eine Wolfsjagd aufzubauen und vielleicht sogar eine politische Ehe zu arrangieren.

Gleichermaßen ist es aber auch möglich, mithilfe von Bestechungsgeldern für Unruhen zu sorgen oder Attentäter*innen für die Ermordung von einflussreichen Herrschenden auf den Weg zu schicken. Die zahllosen Interaktionsmöglichkeiten gestatten das Aufbauen von freundschaftlichen Verhältnissen aber auch die brutale Auseinandersetzung mit der Konkurrenz. Getroffene Entscheidungen ziehen darüber hinaus Konsequenzen nach sich: Wer zu sehr in der Nachbarschaft randaliert, verliert seinen guten Stand bei der Kirche. Gleiches gilt auch für das Rekrutieren zwielichtiger Gestalten: Während das Auslöschen von Banditenlagern Pluspunkte sichert, sorgt das Aufnehmen zweifelhafter Personen in die Ränge der eigenen Armee definitiv für Ärger.
Auch auf der Weltkarte erlaubt Norland das Ausleben individueller Spielvorstellungen. Wie möchte man sich anderen Königreichen gegenüber präsentieren? Möchte man den anfänglichen Schutz, den das Spiel für einen sicheren Aufbau bietet, ausnutzen oder aber bricht man den Frieden schnell, um sich einen Vorteil zu ergattern? Ein solcher kann finanzieller Natur sein, indem man beispielweise Gold aus dem Nachbarreich plündert, oder aber den eigenen Wissenspool erweitern, indem Bücher gestohlen werden. Aus diesen lassen sich dann neue Gebäudearten und Ähnliches erlernen.

Neben den eigenen Handlungen steht die übrige Welt nicht still: Andere Herrscher*innen bauen ihr Reich aus, vergrößern ihre Familie und bieten Handelswaren an. Fühlen sie sich überlegen, können sie sogar eine Art Schutzgeld von den Spielenden verlangen – bezahlt werden muss das allerdings nicht. Darüber hinaus gibt es noch die Kirche sowie die unheilige Horde, die für Chaos und Zerstörung sorgt. Diese Parteien haben Einfluss auf das Spielgeschehen und sorgen dafür, dass der ein oder andere Plan verworfen werden muss. Viele Ereignisse sind zufallsgesteuert, was bedeutet, dass sie in jedem Durchlauf von Norland anders aussehen können (oder gar nicht stattfinden).
Technisches
Norland präsentiert sich Spieler*innen gegenüber in einer niedlich anmutenden Grafik. Die Figuren sind amüsant geformt und zeigen ihre Launen oder Gesprächsthemen mithilfe kleiner Symbole, die über ihren Köpfen auftauchen. Hinzu kommt eine farbenfroh gestaltete Spielwelt, die über die möglichen Grausamkeiten hinwegzutäuschen vermag. Harmlos bleibt es nämlich selten: Kommt es zu Unruhen oder aber zum offenen Kampf, spritzt aller Possierlichkeit zum Trotze Blut.
Neben passend eingesetzten Toneffekten setzt Norland auf einen unaufdringlichen, atmosphärischen Soundtrack. Eine aufgeräumte grafische Oberfläche macht es einfach, den Überblick über die wichtigsten Aspekte des Spiels zu behalten. Um die vielen in Untermenüs verborgenen Optionen kennenzulernen, wird einiges an Zeit benötigt. Das integrierte Tutorial hilft unerfahrenen Spielenden dabei, nicht in der Flut der Informationen unterzugehen. Vor allem beim ersten Spieldurchlauf ist es ratsam, sich Zeit zum Lesen zu nehmen.

Während des Spieltests kam es zu einem kleinen technischen Problem: Das gespielte Tutorial stagnierte und musste erneut gestartet werden. Da jedoch bereits beim Spielstart auf mögliche vorhandene Fehler, an denen aktiv gearbeitet wird, hingewiesen wurde, ist dies verzeihbar. Für den Spieltest standen die englische und die russische Version des Spiels zur Verfügung; zum Early Access-Release wird es eine größere Auswahl von Sprachen geben. Diese werden in der nachfolgenden Übersicht aufgelistet.
Die harten Fakten:
- Entwicklerstudio: Long Jaunt
- Publisher: Hooded Horse
- Plattform: PC (Steam)
- Sprache (Text): Englisch, Deutsch, Russisch, Französisch, Italienisch, Spanisch, Polnisch, Chinesisch, Tschechisch, Ungarisch, Japanisch, Koreanisch, Portugiesisch, Türkisch, Ukrainisch
- Mindestanforderungen:
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- Betriebssystem: Windows 10 (64-bit)
- Prozessor: Intel Core i3-8100 oder AMD Ryzen 3 1200
- Arbeitsspeicher: 8 GB RAM
- Grafik: GTX 1060
- DirectX: Version 10
- Speicherplatz: 1 GB
- Genre: Strategie, Simulation
- Releasedatum: 16.05.2024
- Spielstunden: Die zur Verfügung gestellte Preview-Version von Norland ermöglicht keine Abschätzung der Dauer eines Spieldurchlaufs.
- Spieler*innen-Anzahl: 1
- Altersfreigabe: Noch keine Angabe
- Preis: Noch keine Angabe
- Bezugsquelle: Fachhandel (Steam)
Eine solide Simulation mit kleinen Makeln
Norland ist eine Simulation, die eine Vielzahl von Handlungsoptionen anbietet. Spieler*innen können kriegstreibende Tyrann*innen sein, die ihr Wachstum vor allem der Sklaverei zu verdanken haben – oder aber sie mögen es friedliebend und bevorzugen freie Bürger*innen in ihrem Reich. Neben dem Aufbau der eigenen Stadt, der eine sorgfältige Ressourcenplanung voraussetzt, gilt es, die Wirtschaft anzukurbeln und dem eigenen Königshaus zu Größe zu verhelfen. Die gespielten Blaublütigen haben nicht nur viel zu tun, sie haben auch etliche Bedürfnisse, die es zu befriedigen gilt.
Auf der Weltkarte können Spieler*innen über die Grenzen des eigenen Reichs hinaus Beziehungen pflegen oder Krieg führen. Auch hier sind viele Optionen gegeben: Die benachbarten Herrscher*innen können auf freundschaftlicher Basis besucht oder hinterhältig ermordet werden. Auch können politische Ehen geschlossen oder aber Goldkammern geplündert werden. Darüber hinaus gilt es, Pluspunkte bei der Kirche zu sammeln und das eigene Land frei von Gesetzlosen zu halten.

Norland ist nicht ohne Schwächen; gerade was die Launen der Adeligen angeht, ist oft ein kleinteiliges Mikromanagement nötig, das nicht immer zufriedenstellend ist. Vor allem zu Beginn des Spiels ist das aufgrund der hohen Informationsdichte frustrierend. Hier helfen sowohl das spielbare Tutorial als auch die eingeblendeten Hilfstexte weiter. Sobald Spieler*innen sicher durch die vielen Optionen navigieren können, präsentiert sich ihnen eine detaillierte Simulation, die viel Raum für individuelle Entfaltung gibt. Jeder Spieldurchlauf gestaltet sich hierbei einzigartig, weswegen sich das Ausprobieren in mehreren Speicherständen durchaus lohnt.
Zum Zeitpunkt dieser Rezension steht noch kein Verkaufspreis des Titels, der am 19. Juli dieses Jahres erscheinen soll, fest. Eine Evaluation der Kosten im Verhältnis zum Spielspaß kann deswegen nicht vorgenommen werden. Mittelalter- und Simulationsfans sollten allerdings auf jeden Fall die Augen offen behalten, denn Norland ist ein Spiel, das einem schnell zwei oder drei Stunden stiehlt, ohne, dass man es wirklich merkt. Definitiv ein guter Indikator, was den Unterhaltungswert des Titels angeht.

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Detaillierte Simulation mit vielen Optionen
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Hoher Wiederspielwert
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Umfangreiches Tutorial
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Unbefriedigendes kleinteiliges Mikromanagement
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Anfängliche Informationsflut
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Kleine technische Probleme
Artikelbilder: © Long Jaunt, Hooded Horse
Layout und Satz: Roger Lewi
Lektorat: Hendrik Pfeifer
Screenshots: Yola Tödt
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