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Jeder Mensch neigt dazu, immer wieder Dinge nach einer festgelegten Ordnung, beziehungsweise nach einem feststehenden Ablauf zu tun, denn Kontinuität gibt dem Menschen seit der frühesten Kindheit ein Gefühl von Sicherheit und Stabilität. Diese Kontinuität wird auch gerne am Spieltisch umgesetzt.

Triggerwarnungen

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Was genau ist ein Ritual?

Laut dem Duden hat das Wort „Ritual“ zwei Bedeutungen: Zum einen handelt es sich um eine spirituelle beziehungsweise eine religiöse Handlung und zum anderen definiert das Ritual ein wiederholtes, immer gleichbleibendes, regelmäßiges Vorgehen nach einer festgelegten Ordnung. Dieser Artikel befasst sich mit der zweiten Bedeutung!

Rituale können durch Worte, Gesten oder Taten durchgeführt werden, meist jedoch mit einer Kombination aus zwei oder gar allen drei Aspekten.

Vorab sollte noch einmal der Unterschied zwischen einer Routine und einem Ritual erläutert werden: Eine Routine ist ein automatisierter Ablauf, der sich unbewusst und unangestrengt um sich selbst kümmert, während ein Ritual einen bewussten Zweck erfüllt. Dies sei einmal an folgendem Beispiel erläutert: Der*die Spieler*in setzt sich an den Tisch, packt den Charakterbogen, Würfel, Stifte und eine Tüte Knabberzeug aus. Das ist eine routinierte Handlung, denn es geschieht unbewusst, wahrscheinlich wird sich dabei noch unterhalten. Nimmt der*die Spieler*in jetzt seine*ihre Würfel und ordnet sie vor sich nach Augenzahl in aufsteigender Reihenfolge, vielleicht noch mit der höchsten Zahl nach oben, handelt es sich um ein Ritual, da dies ganz bewusst geschieht, meistens mit der Begründung (die eigentlich völlig irrelevant ist), die Würfel auf das Spiel einzustimmen. Rituale können allein oder in Interaktion mit anderen Personen durchgeführt werden.

Es mag sein, dass sich irgendwann ein Ritual zu einer Routine entwickelt, das ist jedoch keine festgelegte Voraussetzung. Rituale unterstützen beim achtsamen Umgang mit sich selbst und der Umwelt und sind nicht starr. Sie können sich weiterentwickeln, erweitert werden oder sich auch gar ganz auflösen, so wie es zu der jeweiligen Lebenssituation passt.

Rituale und Aberglaube

Gerade beim Pen-and-Paper erlebt man oft Rituale mit Bezug auf die eigenen Würfel, die Spieler*innen fast schon mit Aberglauben betrachten: Der Charakter Hans Dampf, seines Zeichens ein Assassine, der sich des Nachts durch die dunklen Gassen der Stadt bewegt, kann nur Erfolg haben, wenn die Proben mit einem schwarzen Würfel, symbolisch für die Schatten, durch die er wandelt, gewürfelt werden. Denn mit einem anderen Würfel gelingen seine Proben meist nicht oder nur schlecht. Wenn dann doch mal ein Erfolg gewürfelt wird, ist es nur Glück.

Dieser Aberglauben entsteht meist dadurch, dass ein Ereignis ein- oder zweimal eingetroffen ist, nachdem eine bestimmte, bewusste Handlung durchgeführt wurde. Daher wird diese Handlung nun als wiederkehrendes Ritual durchgeführt, in der Hoffnung, das gewünschte Ereignis auszulösen. Beispielsweise spricht der Spieler des Charakters Hans Dampf  vor dem Würfelwurf einer Schleichen-Probe den Gott des lichtscheuen Gesindels des Spiels an, dass sein Charakter die Probe bestehen möge. Denn nur, wenn er das tut, gelingt der Wurf auf jeden Fall. Dass es sich beim Schleichen um eine Kernkompetenz des Charakters handelt, in der er besonders hohe Werte hat und dementsprechend statistisch gesehen gute Erfolgschancen hat, wird dann gerne einmal außer Acht gelassen. Man kann fast so weit gehen und von selbst erfüllenden Prophezeiungen sprechen.

Gerade bei Würfen, die das Abenteuer oder die Charakterentwicklung maßgeblich beeinflussen könnten, greifen Spielende gerne auf bestimmte Handlungen zurück, denn diese nehmen die eventuelle Nervosität und geben den Personen ein Gefühl von Sicherheit und Geborgenheit. Diese beiden Emotionen sind seit jeher Grundbedürfnisse eines jeden Menschen.

Bestimmte Würfel suggerieren den Spielenden bestimmte Aktionen © metamore
Bestimmte Würfel suggerieren den Spielenden bestimmte Aktionen © metamore

Andersherum kann man natürlich als Spielleitung mit diesem Gefühl der Spielenden bis zu einem gewissen Grad taktieren. So kann die spielleitende Person eine wiederkehrende Handlung in den Spielfluss etablieren, um den Spielenden zu zeigen, dass jetzt etwas Bestimmtes passieren wird. Zum Beispiel kann sie in die Würfelkiste greifen und eine Handvoll weiße Würfel herausholen, und aufgrund vergangener Abenteuer wissen die Spielenden nun, dass eine Herausforderung auf sie zukommt. Das Ritual hierbei ist nun kurz und knapp das Hervorholen der Würfel und die Präsentation dieser gegenüber den Spieler*innen. Abergläubisch wird dieses Ritual nur bei den Spielenden, die fest davon überzeugt sind, dass diese Würfel speziell gegen sie besonders gut würfeln. Für die anderen ist es lediglich ein Startsignal für eine bestimmte Sequenz.

Gemeinschaftsrituale

Gemeinsam als Gruppe durchgeführte Rituale können soziale Verbindungen stärken und die Gruppendynamik maßgeblich fördern, sowohl innerhalb als auch außerhalb des Spiels. Im Spiel könnte dies zum Beispiel ein gemeinsames Gebet der Spielgruppe sein, das vor jeder Schlacht gesprochen wird. Das Gebet markiert dabei einen klaren Startpunkt für die darauffolgenden Handlungen, in diesem Fall die Schlacht. Danach kommt die Gruppe bewusst wieder zusammen, was einen Endpunkt markiert und so auch wieder das Grundbedürfnis nach Sicherheit erfüllt. Denn seien wir ehrlich, wird ein Spieleabend während einer Schlacht unterbrochen, erzeugt dies ein unbefriedigtes Gefühl. Man weiß nicht, was noch kommen mag, ob die Charaktere die Schlacht überstehen, geschweige denn, ob die Schlacht zu den eigenen (Un-)Gunsten endet.

Gemeinsame Erlebnisse stärken das Gruppengefühl © firn
Gemeinsame Erlebnisse stärken das Gruppengefühl © firn

Außerhalb des Spiels ist es zum Beispiel ein schönes Ritual, wenn alle Spielenden am Tisch etwas aus der Vergangenheit ihres Charakters erzählen, etwas, das geschah, bevor die Abenteuergruppe zusammengekommen ist. So schafft man es, dass zum einen der Charakter vielschichtiger und lebendiger wird, die anderen Spielenden bekommen einen kleinen Einblick, warum der Charakter ist, wie er ist. Zum anderen kann der*die Spielleitende sich Notizen machen, um in zukünftigen Abenteuern vielleicht spezifischer auf die Charaktere einzugehen und sie mit ihrer Vergangenheit zu konfrontieren.

Weitere Ideen für Rituale

Rituale sind eine schöne Sache, daher folgt ein wenig Inspiration:

Vor Spielbeginn kann man sich treffen, um gemeinsam etwas zu essen vorzubereiten.

Um eine tiefere Verbindung zwischen den Gruppenmitgliedern zu bekommen, besitzt jeder Charakter mit einem anderen eine persönliche Verbindung aus der Vergangenheit. Darüber wird vor Beginn der Spielsitzung eine kleine Anekdote erzählt, wie zum Beispiel: Ein Schneidersjunge und die Tochter eines Kochs haben als Kinder im selben Dorf gelebt. Jahre später ist aus dem Jungen ein Kämpfer und aus dem Mädchen eine Druidin geworden, und sie treffen sich in einer großen Stadt wieder.

Jedes Mal, wenn die Reisegruppe eine bisher ihnen unbekannte Ortschaft betritt, gehen sie gemeinsam ins Badehaus und danach im Gasthaus eine lokale Spezialität genießen.

Gemeinsam  spielen sorgt für emotionalen Mehrwert © paulzhuk
Gemeinsam  spielen sorgt für emotionalen Mehrwert © paulzhuk

Gerade für Würfelsammler*innen bietet es sich an, sich für die Spielsitzung einige Würfel zu nehmen und testweise zu würfeln. Die Würfel mit den besten Ergebnissen werden für dieses Abenteuer benutzt.

Nach dem Kampf wird die Waffe des Charakters geputzt, während dieser dabei Gebete an seine Göttin rezitiert.

Der Spielabend wird passend zum Setting mit einem Lied gestartet, quasi ein Team-Lied.

Fazit

Rituale sind seit jeher wichtig für das menschliche Bindungssystem, da in ihnen die Grundbedürfnisse nach Sicherheit, Geborgenheit und Verbundenheit erfüllt werden. Sie sind daher ein wichtiger Bestandteil des Miteinanders. Schon im Säuglingsalter sorgen klare Strukturen und wiederkehrende Handlungen für die oben genannten Gefühle, zum Beispiel Einschlafrituale, wie die Gute-Nacht-Geschichte oder die Milch zum Einschlummern. Dieser Wunsch nach Geborgenheit bleibt in der Regel ein Leben lang erhalten und wird durch stets der Lebenssituation angepasste Rituale aufrechterhalten.

Rituale sind von Beginn  an fester Bestandteil des Lebens © SashaKhalabuzar
Rituale sind von Beginn  an fester Bestandteil des Lebens © SashaKhalabuzar

Dieses Streben nach Halt und Orientierung findet sich auch im Rollenspiel wieder, wo die Charaktere ganz anderen Herausforderungen und Gefahren ausgesetzt sind als in der Realität. Während den Spielenden am Tisch keinerlei Gefahr für Leib und Leben droht, schlüpfen sie in Rollen von Charakteren, bei denen solche Situationen häufig vorkommen. Es wird dazu tendiert, sich mit dem eigenen Spielcharakter ein Stück weit zu identifizieren. So finden auch bestimmte, sich wiederholende, bewusste Tätigkeiten in der Spielwelt statt.

Durch Rituale werden die Bindungen der Spielenden und auch der Charaktere geschaffen, vertieft und gefördert. Die Spielleitung kann Rituale auch als spielerisches Element nutzen, um auf emotionaler Ebene in den Spieler*innen ein dramatisches, aufregendes Gefühl aufleben zu lassen. Da dies alles dem gemeinsamen Spiel zu Gute kommt und allen Spielenden am Tisch durchaus bewusst ist, dass niemals ernsthafte, reale Gefahr für Leib und Leben besteht, handelt es sich hierbei auch nicht um eine sogenannte Inversion, also die Umkehrung, beziehungsweise Zerstörung, eines Rituals.

Durch Rituale wird das Rollenspiel bereichert, denn sie stärken Bindungen und fördern Sozialkompetenz.

 

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Titelbild: depositphotos.com ©Neirfys

Layout und Satz: Roger Lewin
Lektorat: Rick Davids

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