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Interaktiver Museumsbesuch oder doch Body-Horror-Trip? Im Closed-Room-Szenario Automata wird beides miteinander kombiniert. Die Charaktere müssen eine gleichnamige Ausstellung besuchen und dort eine vermeintlich harmlose Aufgabe erledigen. Dabei wird auf ihre Spendenbereitschaft gesetzt, was nicht ohne Folgen bleibt. Was das kurzweilige FHTAGN-Abenteuer auszeichnet, erfahrt ihr hier.

Allein im Museum: Was für manche Menschen wie ein Traum klingt, wird bei dem Szenario Automata schnell zum Gegenteil. Eine Gruppe an idealerweise drei bis vier Charakteren wird über eine App in eine Wanderausstellung in der Stadt gelockt. Dort sollen sie etwas erledigen, ohne jedoch genaue Details zu haben, was überhaupt. Die Hinweise finden sich in der Ausstellung, welche sich mit der Geschichte der Automaten beschäftigt: von griechischen Mythen über bewegliche Konstruktionen bis hin zu neuzeitlichen Spielgeräten und Fotokabinen. Im Laufe der Handlung wird der Gruppe klar werden, dass ihr Mitwirken unerlässlich ist. Denn die Türen nach draußen sind verschlossen.

Die Deutsche Lovecraft Gesellschaft präsentiert mit Automata das neueste Abenteuer für das Spielsystem FHTAGN. Es handelt sich um das Erstlingswerk der Autorin Bente Bodi-Rattel und greift sehr aktuelle Entwicklungen in der Gesellschaft auf. Spielende und Spielleitung können sich auf einige moralische Diskussionen während und nach der Runde freuen. Speziell dann, wenn nicht alle Charaktere es lebendig aus dem Museum herausschaffen sollten…

Triggerwarnungen

Body Horror, Gewalt, Klaustrophobie

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Die Spielwelt

Das Abenteuer spielt an einem nicht näher bestimmten Ort in der Jetzt-Zeit. Je nach Konstellation kann die Handlung entsprechend in jeder größeren Stadt auf der Welt stattfinden, wo ein Wandermuseum angesiedelt werden kann. Die gesamte Handlung spielt sich in der Ausstellung ab, welche die Charaktere nicht ohne weiteres verlassen können. Die Spielleitung sollte entsprechend darauf achten, den Charakteren keine einfachen Ausbruchsmöglichkeiten zu geben. Andernfalls ist das Szenario schneller vorbei als erwartet.

Die Regeln

Die Ausstellung stellt die Geschichte von mechanischen Automaten und Apparaturen vor.
Die Ausstellung stellt die Geschichte von mechanischen Automaten und Apparaturen vor.

Wie bei ähnlichen Abenteuern der Deutschen Lovecraft Gesellschaft wird das FHTAGN-System verwendet, welches online kostenlos zur Verfügung steht. Gewürfelt wird mit einem W100 auf Attribute beziehungsweise Fertigkeiten, die eine Prozentchance von 1 bis 100 widerspiegeln. Ziel ist es, möglichst unter den eigenen Wert zu kommen. Wenn zwei gleiche Ziffern (22 oder 33 beispielsweise) unter dem aktuellen Wert gewürfelt werden, gilt dies als kritischer Erfolg. Andersherum sind gleiche Ziffern über dem aktuellen Wert sowie die 100 ein kritischer Misserfolg. Wie in anderen Horror-Regelwerken üblich wird neben Trefferpunkten auch die geistige Stabilität der Charaktere durch Proben immer wieder beansprucht. So kann es bei besonders grausigen Anblicken passieren, dass einzelne Gruppenmitglieder in Panik verfallen und nicht mehr rational handeln können.

Charaktererschaffung

Für schnelle Runden können die Spielenden den Charakter-Generator auf der Internetseite von FHTAGN nutzen oder einen Archetypen als vorgefertigten Charakter verwenden. Für das vorliegende Szenario gibt es keine allzu spezifischen Merkmale, welche die Gruppenmitglieder vorweisen müssen. Als Aufhänger wird vorausgesetzt, dass die Charaktere auf ihrem Smartphone die App Score installiert haben und regelmäßig nutzen. Bei Score bekommen User*innen jeden Samstag um 9 Uhr eine Aufgabe und Punkte für die Erledigung. Beispiele sind etwa das Fotografieren einer Sehenswürdigkeit, das Ausfüllen eines Fragebogens oder die Spende an ein Asyl für Obdachlose. Zum Spielbeginn erhalten alle in der Gruppe als heutige Aufgabe, die Ausstellung zu besuchen. Ganz harmlos und bestimmt keine Gefahr für die eigene Psyche…

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Für den Spieltest wurde als zusätzliche Motivation noch ergänzt, dass bei Erfüllung der Aufgaben eine hohe Gewinnsumme winkt. Dank der vielen Unterstützungen und Archetypen gestaltete sich die Charaktererschaffung recht einfach und war schnell erledigt. Die Spielenden hatten sich alle für Archetypen entschieden, die einem auch im Zug gegenübersitzen könnten: eine vom Leben gezeichnete Arbeitssuchende, ein angehender Influencer, eine motivierte Fernfahrerin und eine Spieleentwicklerin im Burnout.

Foto: Bild3_Automata_RubeGoldberg BU: Eine Rube Goldberg-Maschine beinhaltet viele komplizierte Zwischenschritte für eine Aufgabe.

Spielbericht

Eine Rube Goldberg-Maschine beinhaltet viele komplizierte Zwischenschritte für eine Aufgabe.
Eine Rube Goldberg-Maschine beinhaltet viele komplizierte Zwischenschritte für eine Aufgabe.

Der Start des Abenteuers verlief wie in der Einleitung vorgegeben: Die Gruppe an Fremden erhielt von der App Score die etwas kryptische Aufgabe, sich am Wandermuseum „Automata“ einzufinden und dort zu erledigen, was zu tun sei. Mitgesendet wurde außerdem der Aufbau für eine Rube-Goldberg-Maschine. Gemeint ist eine „Maschine, die mit unnötig vielen Zwischenschritten konstruiert wurde“. Eine Darstellung im Heft zeigt eine solche abstruse Konstruktion, bei der ein Vogel, eine Rakete, eine Sichel und eine Uhr zum Einsatz kommen, um ein Tuch zum Mundabwischen zu bewegen. Die Charaktere entschlossen sich, zusammen das Museum zu erkunden und möglichst schnell die Aufgabe zu lösen. Zu Beginn war kein Mensch im Empfang zu sehen. Lediglich eine schlafende Katze befand sich im Eingangsbereich.

Den Hinweisen folgend machte die Gruppe immer mehr groteske und schaurige Entdeckungen im Museum. Viele Ausstellungsstücke schienen merkwürdig fremd. Als die Charaktere nach einem ersten Schockmoment versuchten, das Museum zu verlassen, mussten sie feststellen, dass beide Ausgänge fest verschlossen waren. Als einziger Ausweg blieb ihnen, die gestellte Aufgabe zu erfüllen…

Spoiler

Die Charaktere befinden sich ohne ihr Wissen in einem Experimentaufbau einer als Spieleapp getarnten künstlichen Intelligenz (KI). Diese hat Teile der Ausstellungsstücke künstlich generiert. Zudem gibt es interaktive Ausstellungsstücke wie eine Fotokabine oder einen Wahrsage-Automat, bei denen die Personen nicht mit Geld, sondern mit Fingern bezahlen müssen, welche ihnen schmerzlos abgetrennt werden. Dafür erhalten die Charaktere Hinweise auf Organe, die in der Ausstellungsfläche zu finden sind. Wie diese dahingekommen sind, wird allerdings nicht erklärt. In dem Raum der Rube-Goldberg-Maschine schließlich wird der Gruppe klar, dass sie eigene oder an bestimmten Orten findbare Körperteile „spenden“ sollen: Körperflüssigkeit mit DNA wie Blut oder Urin, einen Fuß, ein Auge und ein Herz. Die eigenen verwendeten Körperteile werden im Prozess durch künstliche Teile ersetzt. Alle gespendeten Teile werden in die komplexe Maschine eingebaut.

Die KI beobachtet die Charaktere und zeichnet mit, wie diese sich mit der Herausforderung verhalten. Durch die Fertigstellung der Rube-Goldberg-Maschine wird ein Cyborg geschaffen, welcher im Anschluss das Museum verlässt. Nach dem Vorbild der Handlungen der Gruppe baut die KI ethische Grundsätze für die Moral zwischen Mensch und Maschine auf. Haben die Charaktere sich solidarisch verhalten oder einander ausgenutzt? Wurden die Körperteile gespendet oder durch Gewalt oder Ausbeutung erlangt? Der Spielleitung wird nahegelegt, im Epilog des Szenarios diese Auswirkungen der trainierten KI auf die Zukunft zu beschreiben.

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Spielbarkeit aus Spielleitungssicht

Wer Automata flüssig leiten möchte, sollte sich entsprechend gut mit dem Aufbau der Ausstellung und den Hinweisen vertraut machen. Im Close-Room-Szenario gibt es wenig Platz für Improvisation. Deshalb ist es ratsam, das Abenteuer ein- bis zweimal gründlich durchzulesen. Sobald alle Notizen fertig sind, funktioniert der restliche Aufbau in der Praxis sehr gut. Ein Museum lädt durch die Struktur selbst dazu ein, dass die Charaktere nacheinander die Räumlichkeiten erkunden und nicht wahllos in unterschiedliche Richtungen laufen.

Spoiler

Wie im anderen Spoilerkasten beschrieben, geht es darum, die Rube-Goldberg-Maschine zum Laufen zu bringen, um den Cyborg fertigzustellen. Sollten die Charaktere versuchen, diesen Prozess zu stoppen, kann das drastische Konsequenzen haben. Die KI öffnet die Türen nämlich nur, wenn ihr Experiment vollendet ist. Die Gruppe sitzt in der Falle und kann, sobald ihnen Essen und Getränke ausgehen, im Museum an diesen Mängeln sterben. Das wird im Zweifel nicht von allen Spielenden als befriedigendes Ende bewertet.

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Spielbarkeit aus Spielendensicht

Mit einigen der Automaten können die Charaktere direkt interagieren.
Mit einigen der Automaten können die Charaktere direkt interagieren.

Das Abenteuer konnte bis zum Erscheinen der Rezension nicht final abgeschlossen werden. Die erste Rückmeldung der Spielenden fiel nach einer Sitzung recht positiv aus. Die Regeln waren schnell erklärt und wurden ohne Schwierigkeiten angewendet. Das Szenario bot genug Freiraum, eigene Archetypen zu bespielen, welche sich einer unerwarteten Herausforderung stellen. Ziemlich schnell wurde bemerkt, dass etwas mit der Ausstellung nicht ganz richtig scheint. Auch der erste „Schockmoment“ war gut gesetzt und motivierte mehrere Charaktere, die Situation zu hinterfragen.

Bei ihrer Suche nach einem Ausweg machten sie weitere schreckliche Entdeckungen, welche bei einigen Gruppenmitgliedern für schiere Panik sorgten. Andere wiederum redeten sich ein, dass dies nur ein Traum sein könne. Die Spannung in den Sitzungen wurde von den Spielenden positiv bewertet.

Erscheinungsbild

Im Abenteuer finden sich viele hübsche Illustrationen zu den Ausstellungsstücken.
Im Abenteuer finden sich viele hübsche Illustrationen zu den Ausstellungsstücken.

Für das Design von Automata wurde ein querseitiges A4-Softcover-Format gewählt, was Assoziationen an eine Broschüre oder an einen Katalog eines Museums weckt. Das insgesamt 34 Seiten lange Abenteuer kommt ohne Inhaltsverzeichnis oder Index aus. Nach einer kurzen Einleitung werden die Gegenstände beschrieben, welche die Charaktere in den Räumlichkeiten finden können. Gerade bei der Bebilderung der Ausstellungsstücke wurde sich sehr viel Mühe gegeben. Verschiedene Infoboxen und die Hervorhebung von Schlagworten erleichtern es der Spielleitung, schnell nachzuschlagen. Um wirklich alle Feinheiten des Szenarios im Blick zu haben, sollte es ein- bis zweimal gründlich gelesen werden.

Die harten Fakten:

  • Verlag: Deutsche Lovecraft Gesellschaft
  • Autor*in(nen): Bente Bodi-Rattel
  • Illustrator*in(nen): Bente Bodi-Rattel, Marc Meiburg
  • Erscheinungsjahr: 2025
  • Sprache: Deutsch
  • Format: Softcover/PDF
  • Seitenanzahl: 34
  • Preis: 9,95 EUR (Softcover); 4,95 EUR (PDF)
  • Bezugsquelle: Fachhandel, Cthulhu Webshop, Sphärenmeister

 

Bonus/Downloadcontent

Alle Automaten werden als Handouts auf der Internetseite von FHTAGN online zur Verfügung gestellt. Dort gibt es ebenfalls Archetypen, welche als vorgefertigte Charaktere genutzt werden können.

Fazit

Bei Automata geht es keineswegs um das Nachspielen eines langweiligen Museumsbesuchs. Die Charaktere müssen bisweilen vollen Körpereinsatz beweisen, was gerade Body-Horror-Fans begeistern kann. Ziel des Szenarios ist es, eine Aufgabe in der Ausstellung zu erledigen, damit sich die Türen in die Freiheit wieder öffnen. Dabei wird die Gruppe im Laufe der Handlung mit einigen moralischen Fragen konfrontiert werden. Ihr Verhalten beeinflusst das Ende der Erzählung maßgeblich und kann sogar über Leben und Tod entscheiden…

Im Museum liegt ein düsteres Geheimnis verborgen...
Im Museum liegt ein düsteres Geheimnis verborgen…

Das Closed-Room-Szenario ist kurz gehalten und punktet mit einer Reihe an hübschen Darstellungen von verschiedenen Automaten, mit denen im Abenteuer interagiert werden kann. Der Aufbau erinnert an eine Art Escape Room, in den die Charaktere unbewusst hineingeraten. Damit die Handlung flüssig vorangeht, muss die Spielleitung sich entsprechend gründlich vorbereiten. Dies ist jedoch ohne große Herausforderung für Neulinge wie für Profis möglich. Auch die simplen FHTAGN-Regeln mit dem W100-System sind schnell erlernt. Der Preis für das Szenario ist für Softcover sowie PDF absolut gerechtfertigt. Wer ein weiteres Abenteuer mit einem ethischen Dilemma als Mittelpunkt der Handlung sucht, kann sich Ultima Ratio von der Deutschen Lovecraft Gesellschaft anschauen. Für das System gibt es noch einige weitere Abenteuer, beispielsweise im Hollywood der 1970er Jahre.

 

  • Modernes Szenario, spannender Twist
  • Automaten hübsch bebildert
  • Interessantes Spiel mit der Moral

 

  • SL muss sich gründlich vorbereiten
  • Sterblichkeit je nach Entscheidung hoch

 

Artikelbilder: © Deutsche Lovecraft Gesellschaft
Layout und Satz: Konstantin Paessler

Lektorat: Alexa Kasparek
Fotografien: Andreas Schellenberg
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