Ein Chamäleon-Panda, ein unsichtbarer DJ und ein Abrissroboter gegen gigantische Titanen? Willkommen bei Titan Zero! Der neue kooperative Boss-Battler von King Racoon Games verbindet asymmetrische Held*innen, globales Spielfeld und Würfeleinsetz-Strategie – wir haben uns das Spiel im Vorfeld der Gamefound-Kampagne (erneut) angesehen.
Die Erde taumelt erneut dem Untergang entgegen. Titan Zero, der kooperative Boss-Battler von Felix Mertikat, ruft zu einem letzten Aufgebot gegen außerirdische Giganten. Was einst als TDO – Titan Defense Organisation begann, kehrt nun in überarbeiteter Form zurück und bringt die vertraute Mechanik mit frischer Wucht auf den Tisch. Bereits die erste Prototyp-Version hatte bei uns für viel Spaß auf dem Tisch gesorgt. Und nun geht es endlich ins Crowdfunding.
Der erste Schlagabtausch gegen Titan Gaia hat Spuren hinterlassen: Veteran*innen sind gefallen, das Team neu formiert. Neun frische Held*innen stehen bereit. Ihr Auftrag: Die Erde gegen vier alptraumhafte Titanen zu verteidigen, alle mit eigenem Charakter, eigener Agenda. Zwischen lavageborenen Kolossen wie Worldshaper und dem pflanzenartigen Giganten Treeback braucht es Fingerspitzengefühl und Teamarbeit. Versagt eine*r, kippt das Ganze.
Veröffentlicht wird das Spektakel vom deutschen Verlag King Raccoon Games, finanziert via Gamefound. Mertikat, bekannt für Schwergewichte wie Tsukuyumi oder EOS – Island of Angels, schaltet diesmal einen Gang zurück. Kürzere Spielzeiten, leichterer Einstieg – aber keine Spur von seichter Kost. Titan Zero bleibt taktisch fordernd.
keine typischen Trigger
Inhaltsverzeichnis
Spielablauf
Was sich in Titan Zero auf dem Spieltisch entfaltet, wirkt zunächst vertraut – doch unter der Oberfläche wurde kräftig geschraubt. Wie schon bei TDO wählen alle Beteiligten zu Beginn eine*n der neun einzigartigen Held*innen, jede Figur ausgestattet mit individuellen Fähigkeiten. Danach wird ein Titan bestimmt und das Spielfeld aufgebaut. Die Lage ist von Beginn an brenzlig: Ein rauchendes Europa, ein schmelzender Südpol, ein zerstörter Kontinent, der kaum noch atmet. Die Weltkarte – rund, in zwölf Zonen gegliedert – erinnert eher an einen letzten Hilferuf als an ein Schlachtfeld.

Jedes Szenario bringt eigene Herausforderungen mit, abhängig vom gewählten Titanen. Die Missionen verstärken das Endzeit-Flair auf stimmige Weise: Es wird nicht einfach gespielt, es wird überlebt. Ziel ist es, dem Titanen sechs Wunden zuzufügen. Erleidet der Titan eine Wunde, wird immer die höchste noch unverletzte Aktionskarte auf ihre Verwundet-Seite gedreht – die Aktion bleibt bestehen, erhält jedoch einen neuen (oft abgeschwächten oder situativ anderen) Effekt. Doch der Preis für Nachlässigkeit ist hoch. Verloren ist die Partie nicht bei drei zerstörten Basen wie einst in TDO, sondern, wenn alle Zonen verwüstet sind, fünf globale Katastrophen ausgelöst werden oder eine bestimmte Anzahl Held*innen fallen.
Die neue Vielfalt an Verlustbedingungen sorgt für dichte Spannung. Jeder Spielzug zählt, jeder Brandherd könnte der entscheidende sein. Strukturiert ist das Spiel in flüssig ineinander übergehende Phasen. Zunächst werden Effekte abgehandelt, dann folgt der Würfelwurf – das Zentrum der Würfel-Dilemma-Mechanik. Eine Person wirft den verfügbaren Würfelpool und legt die Würfel auf die Aktionskarten des Titanen. Anschließend stiehlt jede Person genau einen dieser Würfel, um eigene Aktionen oder Kontermaßnahmen auszulösen; zusätzliche Bonuswürfel erhält man ausschließlich durch Karten oder Fähigkeiten.

Doch die Würfel allein bringen keinen Sieg. Sie werden verteilt, taktisch und koordiniert, um auf dem persönlichen Tableau Fähigkeiten zu aktivieren: Bewegung, Heilung, Angriff.
Die Aktionen folgen unmittelbar: Schilde hoch, Wunden heilen, Bonuswürfel generieren – die Vielfalt ist beachtlich. Besonders spannend sind die Angriffe auf den Titanen, denn nur ausgewählte Held*innen haben Reichweite auf bestimmte Titanenzonen. Wer feuert, muss richtig stehen. Die Rüstung wird zuerst beschädigt, dann Lebenspunkte abgetragen. Einmal durchbrochen, offenbaren sich dramatische Effekte: Reaktionskarten, Fähigkeitenverlust, aggressive Gegenangriffe. In unserem Duell mit Worldshaper zog der Titan nach zwei verlorenen Lebenspunkten plötzlich eine neue Karte – und spuckte Lava, wo keine sein sollte.
Dann schlägt der Titan zurück. Seine Aktionskarte wird aufgedeckt. Globale Bewegungen, multiple Angriffe, Katastrophenmarker, Rüstungsschübe – jede Zeile trifft, jede Aktion sitzt. Besonders spannend: Sollte eine Aktion ins Leere gehen, greift ein Plan B. Der Titan reagiert, improvisiert, bleibt gefährlich. Unser Liebling in Sachen Schrecken: der Vulkanausbruch von Worldshaper, der selbst Zonen bedroht, in denen sich niemand aufhält.
Ein besonderer Reiz entsteht durch das Bag-Management: Sowohl Held*innen als auch Titan ziehen Marker aus eigenen Beuteln. Zufallsfaktoren wie Wunden, Attrappen oder Katastrophen werden darüber gesteuert – doch das System ist manipulierbar. Wer klug agiert, entfernt gefährliche Marker oder mischt harmlose darunter. Diese kontrollierte Unkontrollierbarkeit erweitert das taktische Spektrum enorm und belohnt vorausschauendes Spiel.

Ist die Aktionskarte des Titanen abgehandelt, wird die Runde bereinigt, Würfel gehen zurück in den Vorrat, der*die Nächste übernimmt. Und schon beginnt das Drama von vorn – mit neuen Würfeln, neuen Plänen, neuer Hoffnung. Doch auch mit wachsendem Druck, denn Titan Zero lässt kaum Raum zum Luftholen. Wie es in der Kampagne so treffend heißt: Unerbittlich. Und das trifft es. Unerbittlich spannend, unerbittlich fordernd, unerbittlich gut.
Ausstattung
Titan Zero bringt für einen Boss-Battler erfrischend „wenig“ Spielmaterial. Enthalten sind ein rundes Spielbrett mit zwölf Zonen, neun Held*innentableaus mit Standees, vier Titanen samt eigenen Tableaus und Pappfiguren, doppelseitige Aktionskarten sowie Reaktionskarten für überraschende Ereignisse. Dazu kommen mindestens zwölf Würfel, zahlreiche Marker (zum Beispiel für Schaden, Rüstung, Katastrophen), Sponsorenkarten und mehr.
Im Prototyp war noch viel Platzhaltermaterial enthalten, die finale Version soll hochwertig produziert sein. Statt Miniaturen setzt der Verlag auf farbige Standees, die den Comic-Stil betonen. Acryl-Standees sind als Add-On geplant. Die Illustrationen stammen von Felix Mertikat und zeigen bereits jetzt einen hohen Wiedererkennungswert. Die Symbolsprache war noch nicht final, das Regelwerk aber bereits gut strukturiert und verständlich. Ob ein Organizer beiliegen wird, ist noch offen – angesichts der Komponenten wäre er sinnvoll.

Die harten Fakten:
- Verlag: King Raccoon Games
- Autor*in(nen): Felix Mertikat
- Illustrator*in(nen): Felix Mertikat
- Erscheinungsjahr: voraussichtlich Dezember 2025
- Sprache: Deutsch/Englisch
- Spieldauer: 45 bis 60 Minuten
- Spieler*innen-Anzahl: 1 bis 5 Personen
- Alter: ab 12 Jahren
- Preis: 49 EUR (Grundspiel), 69 EUR (Grundspiel plus Erweiterung); 89 EUR (All-In)
- Bezugsquelle: Gamefound
Fazit
Titan Zero übertrifft seine ursprüngliche Iteration TDO spürbar: Das Spiel wirkt ausgereifter, strukturierter und durchdachter. Besonders die Würfel-Dilemma-Mechanik überzeugt – sie verknüpft Teamabsprachen mit taktischer Planung und einer kontrollierbaren Zufallskomponente. Die erweiterten Niederlagebedingungen, klarere Siegbedingungen und verbesserte Balance, auch im Spiel zu fünft oder solo, zeigen deutliches Feintuning.
Thematisch bleibt das Spiel atmosphärisch dicht, das Materialdesign ist hochwertig und detailverliebt. Unterschiedliche Titanen und Held*innen sorgen für Wiederspielwert, jede Partie verläuft anders. Die Einstiegshürde ist nicht zu unterschätzen: Die Vielzahl an Symbolen, Mechanismen und Markern kann anfangs überfordern, belohnt aber langfristig. Kommunikation bleibt zentral – das Spiel lebt vom Austausch am Tisch.
Wem kooperative Boss-Gefechte mit taktischem Anspruch liegen, findet hier ein starkes Gesamtpaket. Die Gamefound-Kampagne dürfte für Fans des Genres besonders interessant sein.
Artikelbilder: © King Raccoon Games
Layout und Satz: Roger Lewin
Lektorat: Nina Horbelt
Fotografien: Tim Billen
Dieses Produkt wurde kostenlos zur Verfügung gestellt.
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