Ein Mann verschwindet spurlos, eine Frau sieht sich selbst plötzlich auf den Straßen Kapstadts herumlaufen und eine KI bekommt das Angebot, ihr Leben in einem Nanodroidenkörper fortzuführen. Anton Hur verknüpft in Toward Eternity verschiedene Schicksale und erzählt dabei über nicht weniger als das Ende der Menschheit.
Die durchaus zweifelhafte Unterscheidung zwischen ernster und Unterhaltungsliteratur entwickelte sich im Zuge eines wachsenden literarischen Massenmarkts. Moralische Debatten und Sittlichkeitsprozesse gegen sogenannte unzüchtige Literatur im 18. Jahrhundert verschärften diese Trennung weiter, die sich seitdem hartnäckig hält. Da gibt es die gehobenen, intellektuell ansprechenden Bücher, die in der Phantastik, wenn überhaupt, im Genre des magischen Realismus zu finden sind. Und daneben stehen die unterhaltenden Bücher, die, die Leichtigkeit und Ablenkung versprechen und so ziemlich jedes andere Genre der Phantastik abdecken. So zumindest in der Theorie.
Dass dieses Konzept längst überholt ist, zeigt nicht zuletzt der Debütroman des preisgekrönten Übersetzers Anton Hur. Liest man den Klappentext von Toward Eternity, erwarten Lesende klassische Science-Fiction. Es geht um KI, Naniten und das Streben nach Unsterblichkeit. Doch spätestens ab dem zweiten Kapitel merken Lesende unweigerlich, dass diese Themen nur die Oberfläche des Romans bilden. Darunter verbirgt sich eine Jahrhunderte umspannende Geschichte über das Menschsein und die Beziehung zu Kunst und Sprache, die im tiefsten Inneren berührt: Lässt man sich darauf ein.
Tod, suizidales Verhalten
Inhaltsverzeichnis
Story
Die Geschichte beginnt an der South African University of Science and Technology in Kapstadt mit Mali, einer Forscherin des Singularity Labs, die zu ihrem Notizbuch greift, als Patient 1 beim Durchschreiten einer Tür plötzlich spurlos verschwindet. Mali arbeitet an einem Nanitenprogramm, das menschliche Zellen durch künstliche ersetzt und so Krankheit und Tod überwinden soll.
Der verschwundene Patient ist der Literaturwissenschaftler Yonghun Han. Nach seiner Behandlung schien alles komplikationslos verlaufen zu sein. Er führte ein ruhiges, beinahe normales Leben mit seinem Mann und über dessen Leben hinaus. Kurz vor Yonghuns Verschwinden spricht er noch mit Panit, einer KI, die er mithilfe tausender Gedichte trainiert hat, in der Hoffnung, dass sie auf diesem Weg ein Bewusstsein entwickelt. Doch weder Mali noch Panit können sich erklären, was Yonghuns letzte Worte bedeuten sollen: „Hörst du auch, dass mich jemand ruft?“
Was zu Anfang wie der Start in ein klassisches Science-Fiction Abenteuer beginnt, entwickelt sich schnell zu einem unvorhersagbaren Lauf durch die Geschichte der Menschheit. Die Handlung verzweigt sich, springt über Zeiten und Orte hinweg und wechselt immer wieder die Perspektive und Malis Notizbuch wird dabei zum roten Faden des Romans. Dabei kehrt die Geschichte immer wieder zu Gedichten zurück. Yonghuns Trainingsdaten für Panit, Fragmente aus Lyrik der viktorianischen Epoche, tauchen wie Echos auf und durchziehen die gesamte Erzählung.
Schreibstil
Toward Eternity wird in Form eines Notizbuches geschrieben, in das verschiedene Charaktere ihre Geschichte hineinschreiben und damit die Geschichte der Welt erzählen. Durch den Tagebuchcharakter bekommen Lesende vor allem Einblicke in die Gedanken und Gefühlswelt der verschiedenen Figuren, während die Handlung manchmal etwas undurchsichtig wird. Während das Notizbuch von einer Person zur nächsten wandert, sind sowohl die Zeitabstände zwischen dem Weiterreichen als auch die, in der die einzelnen Personen das Notizbuch bei sich tragen, sehr unterschiedlich. Sie reichen von ein paar Tagen bis zu mehreren Jahrhunderten.
Dem Schreibstil Anton Hurs ist deutlich anzumerken, dass er sich in seiner Tätigkeit als Übersetzer bereits viel mit Sprache und deren Konzepten auseinandergesetzt hat. Der Ton ist zumeist philosophisch, der Fokus immer auf dem Innenleben der Charaktere. Der gesamte Roman ist durchsetzt von so schön geschriebenen Passagen, dass man sie sich am liebsten sofort als Zitate herausschreiben würde. Die Herausforderung, diesen Roman zu übersetzten und damit auch einige Auszüge viktorianischer Gedichte, hat Cornelius Reiber erfolgreich angenommen.
Der Autor
Anton Hur arbeitet hauptberuflich als Dolmetscher und Übersetzer. Geboren wurde er in Schweden, wuchs dann aber in sechs verschiedenen Ländern auf und machte seinen Studienabschluss letztendlich in Süd-Korea. 2022 wurde er als erster Übersetzer of Color für den International Booker Prize nominiert. Mehr zu seiner Arbeit findet sich auf seiner Website und seinem Instagram Kanal, auf dem er sowohl in Englisch als auch Koreanisch postet.
Erscheinungsbild
Blasse Farben, eine große schillernde Seifenblase: Das deutsche Cover ist zwar ästhetisch sehr ansprechend, transportiert aber nicht besonders gut den Inhalt des Buches. Gerade im Vergleich zum Originalcover wirkt es etwas nichtssagend. Wahrscheinlich sollte verhindert werden, dass das Buch in die Science-Fiction Ecke gesteckt wird und die Erwartungen der Leser*innen anschließend enttäuscht. Auf dem deutschen Buchmarkt tut man sich noch immer sehr schwer mit Büchern, die sich nicht eindeutig einem Genre zuordnen lassen, gerade wenn es zwischen ernster und Unterhaltungsliteratur changiert. Ganz klar positiv hervorzuheben ist jedoch, dass Cornelius Reiber als Übersetzer auf dem Cover genannt wird.
- Verlag: FISCHER
- Autor: Anton Hur
- Erscheinungsdatum: 25.06.2025
- Sprache: Deutsch (Aus dem Englischen übersetzt von Cornelius Reiber)
- Format: Hardcover
- Seitenanzahl: 288 Seiten
- ISBN: 978-3-7587-0004-0
- Preis: 24,00 EUR (Print) + 19,99 EUR (E-Book)
- Bezugsquelle: Fachhandel, Amazon (englisch, deutsch)
Fazit
Obwohl Toward Eternity zunächst wie ein klassischer Science-Fiction-Roman mit Naniten, künstlicher Intelligenz und Unsterblichkeit beginnt, entpuppt er sich schnell als vielschichtige Erzählung über Menschlichkeit und die Bedeutung von Sprache. Die technologischen Ideen bilden dabei weniger den Kern als den Rahmen für existenzielle Fragen: Was bleibt vom Menschen, wenn Körper austauschbar werden? Und welche Rolle spielen Kunst und Poesie in einer Welt, in der selbst Bewusstsein programmiert ist?
Die Notizbuchstruktur sorgt für Nähe zu den Figuren und erlaubt immer neue Perspektiven über Zeiten und Generationen hinweg. Gleichzeitig verlangt sie Aufmerksamkeit, da die Handlung nicht geradlinig verläuft und manche Zusammenhänge erst nach und nach sichtbar werden. Statt großer Action setzt der Roman auf stimmungsvolle Sprache. Gerade darin liegt seine Stärke.
Die Übersetzung von Cornelius Reiber trägt diesen Ton überzeugend ins Deutsche. Mit 288 Seiten ist das Buch in phantastischen Maßstäben vergleichsweise kurz, lädt aber durch die vielen Perspektivwechsel und Überkapitel dazu sein, die Geschichte zwischendurch beiseitezulegen und wirken zu lassen. Wer bereit ist, sich auf die fragmentarische Erzählweise einzulassen und schon Fan von Verlorene der Zeiten war, wird an diesem Roman seine Freude haben.

- Wunderschöne Sprachbilder
- Ungewöhnlicher Handlungsverlauf
- Stellt tiefe Gefühle dar, ohne kitschig zu werden
-
Weckt eine falsche Erwartungshaltung
Artikelbilder: © FISCHER
Layout und Satz: Mika Eisenstern
Lektorat: Laura Pascharat
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