Das im Jahre 1994 erschienene Beneath a Steel Sky gilt als Adventure- Klassiker. 26 Jahre später liefert Revolution Software mit Beyond a Steel Sky die lang erwartete Fortsetzung der Geschichte in schicker 3D-Optik. Wie spielt sich der Nachfolger? Kann er mit dem Original mithalten?
Beyond a Steel Sky spielt einige Zeit nach dem Vorgänger Beneath a Steel Sky und knüpft an dessen Story an. Der Protagonist, Robert Foster, lebt im „The Gap“ genannten Outback eines zukünftigen Australiens, zwischen den großen Städten an den Küsten. Es verschlägt ihn auch diesmal wieder nach Union City (wahrscheinlich das ehemalige Sydney), dem Schauplatz des ersten Teiles.
Es ist zum Verständnis nicht notwendig, den Vorgänger gespielt zu haben, allerdings empfehle ich dies ausdrücklich. Beneath a Steel Sky ist von Revolution Software freigegeben worden und kann beispielsweise über die ScummVM-Webseite oder GOG kostenlos bezogen werden. Auf beiden Seiten bekommt man auch die Software ScummVM, die notwendig ist, um das 26 Jahre alte Spiel auf aktueller Hardware (Computer, Smartphones, Fernseher) spielen zu können – im GOG-Bündel ist ScummVM für PC bereits enthalten und wird automatisch installiert.
Inhaltsverzeichnis
Das Setting
Das als Comic erzählte Intro zeigt den Protagonisten, wie er mit anderen Personen aus dem Gap, darunter der junge Milo, angeln geht. Dabei wird Milo von einem Walker, einem Fahrzeug auf Beinen, entführt und Richtung Union City verschleppt. Foster macht sich auf, um Milo zurückzuholen.
In Union City erkennt er schnell, dass die Stadt nicht mehr so ist, wie er sie am Ende des ersten Teiles zurückgelassen hat. Auf den ersten Blick scheint es jedem Bürger gutzugehen, diverse Ministerien kümmern sich um Wohlstand, Komfort und weitere Voraussetzungen für Glückseligkeit. Die ganze Stadt wird von einem System namens MINOS gesteuert, welches von Joey eingesetzt wurde, um das Wohlergehen der Bürger sicherzustellen. Dieser Joey ist niemand anderes als unser Kompagnon aus dem ersten Teil.
Der Schein trügt
Aber hinter der Kulisse aus Glückseligkeit tun sich Abgründe auf. Es gibt eine fast vollständige Überwachung und ein Sozialpunktesystem, genannt QDOS, bestimmt, zu welchen Ebenen und Bereichen der Stadt ein Bürger Zugang hat. Die Bürger mit hohen QDOS-Ständen sind privilegiert und dürfen auf den unteren Ebenen der Stadt wohnen. Je schlechter der QDOS-Stand, desto höher wohnt man. Ganz oben befinden sich die Industrie-Anlagen.
Zur Zeit der Handlung bereitet sich die Stadt gerade auf die Feier zum Ambitionstag vor. Bei dieser Feier zelebrieren Bürger ihren Aufstieg in eine bessere Schicht.
Auf der Suche nach Milo muss sich Foster zunächst eine gefälschte ID besorgen, um überhaupt als Bürger der Stadt anerkannt zu werden. Ausgerechnet durch diese ID stößt er auf Verschwörungen und Machenschaften innerhalb der Stadt, die er beschließt, zu untersuchen und notfalls zu beenden.

Dafür stehen ihm neben seiner falschen ID hauptsächlich zwei Werkzeuge zur Verfügung: Eines ist sein treues Brecheisen, welches immer an Fosters Gürtel hängt – selbst dann, wenn er im feinen Zwirn eine Party der Oberschicht besucht. Das andere Werkzeug ist ein sogenannter MINOS-Hacker, mit dem sich elektronische Geräte in geringem Umfang manipulieren lassen. Dies wird nicht nur zur Lösung einiger Rätsel benötigt, sondern bietet auch viel Spaß beim Ausprobieren, denn die Welt reagiert auf nahezu jeden Hack.
Natürlich darf in einem Cyberpunk-Adventure ein richtiger Ausflug in dem Cyberspace nicht fehlen. Hier gibt es gleich zwei davon. Im aktiven MINOS-Space finden sich alle Informationen rund um MINOS. Darunter verborgen und seit dem Ende des ersten Teils nicht mehr von Menschen genutzt findet sich der schon aus dem ersten Teil bekannte LINC-Space.
Abwechslungsreiches Storytelling
Die Geschichte nimmt einige schöne Wendungen und spielt geschickt mit Stereotypen und Wertvorstellungen. Sie ist nicht sehr spannend, wird aber unterhaltsam erzählt. An die Geschichte des ersten Teils wird sowohl logisch als auch durch Referenzen immer wieder angeknüpft. Dies ist sehr geschickt gelöst: Wer den ersten Teil noch nicht gespielt hat, erhält alle notwendigen Infos vom Spiel, allerdings so geschickt verpackt, dass dies für Spieler, die den ersten Teil kennen, nicht einfach nur langweilige Exposition ist.
Genau wie der erste Teil schlägt auch Beyond a Steel Sky gesellschaftskritische Töne an. Dies geschieht allerdings harmonisch innerhalb der Story und eben nicht mit besagtem Brecheisen.
Während der Geschichte hören wir nicht nur Fosters Gedanken zu einzelnen Hotspots, sondern auch seine generellen Kommentare zu Orten oder Geschehnissen. Diese werden nicht als Untertitel eingeblendet, sondern als von Comics bekannte Erzähler-Paneele transportiert. Dabei wird konsequent die Vergangenheitsform genutzt, was den Eindruck einer bereits geschehenen und hier in Comic-Form nacherzählten Geschichte verstärkt.
Features
Beyond a Steel Sky nutzt die Cel-Shading-Optik, was den comicartigen Erzählstil sehr gut unterstützt. Für die Darstellung ist die Unreal Engine zuständig, dadurch unterstützt das Spiel nahezu alle gängigen Monitorkonfigurationen. Einzelheiten wie Auflösung, VSync und Detailgrade lassen sich für ein optimales Spielergebnis individuell einstellen.
Der Soundtrack des Spiels ist abwechslungsreich und unterstreicht die unterschiedlichen Szenen-Stimmungen gut. Er ist vor allem nicht durch deutlich wahrnehmbare Wiederholungen oder krasse Lautstärkeschwankungen negativ aufgefallen. Die Sprachausgabe erfolgt nur auf Englisch, wobei viele Sprecher mit australischem Akzent sprechen, was das Setting noch einmal subtil unterstreicht.
Der Protagonist wird in Third-Person-Perspektive gesteuert. Dies erfolgt wahlweise per Tastatur und Maus oder per Gamepad. Dank Unreal Engine ist der Übergang fließend, wer also bei bestimmten Rätseln lieber das Gamepad weglegen und zur Maus greifen möchte, kann dies ohne große Umstellungen tun. Selbst das Tutorial reagiert sofort auf einen Wechsel der Eingabemethode.
Wenn Foster sich Objekten, mit denen er interagieren kann, nähert, erscheint ein kreisförmiger Hotspot samt Beschriftung. Schaut er in Richtung des Hotspots, füllt sich der Kreis und via Maustaste oder Gamepad-Button kann ein Menü mit möglichen Interaktionen geöffnet werden.
Dialoge und Rätsel
Die Dialoge erinnern an die Dialogauswahlen in beispielsweise Mass Effect. Es werden keine konkreten Antworten angeboten, sondern lediglich Themengebiete angeboten. Diese werden ausgewählt, indem man Maus oder Gamepad in die entsprechende Richtung bewegt und klickt. Was Foster dann konkret sagt, kann der Spieler nicht beeinflussen. Schön ist: Neue Themen, die sich im Gespräch ergeben, sowie Themen, die weiteres Nachfragen erlauben, werden beim Einblenden kurz markiert. Themen, die komplett abgearbeitet sind, werden in den meisten Fällen ausgegraut.
Beyond a Steel Sky hat keine extrem komplizierten Rätsel. Die meisten Rätsel beziehen sich auf die Welt. Hier gilt es, verschiedene Objekte oder Personen zu untersuchen und zu manipulieren. Manchmal ist dies einfach, manchmal muss man um die Ecke denken – und manchmal ist zusätzlich noch ein gutes Timing notwendig. Inventar-Kombinationen werden überhaupt nicht benötigt. Die Rätsel sind abwechslungsreich, ihr Schwierigkeitsgrad steigt zum Ende hin leicht an.
Wenn Foster die Spielwelt manipuliert, um die Lösung für ein Rätsel zu finden, reagiert diese auf beinahe jede Aktion. Wo andere Adventures sich mit einem „Hmm, das hat wohl keinen Effekt“ zufriedengeben, werden hier dutzende unterschiedlicher Animationen und/oder Sprachausgaben vorgehalten und je nach Aktion des Spielers eingesetzt. Dadurch macht es Spaß, die Szenen zu erkunden.
Tips und Hilfestellungen
Sollte man einmal partout nicht weiter wissen, bietet das Spiel mehrere Hinweissysteme an. Die direkten Hinweise im Inventar werden nicht ständig angezeigt, sondern können bei Bedarf abgerufen werden. Sie werden in der Regel in zwei oder drei Stufen immer konkreter, wobei das Spiel versucht, den Spieler zum Denken anzuregen: Wurde ein Hinweis angezeigt, muss man zunächst ein paar Sekunden warten, bis man den nächsten, konkreteren Hinweis abrufen darf.
Das zweite Hinweissystem sind Charaktere, mit denen Foster unterwegs ist. Man kann diese gelegentlich fragen, ob sie eine Idee haben, und sich auf diese Art Anregungen direkt im Spiel holen.
Varianz und Spieldauer
Das Spiel bietet an mehreren Stellen Entscheidungsmöglichkeiten, die sich auf den Verlauf der Story auswirken. Alle Story-Verläufe gelangen zwar zum gleichen Ende, jedoch geschehen unterwegs verschiedene Dinge. Teilweise erhält man andere Dialog-Optionen oder Zwischensequenzen werden abgespielt.
Die Spielzeit von Beyond a Steel Sky liegt bei etwa 10 Stunden für erfahrene Adventure-Spieler. Story-Variationen und die Möglichkeit, die Umwelt zu manipulieren, geben mitunter Motivation für einen zweiten Anlauf – soweit, dies Wiederspielwert zu nennen, würde ich aber nicht gehen.
Leider gibt es derzeit nur eine englische Sprachausgabe mit deutschen Untertiteln. Eine deutsche Sprachausgabe ist aber angekündigt und soll im August kostenlos nachgeliefert werden.
Die harten Fakten:
- Entwicklerstudio: Revolution Software Ltd
- Publisher: Revolution Software Ltd
- Plattform: Windows, Linux+SteamOS
- Sprachen: Englisch (Sprachausgabe), Deutsch, Englisch, Französisch, Italienisch, Spanisch, Japanisch, Koreanisch, Russisch, Chinesisch (vereinfacht und traditionell), brasilianisches Portugiesisch, Türkisch, Niederländisch, Arabisch (Oberfläche und Untertitel)
- Mindestanforderungen: Core i3-2100 @ 3.1GHz/Phenom X4 945 @ 3 GHz, GTX 650 2GB/Radeon HD 7770 2GB, 4 GB RAM, 20GB HD, 64Bit OS, Windows 7+ mit DX11/Linux 18.04.4 LTS + SteamOS
- Empfohlen: Core i5 3470@3.2 Ghz/FX-8350 @ 4 Ghz, 6 GB RAM, 20 GB HD, GTX 970 4GB/Radeon R9 280X 3GB, 64Bit OS, Windows 10 mit DX11/Linux 18.04.4 LTS + SteamOS
- Genre: Action, Adventure, Indie
- Releasedatum: 16. Juli 2020
- Spielstunden: 10
- Spieleranzahl: Singleplayer
- Altersfreigabe: Keine offizielle Angabe*
- Preis: 29,99 EUR
- Bezugsquelle: Fachhandel, Steam, idealo
* Angabe des Entwicklers: „Mild violence and themes“.
Fazit
Beyond a Steel Sky ist ein würdiger Nachfolger zum Klassiker Beneath a Steel Sky. Das Adventure in der Third-Person-Perspektive erzählt im Comic-Stil eine Geschichte mit glaubwürdigen Charakteren, glaubwürdigen Wendungen und gut gelösten Anknüpfungen an den ersten Teil. Das Spiel ist flüssig mit Tastatur und Maus oder Gamepad zu spielen. Es gibt noch ein paar Bugs im Spiel, diese sind allerdings hauptsächlich Grafikfehler und machen es nicht unspielbar. Bis zum Release dürften die meisten Bugs behoben sein.
Beyond a Steel Sky bietet gute 10 Stunden Unterhaltung für erfahrene Adventure-Spieler. Die Story verläuft zwischenzeitlich nicht linear, sodass verschiedene Aktionen verschiedene Zwischensequenzen oder Zustände hervorbringen können – sie läuft aber trotzdem immer auf das gleiche Ende hinaus. Ein hoher Wiederspiel ist also nicht unbedingt geboten. Trotzdem stimmt hier mit 30 Euro für 10 oder mehr Stunden Unterhaltung das Preis-Leistungs-Verhältnis.

Artikelbilder: © Revolution Software, Inc
Layout und Satz: Melanie Maria Mazur
Lektorat: Lukas Heinen
Screenshots: Henning Lechner
Eine Beta-Version dieses Produktes wurde kostenlos zur Verfügung gestellt.

















