Du bist ein Ork. Du reist auf einem steuerlosen Schrotthaufen durch den Weltraum auf dem Weg zu deinem unweigerlichen Verderben. Auf dem Weg dorthin wirst du schreien und stehlen und kämpfen und wahrscheinlich vor dem Ende sinnlos und qualvoll sterben. Wenn dir vorher nichts Schlimmeres geschieht. Willkommen in Orc Borg!
Orks sind eine faszinierende Spezies. Seit jeher ein fixer Bestandteil der Fantasy (nicht umsonst kommen sie in so vielen Universen wie Mittelerde oder Warhammer 40.000 vor), stehen sie meistens für die namens- und gesichtslose Horde. Schwertfutter, das von den Held*innen ohne jegliche Form von Gewissensbissen oder Nachdenken zu Hunderten abgeschlachtet werden kann, um im Anschluss die gewonnenen Goldstücke und Erfahrungspunkte zu zählen.
In den letzten Jahren hat sich dieser Umstand durchaus geändert. Mit eigens ihnen gewidmeten Romanen wie Die Orks von Stan Nicholls oder Das Orkland von Das Schwarze Auge konnten geneigte Leser*innen immer wieder einmal einen Einblick in die Sichtweise dieser überaus bunten und abwechslungsreichen Spezies nehmen. Und mittlerweile kann man (Halb-)Orks auch in etlichen Rollenspielen als Charakter spielen.
In Orc Borg übernehmen wir nun die Rolle eines Orks, welcher gemeinsam mit unzähligen anderen Orks auf eine spirituelle Reise durch den Kosmos geht:
explizite Gewalt
You are an Orc.You live in space aboard the Derelict, an out-of-control junk rocket.
Your furious gods and your scrawled prophecies speak of Doom, where the Derelict will crush into heaven, and you can’t wait for it to happen.
You will fight and yell and steal and kill to secure a front-row seat for the Apocalpyse.
Orc Borg Hintergund
Wohl kein Klappentext hat den Hintergrund und sein Spieluniversum so knapp und gleichzeitig präzise zusammengefasst wie Orc Borg. Du bist ein Ork, du wirst kämpfen, du wirst sterben. Mehr wissen die Spieler*innen nicht und brauchen sie auch nicht zu wissen.
Orc Borg ist die wohl direkteste, gemeinste und damit auch ehrlichste Spielerfahrung, die man als Ork im Weltraum machen kann. Im Stil und Regelwerk direkter Ableger des beliebten Systems Mörk Borg, entlehnt es im Spielgefühl und der Lebensphilosophie sehr viel vom althergebrachten Universum einer ganz bestimmten Firma aus Nottingham. Und das ist kein Fehler. Vielmehr bringt diese (sehr) kurze Verbindung aus skandinavischem Doom-Metal-Rollenspiel und britischem Wargaming der Achtziger eine sehr krude, böse, aufregende, simple und umso beachtenswertere Mischung hervor, welche definitiv einen oder mehrere Blicke Wert ist.
Waaaaaaaagh!
Die Spielwelt
Die Charaktere befinden sich auf einem steuerlosen Raumschiff namens Derelict, einem Amalgam aus vielen Raumschiffen, welche ineinander verkeilt sind und recht hilflos durchs All treiben. In ihm befinden sich unzählige Orks, kämpferische Aliens, welche ihren Tag im Kampf gegeneinander und gegen ihre Nachbarn verbringen. Zur Abwechslung wird Bier getrunken und Metal gehört. Also ganz so, als ob (stereotype) britische Hooligans zu einer weltraumfahrenden Spezies geworden wären. Dementsprechend riecht und sieht es auf dem Schiff auch aus.
Die Orks sind allerdings nicht allein auf ihrem Schiffskonvolut. Neben ihren Goblinsklaven gibt es auch andere Völker, welche das Pech hatten, in die Derelict zu krachen. Neben verrückt gewordenen Menschen (Spacer genannt) bevölkern auch Dämonen etliche Teile des Komplexes. Als neueste Gefahr für die Orks ist ein Schiff raumfahrender Zwerge (passenderweise Roter Zwerg genannt) in die Derelict gekracht und bohrt sich mit seinen Plasmabohrern jetzt langsam durch diese. Dieses Schiff mit Zwergen aufzuhalten, bevor es sich endgültig durch die Derelict gebohrt hat und das ersehnte apokalyptische Ende für die Orks gefährdet, ist das Ziel des beigefügten Dungeoncrawlers. Dieser ist allerdings nur ein Vorschlag, dem man keineswegs folgen muss. Im Gegenteil schlägt das Buch auch vor, einfach irgendwelche Karten zu nehmen und sie an die Derelict anzufügen. Wer sagt schließlich, dass nicht jederzeit neue Schiffe in das Konvolut krachen können?
Zusätzlich zu der entspannten Haltung zu Übersichtskarten kann jederzeit irgendeine Katastrophe geschehen: plötzlich hervorbrechende Energiestöße, welche alle Orks in der Nähe töten, Bürgerkriege zwischen einzelnen Fraktionen, das Verschütten jeglichen Bieres wegen Turbulenzen. Die Spielleitung würfelt regelmäßig auf einer immer schlimmer werdenden Tabelle für solche Katastrophen, bis die Derelict schlussendlich ihr langersehntes Ziel erreicht und alle Besatzungsmitglieder unweigerlich in einem glorreichen Kataklysmus sterben. Ende des Spiels.
Alles in allem bildet die Derelict einen spannenden Rahmen für einen Sandkasten, welcher durch eine engagierte Spielleitung und die beteiligten Spieler*innen gut gefüllt werden will.
Die Regeln
Grundsätzlich hält sich Orc Borg sehr eng an die ursprünglichen Regeln aus seinem Vorgänger Mörk Borg. Es ist sogar kompatibel spielbar mit seinem Ursprungssystem (auch, wenn die dunkel skandinavisch angehauchte Welt von Galgenbeck, Schleswig und Tveland vielleicht nicht ganz in das bewusst poppig-bunt gehaltene Universum von Orc Borg passen mag).
Das Regelsystem ist schnell erklärt. Man erwürfelt zu Beginn die Attribute des Charakters (Agility, Strength, Presence, Toughness) und erhält dadurch die Attributsmodifikatoren auf Würfe. Von diesen leiten sich dann andere Sachen wie Trefferpunkte ab. Generell wird so gut wie alles aus Tabellen erwürfelt. Die Spielleitung würfelt nie in Kämpfen. Attacken und Paraden werden von den Spieler*innen durchgeführt. Meistens muss man, um einen Test zu schaffen, mit einem zwanzigseitigen Würfel plus/minus Modifikatoren 12 oder besser würfeln. Bei schwierigeren Tests entsprechend höher. Alles in allem ein schnelles und unkompliziertes System.
Kämpfe laufen absolut gleich wie im ursprünglichen System ab. Die einzige Ausnahme ist, dass sich manche Orks in Roboter verkabeln lassen und somit in größeren Maschinen kämpfen können. Das bringt wieder eigene wunderschöne Tabellen für mögliche Katastrophen mit sich.

Die Waffentabelle wurde für die Bedürfnisse des Settings liebevoll angepasst. Neben zweihändigen Hämmern, Doomcannons, Ripper Claws und anderen Lieblichkeiten kann man sich wie schon erwähnt auch mit einem Mech verkabeln lassen und Spaß haben.
Anstatt „klassischer“ Magie mittels Schriftrollen gibt es hier einerseits die Technowizardry, welche man an Computern lernen kann. Hier werden Eisenbahnen oder Essen beschworen, ein Ziel in Schwerelosigkeit versetzt oder eine Maschine zum Freund gemacht, eventuell auch ein Tunnel komprimiert, um alles darin Befindliche ohne weiteren Schadenswurf zu zerquetschen. Auch fein. Andererseits gibt es auch Gebete an die verschiedenen Orkgötter (sechs an der Zahl, sie werden aber jeweils nur mit einem Satz beschrieben), welche den Feinden entgegengebrüllt werden (Orkpriester neigen dazu, ihre heiligen Riten schreiend zu zelebrieren). Diese können den eigenen Charakter im Kampf unterstützen, ihn auf doppelte Größe anwachsen lassen, helfende Goblins herbeirufen oder die Gegner schwächen. Sie sind also sehr stark kampforientiert.
Charaktererschaffung
Charaktere werden in Orc Borg durch reines Auswürfeln erschaffen. Alternativ kann man auch den offiziellen Charaktergenerator Generatorc verwenden, um seinen Ork zu erschaffen. Ganz ähnlich wie im Muttersystem Mörk Borg bestimmen grundsätzlich die vier Attribute Presence, Strength, Agility und Toughness die Würfelwürfe. Dabei können Charaktere Werte von -3 bis +3 aufweisen.
Von diesen Grundwerten leiten sich andere Attribute wie die Trefferpunkte ab, ebenfalls ausgewürfelt. Passend dazu kann man etliche weitere Aspekte seines Orks auswürfeln, wie seinen Musikgeschmack (Richtungen wie Thrash Yell oder Goblin Skiffle – zum Abspielen während der Spielrunde empfohlen!), seine Herkunft oder ob er bereits mechanische Ersatzteile erhalten hat.

Anders als im Muttersystem Mörk Borg gibt es zum „Standardork“ lediglich eine weitere Klasse, den „Orcborg“. Diese verchromten, verkabelten und technisch aufgerüsteten Orks haben schon etliche ihrer Körperteile durch technische Verbesserungen aufgewertet und starten möglicherweise mit vielen Kameras statt Augen, Rädern statt Füßen oder einem Toaster statt einem Kopf (nicht fragen, es funktioniert einfach).
Trotz der lediglich zwei Klassen dürfte das fürs erste Erkunden der Derelict mehr als ausreichen. Und außerdem ist Grün sowieso eine bunte Farbe, in der man etliche diverse Charaktere in derselben „Klasse“ spielen kann.
Spielbarkeit
Das Regelsystem ist wie bereits beschrieben sehr übersichtlich und stringent gestaltet. Wenn man sich einmal durch die Tabellen zum Generieren des Charakters gewürfelt hat und sich mit seinem Ork angefreundet hat, hat man eine sehr große Welt zum Erkunden vor sich. Kämpfe sind unkompliziert. Und die Entwicklung des eigenen Orks mit bionischen Verbesserungen und immer besserer Ausrüstung in immer tiefere Weiten der Derelict mit ihren unübersichtlichen Gängen macht Spaß.

Ganz wie bei Mörk Borg und Pirate Borg liegt aber bei der Spielgruppe und der Spielleitung, wie viel man aus diesem simplen und übersichtlichen System herausholen kann. Längerfristiger Spaß ist sicher möglich, aber grundsätzlich ist das Spiel eher auf einen launigen Spielenachmittag ausgelegt, wenn man grade keine Lust auf eine große, epische Kampagne hat. Und das ist absolut in Ordnung.
Spielleitungen stehen einerseits vor der Herausforderung, dass der Hintergrund in Orc Borg eher überschaubar ist, können dafür aber hemmungslos in anderen Franchises plündern, Verzeihung, sich inspirieren lassen und einfach das nächste Schiff in die Derelict krachen lassen, welches es zu plündern gilt. Oder einen Schreiwettbewerb zwischen Orkpriestern eskalieren lassen. Oder dem benachbarten Stamm das Bier stehlen. Oder vieles andere, auf das die Spieler*innen Lust haben.
Erscheinungsbild
Das erste große Alleinstellungsmerkmal von Orc Borg erkennt man gleich vor dem ersten Durchblättern: Anders als Mörk Borg oder Pirate Borg kommt diese Variante nicht als A5-Hardcover, sondern als A4-Softcover. Das hilft zwar beim Lesen und dank des dicken, hochwertigen Papiers kann man die Seiten nach dem Aufblättern gut liegen lassen, ohne dass sich das Buch (eher ein Heft) wieder einklappt. Allerdings dürfte das für den längeren Spielspaß ein kleiner Nachteil sein, wird ein größeres Softcover doch leichter Abnutzungsschäden erleiden als ein A5 Hardcover. Speziell, wenn man es beispielsweise im Rucksack zum Spielort mitbringt. Vorsichtige Spieler*innen werden ihre Ausgabe des Buches also vorsichtshalber gleich in eine Schutzmappe geben.
Stilistisch bleibt es Mörk Borg treu und geht sogar noch einen Schritt weiter. Während im Original noch sehr mit Themen und Stilen der Kunst experimentiert wurde, verfolgt Orc Borg einen thematisch stringenteren Weg. Die durchgehend in schwarz, gelb, pink (und ab und an rot) gehaltenen poppigen Zeichnungen vermitteln eine konstante Vision von Orks im Weltraum. Das macht in Summe einen runden Eindruck. Die anfangs konfus wirkenden Schaukästen und Bilder sind auf den zweiten Blick clever durchdacht und übersichtlich. Wenn man sich mal dran gewöhnt hat. Orc Borg ist hier definitiv einen zweiten Blick wert.
Die harten Fakten:
Verlag: Rowan, Rook & Decard- Autor*in(nen): Grant Howitt
- Erscheinungsjahr: 2023
- Sprache: Englisch
- Format: A4 Softcover
- Seitenanzahl: 34 Seiten
- ISBN: 978-1-913032-34-0
- Preis: 21,95 EUR (Softcover), 10,19 USD (PDF)
- Bezugsquelle: Fachhandel, Amazon, DriveThruRPG, Sphärenmeister
Fazit
Orks im Weltraum. Muss man mehr sagen? Man bekommt, was versprochen wird. Orc Borg bietet einem keine hunderten Seiten an Hintergrundinformation über die Welt, über die Motivationen und Sehnsüchte seiner Charaktere. Es ist kein System, um jahrelange Kampagnen zu spielen, und es ist definitiv nichts für jede*n Spieler*in. Vor allem nicht für jene, welche detaillierte und ausgeklügelte Regeln für jede Lebenslage haben möchten, sich stundenlang in den Charakterbau vertiefen möchten oder diplomatische Lösungen bevorzugen. Es bietet auch keine großen Hilfestellungen für Spielleitungen jenseits von „Hier hast du ein paar Stats für Gegner*innen. Mach was draus“.

Und dennoch. Trotz der Subtilität eines ins Gesicht geworfenen Ziegelsteins ist dieses kurze Heft eine kleine Goldgrube an Ideen für ein unkonventionelles Setting und Charaktere mit einer abwechslungsreichen und ungewohnten Perspektive. Ja, ihr seid Orks. Ja, ihr habt keine großen Hintergrundgeschichten zu erzählen und werdet einen Großteil des Abenteuers kämpfen und leiden. Und ja, ihr werdet am Ende der Spielsitzung jämmerlich in einem apokalyptischen Raumunfall sterben und das ist das gute Ende! Aber wenn man bereit ist, sich auf dieses Abenteuer einzulassen, den mechanischen Kiefer zu ölen und das Sturmgewehr zu laden und ein unbekanntes Schiffsteil zu entern, dann macht Orc Borg einfach nur Freude.
Ein Spieletest für eine tiefergehende Rezension ist in naher Zukunft geplant.

- Ungewohntes Setting
- Leichtes und spannendes Regelsystem
- Orks im Weltraum!
- Mit 34 Seiten doch sehr kurz
- Nicht für lange Runden konzipiert
- Das Softcover muss pfleglich behandelt werden
Artikelbilder: © Rowan, Rook & Decard
Layout und Satz: Andreas Hübner
Lektorat: Maximilian Düngen
Fotografien: Johannes Haselhofer
Dieses Produkt wurde privat finanziert.
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Verlag: Rowan, Rook & Decard
















