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Rollenspiel kennt viele Formen, vom klassischen Pen-and-Paper am Tisch über Liverollenspiel und Computerspiele bis hin zu Onlinerunden im Virtual Tabletop. Eine der ältesten Formen des Pen-and-Paper-Rollenspiels ist hingegen fast in Vergessenheit geraten: das Briefspiel. Was genau verbirgt sich hinter dieser Spielform?

Der Name allein scheint schon etwas aus der Zeit gefallen zu sein: Briefspiel. Hand aufs Herz, wann habt ihr das letzte Mal einen Brief geschrieben?

Doch genauso wie Briefe mittlerweile mehrheitlich durch digitale Formen der Kommunikation ersetzt worden sind, präsentiert sich das Briefspiel, das einst tatsächlich in Form von niedergeschriebenen Briefen gespielt wurde, die per Post hin- und hergeschickt wurden, mittlerweile in moderne(re)m Gewand. Statt Briefen werden – natürlich – E-Mails versendet, deren Inhalte zudem in kollaborativen Schreibtools entstehen, in Wikis sortiert, archiviert und somit öffentlich zugänglich gemacht werden.

Am Grundprinzip hingegen hat sich wenig geändert: Briefspiel versucht, den offiziell veröffentlichten Hintergrund einer Spielwelt, in diesem Fall von Aventurien aus Deutschlands bekanntestem Pen-and-Paper-Rollenspiel Das Schwarze Auge, im Kleinen und Lokalen fortzuschreiben. Die Spieler*innen übernehmen hierbei die Rollen von Edlen, Junker*innen oder gar Baron*innen – daher auch der frühere Name „Baroniespiel“ –, die über ihre jeweiligen Lehen miteinander in Kontakt stehen und über Wohl und Wehe der Welt, oder zumindest ihrer Leibeigenen und Untergebenen, entscheiden. Die offiziellen Entwicklungen, die durch Ulisses Spiele, dem Verlag hinter Das Schwarze Auge, vorgegeben werden und den Fortgang des lebendigen Aventuriens bestimmen, dienen hierbei als Hintergrund, vor dem agiert wird.

Was dieser Fortgang jedoch auf lokaler Ebene des einzelnen Lehens bedeutet, wird durch die Spieler*innen im Briefspiel bestimmt.

In diesem Gastbeitrag möchte ich ein wenig erklären, was diese fast schon vergessene Form des Rollenspiels ausmacht, wie man damit beginnt und wie es funktioniert und was es von anderen Rollenspielformen unterscheidet. Vielleicht ist es ja auch eine Spielform für euch…
Triggerwarnungen

Keine typischen Trigger

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Wie kommt man überhaupt zum Briefspiel: der Einstieg

Vor etwa 20 Jahren, als das Internet noch in den Kinderschuhen steckte, war der wahrscheinlich einfachste Weg auf das Aventurische Briefspiel aufmerksam zu werden der Aventurische Bote, die zweimonatlich erscheinende Hauszeitschrift von Das Schwarzen Auge. Hier fand man regelmäßig Aufrufe zum Briefspiel, beispielsweise wenn Baronien neu besetzt werden mussten, weil ein Spieler sich zurückgezogen hatte.

Das ist jedoch lange her. Zwar publiziert der Aventurische Bote auch heute noch regelmäßig kleinere Artikel, die von Briefspielern geschrieben wurden oder sich auf Ereignisse aus dem Briefspiel beziehen, aber einen aktiven Aufruf zur Teilnahme am Briefspiel habe ich lange nicht mehr gesehen.

Das mag auch vor allem daran liegen, dass sich das Briefspiel, wie schon erwähnt, mittlerweile ins Internet verlagert hat und sich daher neue Möglichkeiten ergeben haben, mit Spielern in Kontakt zu kommen. Eventuell seid ihr beispielsweise schon einmal über das AlmadaWiki oder eines der anderen Regionalwikis zu Aventurien gestolpert. Für viele Spieler*innen und Spielleiter*innen bieten diese Sammlungen einen wahren Schatz an Inspirationen für potenzielle NSCs, Plots und Regionalbeschreibungen, die weit über das offiziell herausgegebene Material hinausgehen.

Startseite des Almada Wiki, auf dem sämtliche Texte des Almadanischen Briefspiels veröffentlicht werden
Startseite des Almada Wiki, auf dem sämtliche Texte des Almadanischen Briefspiels veröffentlicht werden

Und wenn ihr diese Wikis gefunden, euch ihrer vielleicht sogar für die heimische Runde bedient habt, dann habt ihr bereits einen kleinen Teil des Aventurischen Briefspiels an euren heimischen Tisch geholt.

Das AlmadaWiki ist quasi das öffentlich zugängliche Archiv des Almadaner Briefspiels. Sämtliche Texte, Figuren und Spielideen finden sich hier archiviert und der Öffentlichkeit (und damit anderen potenziellen Briefspielern) zugänglich gemacht. Wenn man weiß, wo man suchen muss, kann man ganze Abenteuer für den heimische Spieltisch finden, welche das Geschehen aus dem Briefspiel aufgreifen und weiterspinnen.

Und es gibt Kontaktmöglichkeiten zu den potenziellen Mitspielern und zum Kanzler.

Der Regionalkanzler oder schlicht Kanzler ist so etwas wie die Spielleitung des Briefspiels und als solche erster Ansprechpartner, Bindeglied zur Redaktion von Das Schwarze Auge und letzte Instanz, wenn es zu unterschiedlichen und unvereinbaren Perspektiven und Meinungen kommt. Jede*r, der*die sich fürs Almadaner Briefspiel interessiert und damit beginnen möchte, braucht dem Almadaner Kanzler nur eine E-Mail zu schreiben und dieses Interesse zu bekunden, und schon beginnt der eigentliche Einstieg.

Niederschwelliger kann es eigentlich kaum sein – und doch beginnen hier erst die Herausforderungen.

Wie funktioniert Briefspiel genau?

Wenn man einmal mit anderen Briefspielern und dem Kanzler in Kontakt steht, wird es sehr schnell sehr konkret.

Wen spiele ich?

Welche Familia?

Und wo ist meine Dominie, mein almadanisches Lehen?

All diese Fragen werden zusammen mit dem Kanzler und je nach Situation anderen Spieler*innen, auf welche die jeweiligen Antworten gegebenenfalls Auswirkungen haben könnten, nach und nach beantwortet.

Dazu muss man wissen: Almada ist – wie ein sehr großer Teil Aventuriens – hierarchisch in verschiedene, miteinander in Verbindung stehende, Lehen strukturiert. Das Fürstentum Almada (oder, im Selbstverständnis der stolzen Almadaner, noch immer das Königreich Almada!) zergliedert sich in erster Linie in vier Grafschaften. Die Grafen und Gräfinnen, die ihnen vorstehen, sind der Redaktion von Das Schwarze Auge vorbehalten und werden entsprechend als Nicht-Spieler-Charaktere behandelt.

Jede Grafschaft teilt sich in unterschiedlich viele Baronien von verschiedener Größe und jede Baronie hat wiederum mehr oder weniger viele Junker- und Edlengüter.

Diese sind das Herrschaftsgebiet der Briefspieler*innen.

Als Briefspieler*in übernimmt man die Rolle einer (meist adligen) Familia Almadas – samt all ihrer Mitglieder. Einzig bei sehr großen Familias, beispielsweise dem altehrwürdigen Haus derer von Culming, kann es schonmal vorkommen, dass man als Briefspieler*in „nur“ für einen Zweig der Familia verantwortlich ist.

Der Vorteil einer großen Familia ist, dass von vornherein ein gewisser Status mit dem Namen einhergeht. Die von Culmings sind immerhin eines der ältesten Adelsgeschlechter des Königreichs (Entschuldigung, Fürstentums!). Zudem hat man sofort Verbindungen zu anderen Spieler*innen, mit denen sich Anknüpfungspunkte und damit Spielmöglichkeiten ergeben – man ist schließlich, wenn auch um Ecken, miteinander verwandt.

© Kilian Linder
© Kilian Linder

Der Nachteil ist, dass man etwas eingeschränkter ist in den eigenen Möglichkeiten – das eigene Konzept muss schließlich auch zur Restfamilia passen.

Hat man einmal eine Familia, bekommt man auch ein Lehen, das diese ernährt und für das sich die Familia verantwortlich zeichnet. Zu Beginn des Briefspiels waren dies, wie schon erwähnt, vorrangig die Baronien, aber da diese mittlerweile weitestgehend in Spieler*innenhand sind, spielt sich das meiste auf der Ebene der Junker- und Edlengüter ab. Falls noch nicht vergeben, kann man eines der in offiziellen Publikationen von Das Schwarze Auge erwähnten Lehen übernehmen – und falls da nichts für die eigenen Vorlieben mit dabei ist, erschafft man eben irgendwo etwas abseits eine kleine neue Ortschaft.

Das Schwarze Auge mag den Ruf haben, dass jede Kleinigkeit bereits irgendwo beschrieben ist, aber wenn man genau hinsieht, stellt man schnell fest, wie viele weiße Fleck(ch)en in Aventurien es doch noch gibt.

Und dann kann es auch schon – endlich – losgehen.

Briefspiel: Eine Ehe aus Spielen und Schreiben

Der zweite Schritt nach der Wahl der Familia und des Lehens ist die Beschreibung derselben im AlmadaWiki. Für jede Ortschaft, jede Familia und jedes Familienmitglied werden eigene Seiten angelegt, auf denen der*die Spieler*in in epischer Breite seine Figuren beschreiben kann, oder in ein paar kurzen Sätzen, ganz wie gewollt.

Das Wiki dient Briefspieler*innen als Archiv und erste Anlaufstelle, wenn es darum geht zu erfahren, was wann wo passiert ist. Es ist Inspirationsquelle für alle Briefspieler*innen – und auch Nicht-Briefspieler*innen und Autor*innen können sich hier Inspiration für Szenarien, Schauplätze und Charaktere holen.

So gesehen ist das Wiki vor allem eines: eine kostenfreie und sich immer weiter entwickelnde Spielhilfe.

Und als solche ist es natürlich für tatsächliches Rollenspiel, allen Fortschritten der Technik zum Trotz, ein wenig zu sperrig und zu undynamisch. Das eigentliche Spiel wird im Wiki nur archiviert, aggregiert und veröffentlicht, spielt sich aber im Wesentlichen auf anderen Kanälen ab.

Da ist zum einen der Almadablitz – ein E-Mailverteiler, auf den alle Almadanischen Briefspieler*innen (und noch einige Freund*innen, Ehemalige und Spieler*innen benachbarter Regionen) Zugriff haben. Über diesen wird das Spiel organisiert und wann immer ein Charakter etwas Neues erlebt hat, wird es über den Almadablitz mit allen geteilt. Und dann kann man darauf reagieren.

Eines meiner ersten Spielangebote beispielsweise war eine öffentliche Annonce, dass einer meiner weiblichen Charaktere (zugegeben etwas verzweifelt) auf der Suche nach einem Partner fürs Leben ist. Ich verfasste einen kurzen Text und veröffentlichte diesen im Almadablitz und im Wiki und dann dauerte es nicht lange, ehe ich insgesamt zehn Reaktionen darauf bekam.

Gar nicht mal schlecht für einen ersten Versuch. Aber wie das so ist, beim Aventurischen Tindern, Dom Conchobair (oder wer auch immer das aventurische Äquivalent zu „Mr. Right“ wäre) war leider bisher nicht dabei.

Die Suche setzt sich also fort.

Neben Spielanreizen aus Reihen der Spieler*innenschaft werden aber auch neue, offizielle Setzungen das Königreich (ja, ja, ja… Fürstentum) betreffend über den Almadablitz geteilt. Beispielsweise gibt es seit geraumer Zeit immer wieder Hinweise darauf, dass eine bestimmte Bevölkerungsgruppe, die sogenannten Aramyas, die vom dominierenden Zwölfgötterglauben abweichen und sich dem All-Einen verschrieben haben, in größerer Zahl das Land verlassen und in die Wüste ziehen. Für die lokale Wirtschaft ist dies selbstverständlich eine Herausforderung – und damit ein hervorragender Impuls für das Briefspiel, den man aufgreifen und für das eigene Junkergut weiterspinnen kann.

© León de Vivar
© León de Vivar

Auf diesem Wege kann man den offiziellen Metaplot ins Spiel integrieren – ein paar allgemeinere Ideen hierzu findest du auch im Artikel zum Thema Metaplot.

Und schließlich gibt es neben der eher statischen, für sich stehenden Kommunikation über den Almadablitz natürlich auch das interaktive Spiel zwischen Briefspieler*innen. Dieses funktioniert entweder direkt über das Wiki oder, wenn es komplexer oder überregional wird, auch oft über geteilte Dokumente, beispielsweise bei Google Docs. Hier haben teilweise ein Dutzend Spieler*innen oder mehr Zugriff und schreiben kollaborativ eine Geschichte, jeweils aus Sicht ihrer eigenen Charaktere und deren Gefolgschaft. Von der Struktur her ist das ein bisschen wie wenn man das Lied von Eis und Feuer liest, mit vielen Perspektiv-Charakteren, nur dass ein Kapitel manchmal eben nur aus ein paar Sätzen oder Absätzen besteht – und dass die Geschichte eventuell nicht so spannend und kongruent geschrieben wird, wie von George R. R. Martin.

Aber wer kann das schon?

Und auch wenn noch kein*e Meister*in vom Himmel gefallen ist, schon Kleinigkeiten können helfen, bessere Texte zu verfassen.

Mein persönlich größter Erfolg im Briefspiel, zumindest gemessen an der ausgelösten Aktivität der Spieler, war mein zweiter Spielimpuls, die Organisation eines Pferderennens in meinem kleinen Edlengut in den nördlichen Bergen Almadas. Etwa ein Dutzend anderer Briefspieler wirkten mit, beschrieben die Reaktionen ihrer Charaktere auf das Geschehen, sodass zum Schluss weit über 100 Seiten Text zusammenkamen.

Für mich war es ein Heidenspaß.

Der kritische Blick: Ist das wirklich noch Rollenspiel?

Fassen wir kurz zusammen: Das almadanische Briefspiel zeichnet sich dadurch aus, dass man als Spieler*in eine Familia der almadanischen Nobleza, des Adels darstellt, ihre Familienmitglieder und gegebenenfalls wichtige Vertraute beschreibt, sowie ein Lehen übernimmt. Über das AlmadaWiki stellt man seine Beschreibungen für alle lesbar online, sodass andere Briefspieler*in darauf Bezug nehmen oder reagieren können. In dieser wechselseitigen Reaktion entsteht das eigentliche Spiel.

Und genau dort setzt auch oft die Kritik am Briefspiel an. Ein ganzes Wiki voller Text – wer soll das alles lesen? Zumal wenn aus so vielen Federn stammend, ergibt sich da überhaupt ein roter Faden oder so etwas wie Spannung? Und unabhängig davon, ist das dann nicht eher eine kreative Schreibübung als Rollenspiel?

Ganz klar: Briefspiel ist nicht für jede*n. Wer herausforderungsorientiertes Spiel mag und gern den Oberbösewicht am Ende eines Abenteuers erschlägt, dem wird Briefspiel wahrscheinlich eher weniger gefallen. Hier gibt es keine klaren Bösewichte, mehr ein grau in grau. Jede*r Spieler*in, nein, jeder Charakter verfolgt eigene Ziele und die Konflikte ergeben sich dann daraus, werden jedoch nur selten mit dem Rapier gelöst.

Überhaupt wird wenig gewürfelt. Das Spiel orientiert sich eher an Charaktereigenschaften denn an Spielwerten. Entscheidungen werden meist durch Konsens herbeigeführt, nicht durch eine Probe oder die Spielleitung.

Wer gern spontan improvisiert, den werden zudem die langen Zeiträume eher abschrecken. Selbst wenn es mal schnell geht, wartet man mindestens ein paar Stunden, ehe die Mitspieler*innen reagieren, und im schlimmsten Fall können zwischen dem Schreiben einer Passage und der Reaktion darauf schon einmal eine Woche oder mehr vergehen. Das ist die Kehrseite des asynchronen Spielens.

Und der Vorteil? Aus meiner Sicht gibt es nicht nur einen. Das Briefspiel bringt sehr viele Vorteile mit sich.

Zunächst einmal ermöglicht Briefspiel zu spielen, wann immer man möchte. Keine Vorbereitung. Keine Abstimmung. Keine Abhängigkeit von anderen. Nachts um zwei eine spontane Idee? Gar kein Problem! Einfach an den Rechner und los geht’s.

Darüber hinaus ist es eine super Möglichkeit, die eigene Tischrunde beisammenzuhalten. Mittlerweile sind fast alle Mitglieder meiner Vor-Corona-Tischrunde auch Briefspieler in Almada. Und dabei wohnen wir mittlerweile 230km auseinander.

Das für viele stärkste Argument pro Briefspiel ist aber nicht die Flexibilität, sondern die Möglichkeit so tief in die wirklich vielfältige und reichhaltige Welt Aventuriens einzutauchen, wie in keiner anderen Spielform möglich. Man ist in der Lage die Spielwelt selbst aktiv zu gestalten und weiterzuentwickeln, ein Stück aventurischer Geschichte zu erschaffen. Und Almada ist hierfür der ideale Ort: ein Schmelztiegel der aventurischen Kulturen und Religionen, in dem alles, was Das Scharze Auge so beliebt macht, zusammenkommt.

Für mich überwiegen die Vorteile des Briefspiels jedenfalls deutlich die Nachteile, und, wie man vielleicht merkt, bin ich mittlerweile ein echter Fan dieser Spielform.

Vielleicht ist diese Form des Rollenspiels ja auch etwas für euch. Vielleicht versucht ihr es einmal.

In diesem Sinne: Vivat Almada!

 

 

Artikelbilder: © Depositphots | Minervastock, Ulisses
Layout und Satz: Verena Kröger
Lektorat: Hendrik Pfeifer

 

 

Über den Autor

Benny Briesemeister ist im echten Leben Professor für Psychologie und nebenberuflich Unternehmensberater. Zum Rollenspiel kam er über Das Schwarze Auge, mittlerweile spielt er aber hauptsächlich im Almadaner Briefspiel und im LARP. Unter seinen Initialen BBB findet man ihn unter anderem im Briefspiel und in diversen Rollenspielforen.

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