Mit circa 50 Millionen Bewohner*innen war das Römische Reich die Supermacht der Antike. Insbesondere seinen Legionen ist es zu verdanken, dass sich Rom zu Hochzeiten von Britannien bis Ägypten erstreckte. Expeditions: Rome will diese Geschichte erlebbar machen. In der Rolle eines*einer Legions-Kommandant*in ringen wir für die Republik.
Nicht nur das antike Setting von Expeditions: Rome ist klassisch. Auch die Darstellungsform in der Iso-Perspektive (also schräg herabguckend) ist für klassische Rollenspiele die Form schlechthin. Das Entwicklungsstudio Logic Artists ist für seine Expeditions-Reihe bekannt und stattete bereits 2013 den Konquistadoren im 16. Jahrhundert sowie den Wikingern im 9. Jahrhundert einen Besuch ab.
Als Feldherr*in während der Spätphase der Römischen Republik werden mit einem eingeschworenen Trüppchen und der eigenen Legion exotische Schauplätze erkundet und in rundenbasierten, taktischen Kämpfen der ewigen Stadt einverleibt. Nebenher müssen die Legion instand gehalten und die Begleiter*innen gelevelt und ausgestattet werden.
Ähnlich wie der Beruf des*der Legat*in (die Person, die eine Legion anführt) ist auch das Spiel eine Vollzeitbeschäftigung für Hobbyzeitreisende.
Inhaltsverzeichnis
Setting – Vom Tellerwaschenden zum*zur Legat*in
Wir befinden uns im Jahre 74 v. Chr. Ganz Griechenland ist von den Römern besetzt. Ganz Griechenland? Nein! Die von unbeugsamen Griech*innen bevölkerte Insel Lesbos hört nicht auf, den Eindringlingen Widerstand zu leisten.
Zumindest zu Beginn. Denn unsere Aufgabe als Sohn eines ermordeten hochrangigen Senators ist es zum einen, die politischen Feinde der Familie zu überleben, und dann als Mündel des Konsuls Lucullus Griechenland wieder zu befrieden. Bereits in den ersten Spielstunden erleben wir den kometenhaften Aufstieg unserer Hauptfigur vom*von der Zuarbeitenden und Tribun*in hin zum*zur Legat*in, also zum*zur Heerführenden der Legio Victrix.
Gleichzeitig sind wir nicht nur für die Legionsorganisation zuständig, sondern erleben mit einer kleinen Held*innentruppe von „Speculatores“ (einer Art Spähtruppe der römischen Armee) Kämpfe, Abenteuer und Geschichte.
Die fünf einzigartigen Begleiter*innen, decken dabei die Vielfalt der römischen Republik ab und stammen aus allen Teilen jener Welt. Die unterschiedlichen Persönlichkeiten beeinflussen auch, wie auf die eigenen Entscheidungen reagiert wird.
Der hartgesottene und ehrliche Centurio Aquilinus mag es nicht, wenn wir uns arrogant geben, ist aber auch ein ziemlicher Hedonist und Partytier. Die Spionin Calida wiederum mag es, wenn wir hinterhältig agieren, und bevorzugt einen asketischen Lebenstil. Konflikte sind also vorprogrammiert.
Ähnlich wie eine damalige Legion wird auch die Victrix immer wieder verlegt, womit sich das Videospiel in die drei Kapitel Griechenland, Ägypten und Gallien gliedert.
Dabei kommt es ohne magische oder übernatürliche Elemente aus. Einige verschmerzbare Ahistorizitäten gibt es aber natürlich. So können wir offen als Frau eine Legion anführen, die Hauptfigur durch Wendungen in der Geschichte später eine Position wohl vergleichbar mit der Cäsars einnehmen.
Features
Die kämpfen, die Römer! – Questen, Gefechte und Konversation
Während sich unsere Hauptmissionen damit beschäftigen, Feldzüge durchzuführen, bieten die Nebenquests Abwechslung vom Strategema-Stress und kümmern sich um Charakterentwicklung. So wird mal der griechische Hausdiener mit seiner Vergangenheit als olympischer Athlet konfrontiert oder wir begeben uns auf die Suche nach einer Verflossenen des Gladiator-Begleiters Bestia Tabat.
Geschickt werden auch historische Charaktere in die Handlung eingewoben wie etwa König Mithridates von Pontos oder auch ein junger Julius Cäsar, der seine in Arbeit befindlichen Memoiren im Legionslager verlegt hat.
Neben den vollvertonten Dialogen mit einigen Entscheidungsmöglichkeiten, bietet das Spiel vor allem viele Kämpfe. Die vier Charakterklassen, aus denen wir in der kleinen Charaktererstellung (Geschlecht, Name, Aussehen) auswählen, sind: Princeps (Schwere Truppe), Veles (Attentäter*innen), Sagittarius (Bogenkämpfende) und der Triarius (Unterstützungseinheit). Sie kommen jeweils mit drei Unterklassen.
Die zahlreichen Fähigkeiten lassen dabei vergessen, wie gut das Spiel ohne magische Elemente auskommt. An deren Stelle rücken eine Vielzahl bekannter Statuseffekte wie „Brennend“, „Vergiftet“ oder „Blutend“.
Die Kämpfe sind rundenbasiert und legen besonderen Wert auf Terrain sowie Formation. So etwa bei den mit Gladius ausgerüsteten Legionären, die eine Attacke ausführen, die zusätzlich immer eine*n Gegner*in links vom Ziel trifft.
Kämpfe mit knapp 20 Kombattant*innen auf jeder Seite sind keine Seltenheit. Oft werden wir nämlich auch noch von KI-Legionären unterstützt. Insgesamt agiert die K.I. angenehm stark und die Kämpfe bleiben durchgehend fordernd.
Glücklicherweise beschränken sich die Kämpfe nicht dauernd auf ein völliges Ausmerzen des Feindes. Mal fungiert der eigene Trupp als Eskorte für einen Magistrat oder der eigene Charakter führt einen Überfall auf einen Hafen an, in welchem feindliche Schiffe verbrannt werden müssen.
Das Spiel verwendet häufig viele lateinische Fremdwörter. Einige werden erklärt, andere nicht. Dieser Mittelweg stellt vermutlich weder die Rom-Enthusiast*innen, für die Latein eine lebendige Sprache ist, noch die Antike-Neulinge, die im Sprachwirrwarr leicht überfordert sein können, zufrieden.
Expeditions: Rome GmbH & Co. KG –Legionsorganisation, Gruppenverwaltung und Kampagnenkarte
Um auf die erwähnten hohen Kämpfenden-Zahlen zu kommen, kümmern wir uns als sorgsame*r Legat*in nicht nur um unsere engsten Vertrauten, sondern außerdem um 12 Centurionen. Diese fungieren als vollkommen konfigurierbare Begleiter mit Ausrüstung und Persönlichkeit, aber ohne eigene Hintergrundgeschichte.
Ob dies unnötiges Micromanagment ist, oder zu einem „klassischen“ Rollenspiel dazu gehört, ist persönliches Empfinden. Das Gefühl (und der Stress), eine gesamte Legion von 4.800 Soldaten zu kommandieren kommt damit allemal auf.
Nicht nur die Legionäre wollen versorgt werden, auch das Lager will gepflegt und gehegt werden. Ressourcen wie Holz, Leder, Eisen oder Nahrung werden aus dem Umland der eroberten Städte herbeigeschafft. Damit können Gebäude gebaut werden, die bei der Rekrutierung oder der Moral helfen, wenn wir eine*n Prätorianer*in dort lassen.
Der innere Kreis unserer Legion ist ebenso beim Crafting-System behilflich. Hier werden aus gefundener Beute Schwerter, Speere und Schilde für das Grüppchen entwickelt.
Maximal vier der Centurionen führen außerdem die Victrix in die Schlacht und sorgen für Kriegsbeute sowie den Erhalt der Legion. Die Feldschlachten, etwa wenn wir feindliche Vorposten einnehmen, finden auf einer großen Kampagnenkarte statt.
Ein Gefecht besteht aus vier Schlachtphasen und reicht vom ersten Feindkontakt über besondere Ereignisse mittendrin hin bis zum blutigen Danach.
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Wir wählen zu Beginn jeder Phase aus einer Reihe von Kriegslisten aus, die verschiedene kleine Buffs und Debuffs geben (die z.B. die Moral der Männer oder das Verletzungsrisiko beeinflussen). Opfern wir ein Manipel, um keinen Grund zu verlieren, oder lassen wir die Formation fallen, um die Legionäre zu retten? Wird nach der Schlacht gefeiert, um die angeschlagene Moral der Legio Victrix zu steigern, oder der Feind unnachgiebig verfolgt, so dass er sich nicht mehr neu aufstellen kann?
Vom erzählerischen Standpunkt sind die Kriegslisten in Kartenform stimmig und überaus schön gestaltet, die etwas verwirrende Animation der sich bewegenden Truppenteile weniger.
Insgesamt bleiben die offenen Schlachten aber leider wenig offen. Am Ende gewinnt meist doch die Partei, die eine größere Armee aufbieten kann. Hier wäre mehr drin gewesen.
Umso schöner und offener ist die Kampagnenkarte. Ganze Provinzen sind in voller Größe abgebildet. Hier können Städte und wichtige Infrastruktur eingenommen und lebensnotwendige Ressourcen für die Held*innentruppe gesammelt werden. Unterteilt in Sektoren kann sich so vorgearbeitet, können aber auch Rückschritte erlebt werden, wenn der*die Feind*in einen Sektor zurückerobert. Dennoch bleibt die Karte oft unübersichtlich. Städte sind aufgrund ihrer Größe gut zu erkennen, aber die kleinen Dörfer mit Ressourcen sind schnell übersehen, dabei brauchen wir gerade die, um die Legion zu verbessern.
Sind wir nicht mit der Legion, sondern mit Eingeschworenen unterwegs, können wir über Zufallsereignisse stolpern, die sich mit Reisestrapazen (eine Trinkwaserquelle ist verunreinigt) oder für die Römer*innen fremden Bräuchen beschäftigen. Die Auswirkungen auf das große Ganze sind dabei minimal, es sorgt aber für ordentlich Atmosphäre.
Längere Questreihen finden auf eigenen Karten statt. Zu Beginn sollen wir beispielsweise einen Hohepriester des Apollon überzeugen, seine Truppen bei einer Belagerung des Mithridates abzuziehen. Das Gespräch auf dem farbenfrohen Tempelgelände verläuft nicht fruchtbar. Durch viele kleine Dialogfitzelchen von NSC finden wir nicht nur die Witwe des vorigen Hohepriesters (welcher vom Nachfolger ermordet wurde), sondern auch Hinweise, wie wir uns des neuen himmlischen Widersachers entledigen können. Eine Intrige wird gesponnen, welche die Vielfalt der Karte und seiner Charaktere gut nutzt.
Die goldene Harfe – Musik und Grafik
Grafisch macht Expeditions: Rome einiges her. Die zahlreichen Rüstungen und Waffen sind detailreich und bunt animiert. Kampfkarten ähneln sich selten, haben aber immer geografische Eigenheiten, spielen mit Licht und Schatten. Die Charakterporträts sind imposant, obgleich von popkulturellen Vorstellungen der Antike geprägt. So tragen auch viele einfache Legionäre oder Centurionen teures Tierfell.
Insgesamt wird die Farbenpracht der Antike aber treffend eingefangen. Wir besuchen große Tempelgebäude, bewacht von gerüsteten Hopliten mit Federbusch, verlassen Ruinen oder ägäische Küstenhöhlen voller Deserteure. All dies lässt im positivsten Sinne Erinnerungen an Assasins Creed: Odyssey oder Vorgänger Origins wachwerden.
Musikalisch ist Expeditions: Rome gleichermaßen solide. Die instrumentale Musik ist angenehm unaufdringlich, auf Trommelfell-Angriffe beim Abschließen von Quests wartet man hier vergebens. Zu bemängeln ist höchstens die fehlende Abwechslung. Im ersten Kapitel gibt es beispielsweise nur ein Musikstück für Kampf und eines für die Karte.

Die harten Fakten:
- Entwicklerstudio: Logic Artists
- Publisher: THQ Nordic
- Plattform: PC
- Sprache: Komplette deutsche und englische Texte sowie Sprachausgabe
- Mindestanforderungen:
- Betriebssystem: Windows 7, 10 (64-bit)
- Prozessor: AMD FX-8350 X8 / Intel i5-4690K
- Arbeitsspeicher: 8 GB RAM
- Grafik: AMD R9 380 4GB / GTX 960 4GB
- DirectX: Version 11
- Speicherplatz: 30 GB verfügbarer Speicherplatz
- Soundkarte: DirectX compatible
- Genre: Isometrisches Rollenspiel
- Releasedatum: 20.01.2022
- Spielstunden: 50++
- Spieler*innen-Anzahl: Singleplayer
- Altersfreigabe: FSK 16
- Preis:~ 45 EUR
- Bezugsquelle: Fachhandel, Steam, Amazon, idealo, MMOGA
Fazit
Expeditions: Rome ist ein gelungenes Rollenspiel der alten Schule. Die Karten sind mit Liebe zum Detail erstellt und schön anzuschauen. Ihr natürliches Aussehen sorgt dabei manchmal für etwas Sucherei nach wichtigen Orten.
Die vollvertonten Dialoge klingen flüssig und haben Wortwitz, wenn auch einen verhältnismäßig hohen Anteil lateinischer Fremdwörter. Der historische Aspekt ist gleichzeitig die größte Stärke des Spiels, aber auch für einige Besonderheiten verantwortlich, auf welche sich Spielende einlassen werden müssen.
Bei den Feldschlachten kommt im Gegensatz zu den großartigen taktischen, rundenbasierten Gefechten wenig Stimmung auf. Oft fühlt es sich so an als seien die Würfel bereits gefallen. Die Centurionen-Begleiter geben Kämpfen mehr Freiheiten und Sicherheiten, sorgen aber gleichermaßen für einen hohen Anteil an Micromanagment, welches auch beim Crafting-System vorhanden ist. Dafür ist die Menüführung sauber und übersichtlich, so dass die Organisation flüssig vonstattengeht.
Die Geschichte voller politischer Intrigen weiß im ersten Kapitel ebenfalls zu überzeugen, womit Expeditions: Rome ein launiges Spiel in einem unverbrauchten Setting bleibt, das seinen eigenen Weg geht.

- Lebendige Antike (Grafik, Karten, Ausrüstung)
- Zugängliche, große taktische Kämpfe
- Abwechslungsreiche Charaktere mit Hintergrundgeschichten
- Vertraut werden mit Begriffen, Tätigkeiten dauert etwas
- Kämpfe mit Legion eher Dreingabe
Artikelbilder: © Logic Artists /THQ Nordic
Layout und Satz: Roger Lewin
Lektorat: Susanne Stark
Screenshots: Jonas Krüger
Dieses Produkt wurde kostenlos zur Verfügung gestellt.


















