Geschätzte Lesezeit: 8 Minuten

Golem ist ein ganz schönes Schwergewicht – was Material und Komplexität anbelangt. Wir mehren unser Wissen, bauen Artefakte und kreieren natürlich die besagten Lehm-Menschen. Doch diese müssen auch kontrolliert werden. Also lasst uns die Murmeln rollen, um dem Golem Lebensatem einhauchen.

Prag in den 80ern des 16. Jahrhunderts: Antisemiten legten Kinderleichname vor eine Synagoge, um der jüdischen Bevölkerung blutige Ritualmorde zu unterstellen – das Pizzagate der frühen Neuzeit. Damals hatte der Rabbi Löw eine Eingebung: „Mache ein Menschenbild aus Ton, und Du wirst der Böswilligen Absicht zerstören.“

Für sein Golem-Rezept brauchte er die vier Elemente: Lehm für die Erde; er sah sich selbst als Wind, seinen Schwiegersohn als Feuer und seinen Lehrling als Wasser. Siebenmal um den Homunkulus herumgeschritten, den Begriff Wahrheit auf die Stirn geritzt, und der Golem öffnete die Augen und konnte den dunklen Machenschaften das Handwerk legen.

Viel los: Einiges an Material und noch mehr Symbole.
Viel los: Einiges an Material und noch mehr Symbole.

Im komplexen Euro-Game von Gigli, Brasini und Luciani bauen wir mit Lehm unsere eigenen Golems, die unsere Studierenden aber auch beherrschen müssen. Zudem kreieren wir aus Gold mächtige Artefakte und erlangen mit Wissen und Büchern Spielvorteile. In diesen drei Bereichen generieren wir in diesem Enginebuilder auf unterschiedliche Weise Siegpunkte, um das Spiel vielleicht für uns zu entscheiden.

Spielablauf

Inmitten der symbolgespickten Auslage ragt sie auf: die Synagoge mit den farbigen Murmeln. Sie erinnert uns in der zunächst gefühlten Unübersichtlichkeit an Potion Explosion. Dort zentrales Spielelement, dienen die farbigen Kugeln hier für zwei unserer drei Aktionen, die uns in den jeweils vier Spielrunden zur Verfügung stehen. Insgesamt spielen wir also jeweils nur zwölf Aktionen, die aber jeweils mehrere Effekte und teilweise auch Folgeaktionen nach sich ziehen, wie wir es von einem komplexen Euro gewohnt sind.

Der Synagogen-Kaugummi-Automat – nicht zubeißen!
Der Synagogen-Kaugummi-Automat – nicht zubeißen!

Die Reihen unter der Synagoge, in denen die Kugeln zum Liegen kommen, erlauben uns vor allem, die drei unterschiedlichen Aufbau-Bereiche zu bedienen, mit denen wir am Ende auch die meisten Siegpunkte holen. Diese haben unterschiedliche Effekte, funktionieren im Kern aber ähnlich. Sie haben jeweils eine eigene Währung (Lehm, Wissen, Münzen), und am Ende des Spiels multiplizieren wir die jeweils möglichen vier Ausbaustufen der drei Kategorien (Golems, Bücher, Artefakte) mit der Anzahl an Menora (siebenarmige Leuchter; finden wir vor allem auf Upgrades).

Die Aktionen – Tacheles oder Tinnef

Bücher-Sammeln (blau): Wir generieren Wissen, das als Währung für Forschungs-Aufwertungen und Bücher dient. Bücher bringen Einmal-Effekte, und gleichfarbige Bücher lösen Bonuseffekte von älteren Büchern aus.

Artefakt-Bau (gelb): Wir erhalten Münzen, mit denen wir Artefakt-Aufwertungen und Goldbarren erschaffen können. Die Artefakte kosten einen bis vier Goldbarren und generieren für künftige Runden weiteres Einkommen, gegebenenfalls durch Aufwertungen noch verbessert.

Golem-Kreation (rot): Wir sammeln Lehm und können damit dann Golem-Aufwertungen bzw. neue Golems bauen.

Wissen, Golem, Artefakte – drei Spielbereiche, die mit den Murmeln und Straßen korrespondieren.
Wissen, Golem, Artefakte – drei Spielbereiche, die mit den Murmeln und Straßen korrespondieren.

Mit der vierten Option können wir unsere Golems dann bewegen und auf den drei Straßen die in jedem Spiel zufällig generierten Extra-Aktionen auslösen. Aber hier müssen wir aufpassen, denn wenn die Golems weiter voranschreiten als unsere jeweiligen Studierenden, müssen wir die Differenz an Feldern in Wissen zahlen können, sonst hagelt es deftig Minuspunkte. Kommen unsere Akademiker*innen nicht hinterher, gibt es Aktionen, mit denen wir unsere Golems wieder in den ewigen Schlaf schicken, um auch dadurch Boni zu erhalten.

Neben den beiden Kugeln, mit denen wir auch die gleichfarbigen Studierenden bewegen dürfen und jede Runde Aufträge erfüllen können, haben wir aber auch noch den Rabbiner. Dieser wird ganz in üblicher Worker-Placement-Manier auf ein Feld einer jede Runde aktualisierten Aktions-Auslage für mächtigere Aktionen gesetzt.

Rechts die Rabbi-Aktionsplättchen, links die fünf Reihen der Murmelaktionen.
Rechts die Rabbi-Aktionsplättchen, links die fünf Reihen der Murmelaktionen.

Das Kugel-Schlamassel

Die Aktions-Kugeln gibt es zudem ebenfalls in drei Farben: rot, gelb und blau. Wähle ich die blaue, darf ich meine*n Student*in in der blauen Straße weiterbewegen, auf der es Wissenseinkommen und für den Golem wissensspezifische Aktionen gibt. Zudem gibt es auch jede Runde eine Charakterkarte, die mit Zusatzaktionen oder Gold lockt, wenn wir eine konkrete Kombination aus zweien von diesen Farben gesammelt haben. Weiße Murmeln dienen für die Aufträge als Joker, aber wir dürfen keine Bewegung auf der Straße machen; die schwarzen Kugeln hingegen helfen nicht bei den Aufträgen, aber wir dürfen zwei beliebige Studierende weitersetzen.

Doch nicht nur die richtigen Farben gilt es abzuwägen, denn es liegen ja auch je unterschiedlich viele Kugeln in jeder Aktionsreihe. Diese Anzahl gibt an, wie stark und/oder wie verbilligt ich diese Aktion machen kann.

Mit den Spielhilfen Phasen und Siegpunkte stets im Blick.
Mit den Spielhilfen Phasen und Siegpunkte stets im Blick.

Mazel tov?

Für ein Euro dieser Komplexität fügen sich die bunten Murmeln etwas holprig ins Gesamtspielgefüge, wobei sie letztlich nichts anderes sind als Würfel. Die Entscheidung, zunächst die persönlich beste Aktion mit dem Rabbiner zu sichern oder doch die möglichst mächtige Murmel-Aktion, mit der Farbe, die dem aktuellen Auftrag entspricht und mit der unser*e Student*in auch noch dem weggelaufenen Golem hinterherjagen kann, macht jede Aktion spannend. Damit wir dem Glück nicht zu sehr ausgeliefert sind, gibt es noch eine spannende zusätzliche Mechanik: Das Passen.

Interessante Passen-Mechanik, um dem Glück etwas entgegenzuwirken.
Interessante Passen-Mechanik, um dem Glück etwas entgegenzuwirken.

Die erste Person, die passt, erhält das Passen-Plättchen mit der „1“ und zwei zusätzlichen Murmelaussparungen. Wenn alle Spielenden fertig sind oder gepasst (und die jeweils höheren Plättchen erhalten) haben, entfernen sie eine Kugel und die verbleibenden werden neu geworfen und liegen nun vielleicht deutlich attraktiver. Es ist möglich, noch ein zweites Mal zu passen – mit dem gleichen Prozedere. Erst, wenn alle ihre drei Aktionen (zwei Murmeln plus Rabbi) gemacht haben, wird die Runde beendet.

Ausstattung

Die Schachtel von Golem ist mit den Spielkomponenten gut gefüllt, und somit nicht zu groß und nicht zu klein. Die Papp-Synagoge ist ein hübsches Gimmick und ebenso wie die Aktionsplättchen und Ressourcen-Token in angenehm wertiger Dicke. Viele bekannte Elemente des Judentums sind verarbeitet: neben der Synagoge sind dies Davidsterne als Siegpunkte, die Menora (siebenarmige Leuchter) als Multiplikatoren und die Rückseiten der Auftragskarten, welche die zehn Sephirot des kabbalistischen Weltenbaums zeigen.

Die Holzfiguren in den recht frischen Farben Pink, Mint, Orange und Hellgrau sind auch für Menschen mit Farbsehschwäche gut zu unterscheiden. Die drei Straßenzüge sind auch gut abgrenzbar. Dass allerdings die Aktions-Plättchen für den roten Weg grün sind, statt wie die anderen die gleiche Farbe besitzen, lässt vielleicht den Schluss zu, dass hier jemand mit Rot-Grün-Schwäche selbst die Farbauswahl getroffen hat. Noch mysteriöser ist es dabei nur, wie, inmitten der sonst stimmungsvoll düster-gedeckten Kolorierung, die Murmel-Farben aussehen, als wären sie frisch aus einem Kaugummi-Automaten der 80er Jahre gerollt.

Mint und Pink bringen Farbe in die düsteren Straßen Prags.
Mint und Pink bringen Farbe in die düsteren Straßen Prags.

Die Regeln des Spiels, bei dem es, wie so oft, vor allem darum geht, die Grundmechaniken und dann die vielen kleinen Symbole zu verstehen, sind gut strukturiert. Ganze fünf Seiten werden im Anhang allein der Erklärung einzelner Aktions- sowie Aufwertungsplättchen und Karten gewidmet. Um besser ins Spiel zu kommen, gibt es einen vereinfachten Aufbau fürs erste Spiel, um schneller zu starten und einen Startpunkt für unterschiedliche Spielstrategien vorzugeben. Wir empfehlen, diese Options fürs erste Spiel auch zu nutzen.

Die harten Fakten:

  • Verlag: Cranio Creations, Asmodee
  • Autor*in(nen): Virginio Gigli, Flaminia Brasini, Simone Luciani
  • Erscheinungsjahr: 2021(Englische Version), 2022 (Deutsche Version)
  • Sprache: Deutsch
  • Spieldauer: 90-120 Minuten
  • Spieler*innen-Anzahl: 1 2 3 4
  • Alter: 14+
  • Preis: ca. 60 EUR
  • Bezugsquelle: Fachhandel, Amazon , idealo

 

Ein Weg zum Ziel: Das Bücher-Sammeln für mächtige Kombo-Effekte.
Ein Weg zum Ziel: Das Bücher-Sammeln für mächtige Kombo-Effekte.

Bonus/Downloadcontent

Die Regeln können auf der Homepage von Asmodee heruntergeladen werden.

Fazit

Golem ist, wie sollte es anders sein, ein Schwergewicht. Die Menge der zu erlernenden Symbole wird nur von der Menge des Materials übertroffen, das auch bereits der Box eine ordentliche Schwere verleiht. Nach zwei bis drei Runden jedoch sind Symbole und Strategien erlernt, und es zieht uns nicht nur wegen des sehr modularen Aufbaus gern wieder zurück für ein dann gar nicht so langes Spielvergnügen, gemessen an der gefühlten Komplexität.

Wer die richtigen Murmeln wählt, darf am Rundenende die Charakter-Sonderaktion machen.
Wer die richtigen Murmeln wählt, darf am Rundenende die Charakter-Sonderaktion machen.

Allein der Aufbau bleibt durch die vielen allgemeinen und besonders die persönlichen, aufzuwertenden, also umzudrehenden Plättchen, wenn nicht schwer, dann doch langwierig. Die Mechaniken fügen sich zu einem großen Ganzen zusammen, das uns sukzessive mächtigere Aktionen ermöglicht, wenn unsere Golems erst weiter gehen, Artefakte uns zusätzliches Einkommen generieren und unsere Bücher uns kaskadische Boni bescheren.

Wie jedes gute, klassische Euro-Aufbau-Spiel ist es dann vorbei, wenn wir befriedigt sind, eine oder zwei der drei Spielbereiche gerade so finalisiert zu haben, um dann beim Punkte-Zählen oft erstaunlich nah beieinander zu enden. Golem ist gekommen, um zu bleiben.

  • Trotz Komplexität guter Einstieg
  • Hübsche Mechanik-Ideen, die sich im Material wiederfinden
  • Unverbrauchtes Thema
 

  • … aber viele zu lernende Symbole
  • Langwieriger Auf- und Abbau
  • Vorsicht, die Murmeln nicht mit Kaugummi verwechseln!

 

Artikelbilder: © Asmodee
Layout und Satz: Roger Lewin
Lektorat: Rick Davids
Fotografien: Daniel Hoffmann
Dieses Produkt wurde kostenlos zur Verfügung gestellt

Kommentieren Sie den Artikel

Bitte geben Sie Ihren Kommentar ein!
Bitte geben Sie hier Ihren Namen ein