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Der neue Arkham Tower sperrt Batmans gefährlichste und verrückteste Feinde mitten in Gotham City ein. Niemand glaubt daran, dass das wirklich gut geht. Doch wer soll Gotham retten, wenn es zur Katastrophe kommt, Batman aber unterwegs ist? In Panini Comics‘ Der Turm von Arkham schlägt die Stunde von Batmans Verbündeten.

Triggerwarnungen

Gewalt, Mord, Klischeehafte Darstellung von Wahnsinn, Sexuelle Gewalt, Machtmissbrauch in Psychiatrie

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Handlung

Das alte Arkham Asylum

Die Geschichte des Arkham Towers wurde schon vor längerer Zeit angedeutet. Traditionell fing Batman seine mehr oder weniger verrückten Schurk*innen und übergab sie der Polizei. Danach wurden die Verbrecher*innen entweder ins Blackgate Gefängnis oder in die psychiatrische Klinik „Arkham Asylum“ (benannt nach der fiktiven Stadt Arkham des Horrorauthors H.P. Lovecraft) gesteckt. Das Arkham Asylum entsprach dabei lange den negativsten Klischees über psychiatrische Kliniken, direkt aus den Berichten über das Bethlem Royal Hospital oder dem Film Einer flog über das Kuckucksnest. Das Gebäude sah aus wie ein gotisches Spukhaus, die Zellen der Insassen waren manchmal bloß vergitterte Löcher im Keller, die Pfleger*innen waren korrupte, Patient*innen misshandelnde Sadist*innen und die Behandlungsmethoden waren entweder unwirksam oder praktisch Folter wie übertriebene Anwendungen von Elektroschocktherapie, Fixierung oder Isolationshaft. Zu guter Letzt waren die Sicherheitsvorkehrungen vollkommen ineffektiv, die teils massenmordenden Schurk*innen konnten praktisch nach Belieben ausbrechen.

Der Arkham Turm und die Bat-Familie:  Einführung ohne Spoiler

Der neue Turm von Arkham strahlt über der Stadt. © Panini Comics
Der neue Turm von Arkham strahlt über der Stadt. © Panini Comics

Diese Zustände hielten viel zu lange an und fanden erst ein Ende, als das alte Arkham Asylum gesprengt wurde. Aber wohin mit den verrückten Schurk*innen? Der Psychiater Dr. Wear versprach mit dem Arkham Tower die Lösung aller Probleme. Mitten in Gotham City wurde ein Wolkenkratzer errichtet, in dem die modernste und fortschrittlichste psychiatrische Anstalt der Welt ihren Platz finden sollte. Zur Überraschung vieler Zweifler*innen konnte Dr. Wear sein Versprechen scheinbar wahr machen. Der Arkham Tower wurde gebaut, bezogen und selbst die gewalttätigsten Insass*innen waren plötzlich friedlich.

Bald häufen sich jedoch seltsame Ereignisse. Dr. Wear weigert sich, die Methode seiner Wunderheilungen zu erklären und spricht nur allgemein von neuen Therapien und Medikamenten. Der für die Medikamentenbeschaffung zuständige Dr. Ocean ist nie anzutreffen. Die Patient*innen sprechen alle auf die gleiche Art davon, sich an ihre alten Leben nur noch „wie als Film“ zu erinnern. Patient*innen und Pfleger im Turm leiden an Vergesslichkeit und unregelmäßigen Erinnerungslücken. Gleichzeitig beginnen die Partycrasher, eine wilde Straßengang, Gothams Straßen in nie dagewesenem Ausmaß mit Drogen zu fluten, was natürlich das Interesse von Pinguin, dem „Paten von Gotham“, weckt.

Die Wundertherapie kann wohl selbst die schlimmsten Schurken beruhigen © Panini Comics
Die Wundertherapie kann wohl selbst die schlimmsten Schurken beruhigen © Panini Comics

Da Batman zurzeit auf der anderen Seite der Welt mit der Batman Inc. beschäftigt ist, müssen also seine Freund*innen und Verbündeten den Fall übernehmen: die sogenannte Bat-Familie. Dazu gehören natürlich Batmans erster Sidekick Robin, der sich mittlerweile Nightwing nennt, die Hackerin Oracle, die beiden Batgirls Cassandra Cain und Stephanie Brown, die maskierte Rächerin Huntress und Batmans Cousine Batwoman.

Insgesamt ist Der Turm von Arkham eine gutgeschriebene, spannende und unterhaltsame Action-Geschichte, in der einmal die anderen Mitglieder der Bat-Familie ihre Fähigkeiten beweisen können.

 

Die Handlung vom Turm von Arkham: Achtung, leichte Spoiler

Turm von Arkham macht keinen Hehl daraus, dass der Arkham Tower dem Untergang geweiht ist. Das erste Kapitel beginnt mit der strahlenden Eröffnungsfeier des Turms, kontrastiert diese aber direkt mit Tag 24, an dem der Turm von SWAT-Einheiten belagert ist, in Brand steht und der tote Dr. Wear aus dem obersten Stockwerk fällt. Es geht also in der Geschichte nicht darum, ob der Arkham Tower klappen wird, sondern wie genau die Katastrophe zustande kommt, ähnlich wie in einem Katastrophenfilm, wo klar ist, dass das Erdbeben oder die Flutwelle kommt, aber nicht, wie die Held*innen sich retten. Die Geschichte wird mit Zeitsprüngen erzählt, da immer wieder Rückblenden und Vorblenden Details zu den Vorgängen und Figuren offenbaren.

Nach einem schlimmen Erlebnis geht Huntress undercover als Patientin. © Panini Comics
Nach einem schlimmen Erlebnis geht Huntress undercover als Patientin. © Panini Comics

Es wird schnell klar, dass Dr. Wear sich zu viel vorgenommen hat und wie in einer klassischen Tragödie an seinem Hochmut scheitert. Die Partycrasher haben den Tower schon ins Visier genommen und das Personal infiltriert, um Medikamente als Drogen zu stehlen, was wiederum die Mafia vom Pinguin auf den Plan gebracht hat. Die Gutachterin des Bürgermeisters für das Projekt, Dr. Meridian Chase (Nicole Kidmans Rolle im Film Batman und Robin), hegt Zweifel an Dr. Wears Wunderheilmethoden, die doch nicht so unfehlbar sind, und die Patient*innen erweisen sich einfach als zu gefährlich. Trotzdem ist es spannend zuzusehen, wie Dr. Wear versucht, auf dem schmalen Grat der Katastrophe zu balancieren und sein Projekt zu retten, bis das Unausweichliche passiert und die Insassen den Turm übernehmen.

An dieser Stelle wechselt die Geschichte, verständlicherweise, von einem Thriller zu einer Action-Geschichte. Ein Teil der Bat-Familie hatte den Turm bereits infiltriert, die anderen müssen die Notfall-Abriegelung durchbrechen, um Chaos und Gewalt im Turm zu beenden. Auch dieser Teil ist sehr unterhaltsam und spannend, mit ein paar überraschenden Auftritten. Der Turm von Arkham ist, wie oben erwähnt, eine spannende Genre-Geschichte, die im Thriller-Modus die Spannung aufbaut, die sich schließlich im coolen Action-Finale entlädt. Nur ein Aspekt des Endes ist etwas enttäuschend:

Enttäuschendes am Ende

In letzter Sekunde kehrt Batman zurück, um den Kampf zu beenden. Das ist schade, da der Band ansonsten endlich einmal der die anderen Held*innen von Gotham City ins Scheinwerferlicht stellt … bis Batman das in letzter Sekunde wieder an sich reißt. Außerdem ist es etwas ärgerlich, da er der Bat-Familie quasi den verdienten Ruhm stiehlt. Die anderen haben schließlich ermittelt, gearbeitet, gekämpft, und sich der Herausforderung gestellt. Bis Batman aus dem Nichts auftaucht, um wieder einmal die Lorbeeren zu ernten. 

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Eine Anmerkung zu Batmans „verrückten“ Gegner*innen

Die Verbindung von Batman mit „verrückten“ Gegenspieler*innen ist neuer, als wahrscheinlich die meisten denken. Selbst der Joker, der heutzutage als ikonisches Beispiel eines wahnsinnigen Superschurken gilt, war genau wie Batmans andere Feind*innen: ein extravaganter Verbrecher mit ungewöhnlichem Look und einer Vorliebe für ausgefallene Diebstähle. In den Comics galt er tatsächlich erst seit Anfang der 1970er als verrückt, nach einem Soft-Reboot durch Denny O’Neill und Neal Adams.

Die Patient*innen im Turm nehmen ihre Erinnerungen wie als Filme wahr. © Panini Comics
Die Patient*innen im Turm nehmen ihre Erinnerungen wie als Filme wahr. © Panini Comics

Diese Neuerfindung des Jokers war damals so erfolgreich, dass bald alle von Batmans Verbrecher*innen als verrückt galten und statt im Gefängnis im neu erfundenen Arkham Asylum landeten. Der Riddler erhielt einen psychischen Zwang, Hinweise in seinen Rätseln zu hinterlassen. Poison Ivy begann, sich für eine Pflanze zu halten und die komplette Tierwelt ausrotten zu wollen. Two-Face wurde zu einer gespaltenen, mit sich selbst streitenden Persönlichkeit, statt bloß auf zufällige Münzwürfe zu vertrauen. Mad Hatter dachte, er lebt in der Geschichte von Alice im Wunderland. Spätestens seit den frühen 90ern war damit etabliert, dass Batmans Feind*innen „verrückt“ sind.

„Verrückt“ steht hier absichtlich in Anführungszeichen. Batmans Feind*innen sind keine realistischen Darstellungen von Leuten mit psychischen Problemen. Es gibt Superheld*innen-Geschichten, die versuchen, psychische Probleme authentisch darzustellen. Bei Batman finden sich aber fast ausschließlich popkulturelle Klischees von „Verrücktheit“. Wie diese Darstellungen und die Kriminalisierung von psychischen Störungen zu werten ist, wird in vielen Artikeln und dem Fandom stark diskutiert. Auf jeden Fall sollte man sich bewusst sein, dass die „verrückten“ Verbrecher*innen aus Batman nichts mit echten Leuten mit psychischen Problemen zu tun haben.

Charaktere

Die Bat-Familie bespricht die Vorgänge um den Arkham-Turm. © Panini Comics
Die Bat-Familie bespricht die Vorgänge um den Arkham-Turm. © Panini Comics

Der Turm von Arkham erzählt aus den Blickwinkeln von vielen Figuren. Am interessantesten für diesen Comic, da er eine tragende Rolle spielt, ist Dr. Wear. Wie oben erwähnt, versucht er ein großes Projekt zu führen, bei dem er sich aber etwas übernommen hat, was zu einem tragischen Ausgang führt.

Als angenehme Abwechslung spielt hier einmal die Bat-Familie die Hauptrolle und nicht nur die Nebenrolle als Batmans Helfer*innen. Barbara Gordon, die Tochter des Polizeichefs Gordon, war zu ihrer Zeit einmal Batgirl. Nach einer schweren Verletzung erfand sie sich aber als Superhackerin Oracle neu. Als Oracle hält sie nicht nur den Überblick über alles, was in Gotham City passiert, sondern koordiniert, plant und unterstützt auch ihre verbündeten Held*innen.

Nightwing war, wie oben erwähnt, der allererste Robin. Als er erwachsen wurde, ging er jedoch seine eigenen Wege und wurde eben zu Nightwing. Der Anführer des Superteams Titans wird in den Geschichten oft als ein freundlicherer, nahbarerer Nachfolger von Batman dargestellt. Hier schleicht er sich als Hausmeister in den Turm ein.

Batgirl Cassie, Batgirl Steph und Batwoman (in rot) nach einem erfolgreichen Einsatz © Panini Comics
Batgirl Cassie, Batgirl Steph und Batwoman (in rot) nach einem erfolgreichen Einsatz © Panini Comics

Cassandra Cain und Stephanie Brown sind beide Batgirls, durch ihre verschiedenen Outfits und Charaktere aber kaum zu verwechseln. Cassie trägt einen schwarzen Anzug mit verdecktem Mund. Als Kind wurde sie von ihrem Vater zur Killerin trainiert, floh aber nach Gotham und wurde zur schweigsamen Heldin. Stephanie Brown ist ebenfalls die Tochter eines Superschurken, bekämpfte ihren Vater aber auf eigene Faust, bis die Bat-Familie zu ihrer Unterstützung kam. Sie fällt gerne durch ihr freches Mundwerk auf und trägt einen lila Bat-Anzug. Die beiden wachen von außen über den Turm.

Kate Kane ist Bruce Waynes/Batmans Cousine. Sie studierte erfolgreich an der Militärakademie West Point, bis sie als Lesbe unehrenhaft entlassen wurde. Seit sie nach Gotham zurückkehrte, nutzt sie ihre Fähigkeiten als Batwoman in einem Kostüm mit langer roter Perücke, um gegen das Verbrechen zu kämpfen. Sie lässt sich undercover als Psychiaterin „Dr. Frow“ im Arkham Tower anstellen.

Helena Bertinelli kommt als Verbrecherjägerin Huntress immer wieder mit dem Rest der Bat-Familie in Konflikt, da sie zu brutalerer Gewaltanwendung neigt. Trotzdem steht sie letztlich auf derselben Seite. Sie hat sich als Patientin in den Arkham Tower eingewiesen, leidet aber tatsächlich unter psychischen Visionen durch eine Infektion durch mutierte Parasiten.

Zeichenstil

Die ersten vier Kapitel wurden von Ivan Reis illustriert, der in einem realistischen, detaillierten Stil arbeitet. Die Seiten sind überwiegend dunkel gehalten, oft mit großen Splashpanels, und die unregelmäßig angeordneten Panels verstärken die Spannung, insbesondere in den Rückblenden und Szenen im Arkham-Turm. Die Figuren und Räume sind lebensecht dargestellt, was visuell einen starken Einstieg in die Geschichte bietet.

Dr. Meridian forscht nach. © Panini Comics
Dr. Meridian forscht nach. © Panini Comics

Kapitel fünf bis acht wurden von Max Raynor gezeichnet, dessen Stil dem von Reis ähnelt, aber heller und strukturierter ist. Raynor verzichtet auf die dunklen Hintergründe und setzt mehr auf thematische Farben, wie Rot oder Blau, um Stimmung zu erzeugen. Körper und Gesichter sind etwas stilisierter und kantiger, besonders in Actionszenen, was den Unterschied zu Reis deutlich macht, obwohl Raynors Zeichnungen im Genre-Standard liegen.

Die letzten vier Kapitel stammen von Amancay Nahuelpan, dessen Stil deutlich stilisierter ist mit eckigen Körpern und Gesichtern sowie ungewöhnlichen Perspektiven. Trotzdem passt seine Arbeit gut zur Geschichte, da sie den actiongeladenen Höhepunkt untermalt. Insgesamt ergänzen sich die verschiedenen Stile der Zeichner harmonisch und tragen zur düster-realistischen Atmosphäre des Comics bei, ohne die Lesenden aus der Handlung zu reißen.

Erscheinungsbild

Wie von Panini gewohnt, ist der Sammelband hervorragend gedruckt und fest gebunden. Bei der Verarbeitung gibt es nichts zu beanstanden, sie ist vollkommen zufriedenstellend. Das Cover mit den realistisch gemalten Portraits der Bat-Familie sieht sehr ansprechend aus und verleiht dem Genre-Werk einen Hauch Realismus.

Die harten Fakten:

  • Verlag: Panini Comics
  • Autor*in(nen): Mariko Tamaki
  • Zeichner*in(nen): Amancay Nahuelpan, Ivan Reis, Max Raynor
  • Erscheinungsjahr: 2024
  • Sprache: Deutsch
  • Format: Paperback
  • Seitenanzahl: 300
  • Preis: 35 EUR
  • Bezugsquelle: Fachhandel, Amazon, idealo, Panini

 

Bonus/Downloadcontent

Am Ende des Comics ist eine Cover-Galerie der amerikanischen Einzelhefte.

Fazit

In Batman – Der Turm von Arkham versucht der Psychiater Dr. Wear, das alte Arkham Asylum durch einen modernen Wolkenkratzer zu ersetzen. Mit seinen Wundermethoden will er Batmans psychisch gestörte Feind*innen gesund machen. Ein mutiges Vorhaben, das allerdings zur Katastrophe führen könnte. Außerdem ist Batman nicht in der Stadt, also müssen seine Verbündeten, die „Bat-Familie“, diesmal alleine Gotham beschützen.

Der Großteil von Der Turm von Arkham ist ein spannender Thriller, bei dem Batmans Verbündete zeigen können, was in ihnen steckt. Sie sind mehr als bloße Sidekicks und Helferlein, sondern selbst starke und erfahrene Superheld*innen, die keinen Bat-Vater brauchen, der ihnen über die Schulter guckt. Es ist eine angenehme Abwechslung, dass die Bat-Familie, von Nightwing über Batwoman und Batgirls bis zu Huntress, eine Chance bekommen, sich mal so zu beweisen – und das auch noch mit einer guten und spannenden Action-Thriller-Story.

Für 35 EUR bietet Panini hier einen extradicken Sonderband mit einer spannenden Geschichte um einen Teil der Batman-Welt, der sonst leider etwas vernachlässigt wird. Wer Comics im Batman-Stil mag, aber nicht immer nur denselben alten Mitternachtsdetektiv sehen muss, findet hier eine tolle Abwechslung zu einem angemessenen Preis.

  • Tolle Thriller-Action-Story
  • Realistisch-düstere Zeichnungen
  • Die ganze Bat-Familie in Aktion

 

  • Geradlinig vorhersehbar
  • Ende enttäuscht etwas

Artikelbilder: © Panini Comics, DC Comics
Layout und Satz: Kai Frederic Engelmann
Lektorat: Gloria Puscher

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