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Captain America: Brave New World ist der erste Cap-Film mit Sam Wilson als neuem Captain America. Ein Anschlag auf den US-Präsidenten verwickelt den neuen Cap und Falcon in eine Verschwörung. Kann Brave New World damit an den Agententhriller Captain America: Winter Soldier anknüpfen, der als einer der besten MCU-Filme gilt?

Captain America: Brave New World hat keine einfache Aufgabe vor sich. Es ist der bereits fünfte Film in der Phase 5 des Marvel Cinematic Universe, sowie der vierte Captain America-Teil. Dazu soll er Elemente aus Der unglaubliche Hulk (2008) und Eternals (2021) fortsetzen, die Disney+ Serie The Falcon and the Winter Soldier (2021) nicht zu vergessen. Als wäre das nicht genug Vorgeschichte ist es auch der erste MCU-Film, in dem eine neue Person in das Kostüm einer altbekannten Heldenfigur schlüpft. Was in den Comics gang und gäbe ist, kann für die Filme zur Bewährungsprobe werden. Der erste Captain America, Steve Rogers, wurde von Fanliebling Chris Evans gespielt, der in Avengers: Endgame (2019) seinen berührenden Abschied nahm und seinen Schild und die Rolle als Captain America an Freund Sam „Falcon“ Wilson übergab.

Und über allem schwebt natürlich noch das Schreckgespenst der „Superheldenmüdigkeit“. Seit über zwei Jahrzehnten wird immer wieder prophezeit, dass das Publikum Superheld*innen satt hätte – ist es jetzt tatsächlich soweit? Diese Frage werden nur die Einspielergebnisse beantworten können. Ob es sich aber lohnt, Captain America: Brave New World anzuschauen, könnt ihr hier lesen.

Triggerwarnungen

Gewalt

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Story

Zu Anfang des Films scheint Sam Wilson (Anthony Mackie) in seiner neuen Rolle als Captain America voll aufzugehen: Mit seinem neuen Partner Joaquin Torres (Danny Ramirez) stoppt er Terroristen, rettet Nonnen und holt gestohlenes High-Tech-Diebesgut zurück. Zur Belohnung wird er von Präsident Thaddeus „Thunderbolt“ Ross (Harrison Ford) ins Weiße Haus eingeladen, wo Präsident Ross für ein internationales Abkommen wirbt. Die „Celestial Island“, die im Finale des Films Eternals entstand, beherbergt Ressourcen, die sogar die von Wakanda übertreffen. Ross will diese zusammen mit Frankreich, Japan und Indien gleichermaßen der ganzen Welt zugutekommen lassen und bittet Captain America um seine Unterstützung.

Die Gala wird jedoch durch einen Anschlag auf den Präsidenten unterbrochen, der alles ins Ungewisse stürzt. Das Abkommen droht auseinanderzubrechen und Präsident Ross droht die Kontrolle zu verlieren. Früher, als General, bekämpfte er den Hulk und sorgte später als US-Außenminister auch dafür, dass das Sokovia-Abkommen Wesen mit Superkräften unter strenge staatliche Kontrolle stellte. Das führte in The First Avenger: Civil War (2016) zum Ende des Avenger-Teams und brachte Sam Wilson ins Gefängnis. Hat Ross sich wirklich geändert, oder waren die Friedensangebote an die Welt und Captain America nur vorgetäuscht? Sam Wilson versucht währenddessen die Hintergründe des Attentats aufzudecken und muss sich dabei der Frage stellen, ob er wirklich in die Fußstapfen von Steve Rogers treten kann oder die Herausforderungen der Captain America-Rolle doch zu groß für ihn sind. Und natürlich endet die Verschwörung nicht mit einem Attentat, sondern wird aus den Schatten zu Größerem geleitet…

Welche Vorkenntnisse braucht ihr?

Dafür, dass Captain America: Brave New World der 35. MCU-Film ist, erfordert er erstaunlich wenig Vorkenntnisse – wobei mehr natürlich nie schaden. Die folgenden Titel helfen definitiv dabei, alle Nuancen von Brave New World zu verstehen:

Unbedingt:

The First Avenger: Civil War (2016) – Hier hat Thaddeus Ross, damals noch als Außenminister, seinen großen Auftritt, der die nächsten Jahre des MCU prägen sollte. Das Sokovia-Abkommen, seine Abneigung zu Superheld*innen, die persönliche Auseinandersetzung mit Captain America, all das hat hier seine Wurzeln. Außerdem zeigt es Sam Wilson, wie er damals noch als Falcon mit dem ersten Captain America, Steve Rogers, zusammenarbeitete und seine Buddy-Cop-Dynamik mit Bucky, dem Winter Soldier, entwickelte.

The Falcon and the Winter Soldier (2021) – Der direkte Vorläufer von Brave New World. Sam Wilson und Bucky, die besten Freunde des mittlerweile verstorbenen Steve Rogers, ringen um sein Erbe als Captain America. Außerdem werden hier Isaiah Bradley und sein Enkel Elijah Bradley eingeführt. Isaiah spielt eine wichtige Rolle für Sam Wilsons Auffassung davon, was Captain America sein soll und bedeutet. In Brave New World wird das aber leider nicht genug erklärt.

Hilfreich:

Der unglaubliche Hulk (2008) – Hier finden die Ereignisse statt, die Thaddeus Ross und die Ereignisse von Brave New World ursprünglich in Gang setzten. Besessen von der Jagd auf den Hulk überschreitet Ross moralische Grenzen, die bis heute schwere Folgen nach sich ziehen.

Nicht notwendig:

Eternals (2021) – In den letzten Jahren war eine der größten Fragen der MCU-Fans, was das Finale von Eternals für den Rest der Welt bedeutete. Dort entstand im Indischen Ozean nämlich eines Tages eine neue Inselgruppe, in Form eines Kopfes und zweier Hände, die aus dem Meer ragen. Eternals erklärt natürlich genau, was es damit auf sich hat. Der Witz dabei ist aber, dass der Rest der Welt keine Ahnung von dem allen hat. Wer also in Brave New World das erste Mal von dem neuen „Celestial Island“ hört, dessen Ressourcen ausgebeutet werden, weiß damit genau so viel wie alle Figuren in der Story, von Captain America bis Thaddeus Ross. Mehr ist für den Film also eigentlich nicht nötig. Wer gerne mehr weiß als die Charaktere, kann Eternals aber gerne auf „hilfreich“ aufstufen.

Darsteller*innen

Die Hauptrolle hat natürlich Anthony Mackie als Sam Wilson/Captain America inne. Mackie macht sich hier sehr gut und hat sich vor allem im Vergleich zu der The Falcon and the Winter Soldier-Serie extrem gesteigert. Er spielt einen grundsätzlich sympathischen Helden, der selbstbewusst ist, ohne arrogant zu wirken, aber auch nachvollziehbare Zweifel hat, ohne weinerlich zu wirken. Im Vergleich zu Chris Evans Steve Rogers/Captain America I wirkt Wilson auch körperlich verletzlicher. Er hat kein Supersoldatenserum, das ihm Superkräfte verleiht und muss mit „nur“ einem Überschalljetpack mit kugelsicheren Flügeln und Roboterdrohnen auskommen. Das klingt immer noch sehr übertrieben, aber in Kampfszenen wirkt Wilson mehr wie ein Underdog, der sich mit Können und Beharrlichkeit durchboxt, als der oft allzu überlegene Steve Rogers.

Der Figurenwechsel zieht natürlich eine Neuausrichtung des Films mit sich. Steve Rogers lag von 1945 bis 2011 buchstäblich auf Eis, entsprechend hatten seine Filme als Thema Versuche, eine verlorene Vergangenheit wieder in die Gegenwart zu holen. Die Vergangenheit der Figuren spielt auch in Brave New World eine wichtige Rolle. Letztlich geht es hier aber darum, wie man die Vergangenheit bewältigen kann, um in eine bessere Zukunft aufzubrechen.

Danny Ramirez spielt Joaquin Torres, den Partner von Captain America. Torres erschien das erste Mal in der Falcon and Winter Soldier-Serie als Airforce-Soldat. Mittlerweile ist er zum neuen Falcon geworden und leistet außerdem noch die üblichen Hacker-Dienste für den Helden. Außerdem ist der jugendlich-übermütige Torres für den Großteil des Humors zuständig, von dem es in Brave New World aber viel weniger gibt als sonst bei Marvel. Das leistet Ramirez zufriedenstellend, ohne besonders herauszustechen. Aber auch Mackie fing einst als Falcon an und hat einige Filme gebraucht, um sich zu steigern.

Harrison Ford spielt Präsident Thaddeus „Thunderbolt“ Ross, dem überraschend viel Platz eingeräumt wird – man könnte Ross den zweiten Protagonisten des Films nennen. In den vorherigen Auftritten wurde Ross von William Hurt gespielt, der 2022 verstarb. Ford orientiert sich nicht besonders an Hurts Darstellung des Karriere-Militärs, der in die Politik ging. Wirklich sympathisch wird Ross nicht, doch Ford schafft es immerhin, ihn als zerrissene Figur darzustellen, bei der man selbst zweifelt, ob er sich wirklich geändert hat.

Eine außerhalb des Films stark umstrittene Rolle ist die von Shira Haas gespielte Ruth Bat-Seraph. In den Comics ist das die israelische Superheldin/Mossad-Agentin Sabra, was im amerikanischen Raum medial stark kritisiert wurde, vor allem seit wiederraufflammen des Gaza-Konflikts 2023. Im Film ist Bat-Seraph zwar in Israel geboren, wurde aber zu einer russischen Black-Widow-Agentin, die jetzt für den US-Präsidenten arbeitet. Haas spielt sie als trocken, ernst und grimmig, was sie leidlich schafft. Viel Gelegenheit, um sich in die eine oder andere Richtung auszudrücken, hatte sie hier nicht.

Inszenierung

Im Laufe der Zeit haben sich die verschiedenen Filmreihen des MCU auf unterschiedliche Subgenres spezialisiert. Guardians of the Galaxy sind zum Beispiel Science-Fiction-Filme, Thor Fantasy, und seit Winter Soldier sind die Captain America-Filme Agentenfilme. Das gilt auch für Brave New World. Vor allem die erste Hälfte bis zwei Drittel des Films sind ganz im Stile klassischer Polit- und Agententhriller gedreht. Visuell verbreiten gedeckte Farben mit viel Blau- und Grauanteil eine gedrückte Stimmung. Enge Sets und viele Nahaufnahmen, auch aus ungewöhnlichen Winkeln, vermitteln einen leicht klaustrophobischen, ängstlichen Unterton. Niemand scheint vertrauenswürdig und überall lauern Geheimnisse, versteckte Absichten und Manipulationen. Dieser Teil ist wirklich gut gemacht und kann mit Winter Soldier mithalten.

Zum Finale ändert sich das leider etwas. Die Bilder wirken weiter und heller, in Außenflächen, und es mündet natürlich in große Actionszenen. Das ist an sich nichts schlechtes, ein James Bond oder Jason Bourne endet schließlich auch nicht ohne Actionfeuerwerk, von Mission: Impossible ganz zu schweigen. Die Actionszenen sind auch nicht schlecht gemacht. Vor allem bei den Nahkämpfen sind die soliden Choreographien mit ruhiger Kamera klar eingefangen. An hohe Standards wie von John Wick, The Raid oder auch Deadpool 2 kommt Brave New World zwar nicht heran, liegt aber deutlich vor so einigen anderen MCU-Filmen mit nicht-Superheld*innen-Konkurrenz.

Trotzdem geht dadurch gegen Ende die davor dichte Atmosphäre leider verloren. Die Auflösung schwächelt auch durch eine gewisse sentimentale Naivität, die an sich in Ordnung wäre, hier aber nicht ganz zu der düsteren Verschwörungsstimmung davor passt.

Das CGI ist größtenteils in Ordnung, vor allem der Red Hulk konnte überzeugen. Ansonsten werden geübtere Augen sich wahrscheinlich nicht täuschen lassen, dass Flugzeuge, Schiffe, und so fort wirklich echt wären. Aber wie viele Filme können noch wirklich täuschen? Auf jeden Fall haben die Tricks gut funktioniert und einen nie aus dem Film gerissen.

Erzählstil

Wie erwähnt ist der Großteil des Films im Stil eines Agententhrillers gehalten. Captain America und Falcon geraten zwischen die Fronten einer mysteriösen Verschwörung, sind von allen Seiten bedroht und können kaum jemand vertrauen. Fast alles wird durch Captain America erzählt, mit nur wenigen Szenen anderer Figuren. Vor allem ist das Präsident Ross, der dadurch als zweite Hauptfigur erscheint, deren Sicht der von Captain America widerspricht. Die beiden handeln gegeneinander und geraten in Konflikt, was aber letztlich zu einer geradlinigen Handlung von Aktion und Reaktion führt. Die Spannung bleibt trotzdem erhalten, genauso wie das Mysterium um die Verschwörung. Gerade durch Ross erhalten Zuschauende Hinweise, die auf die Hintergründe weisen.

Die politische Positionierung des Films schwächelt auf der Zielgeraden aber etwas. Glücklicherweise nicht so schlimm bei wie Sam Wilsons berüchtigter, inhaltsleerer „Do Better“ Abschlussrede aus der The Falcon and the Winter Soldier-Serie. Aber Captain America: Brave New World nimmt sich nun einmal eine Geschichte vor, die sich um das Weiße Haus, den US-Präsidenten, internationale Abkommen, „Realpolitik“ mit Spionen und die Leichen im Keller der Macht dreht. Gerade bei den aktuellen Welt- und US-politischen Entwicklungen fällt es auf, dass hier doch so wenig dazu kommentiert wird. Marvel und Disney hätten ja keinen Film machen müssen, der so viele Themen anstreift und ins Spiel bringt, ohne etwas damit zu machen.

Natürlich erwarte ich keinen Michael Moore-Film von Marvel. Aber zum Beispiel hat The Suicide Squad (2021) demonstriert, dass auch „nur“ ein Superheld*innenfilm trotzdem eindeutige Positionen beziehen kann. Ironischerweise, da eigentlich ja Marvel von den 60ern bis in die 70er in ihren Comics starke politische Positionen vertraten, während DC sich ganz unbedarft neutral gab.

Die harten Fakten:

  • Regie: Julius Onah
  • Darsteller*in(nen): Anthony Mackie, Harrison Ford, Tim Blake Nelson, Danny Ramirez, Giancarlo Esposito, Shira Haas, Liv Tyler, u.v.m.
  • Erscheinungsjahr: 2025
  • Sprache: Englisch (Rezension)
  • Format: Kinofilm (2D/3D), Länge 118 Minuten
  • Preis: Übliche Kinoticketpreise

 

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Weitere Informationen

Bonus/Downloadcontent

Es gibt eine Post-Credit-Szene, ganz am Ende der Credits. Im Vergleich zu vielen anderen der berühmten MCU-Post-Credit-Szenen ist diese aber weder sonderlich witzig noch bereitet sie viel vor.

Fazit

Captain America: Brave New World ist ein Film, der vor vielen Herausforderungen stand: Einen neuen Captain America einführen, alte, bis zu 17 Jahre alte Handlungsfäden aus anderen Filmen und Serien zu Ende führen, und als mittlerweile 35. MCU-Film die Reihe weiterführen. Insgesamt hat Brave New World diese Aufgaben gemeistert. Dazu wurde sich zugegeben sehr deutlich an Winter Soldier orientiert, dem zweiten Captain America-Film. Aber der gilt als einer der besten Marvel-Filme, also warum sich nicht bei den Besten bedienen? Beides sind relativ düstere Agententhriller, bei denen eine Verschwörung bis in die höchsten Kreise der US-Regierung führt.

Brave New World hat aber trotzdem eine eigene Identität. Anthony Mackie schafft es, Sam Wilson als überzeugenden neuen Captain America zu etablieren, der seine eigene Identität abseits von Steve Rogers hat. Harrison Ford als Präsident Ross bietet dazu einen interessanten Gegenpart: Captain America gegen Präsident von Amerika. Die Nebenfiguren bleiben dafür etwas schwach, aber die Handlung ist spannend erzählt und die Action cool inszeniert. Gegen Ende verliert der Film ein wenig sein Agenten-Flair und wirft mehr politische Fragen auf, als er beantworten will. Er ist also keineswegs perfekt, aber trotzdem ein guter und unterhaltsamer Film, der sich zu schauen lohnt.

  • Spannender Agenten-/Politik-Thriller
  • Solide choreografierte Kämpfe
  • Viele offene Fäden aufgenommen
 

  • Finale wird durchschnittlicher
  • Politisch und emotional nicht ganz durchdacht

 

 

Artikelbilder: © Marvel Studios
Layout und Satz: Roger Lewin
Lektorat: Nina Horbelt
Dieses Produkt wurde kostenlos zur Verfügung gestellt.

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