Nerd Girl Magic von Simoné Goldschmidt-Lechner ist ein leidenschaftliches, analytisches und zugleich sehr persönliches Buch über die Nerd- und Geek-Kultur. Die Autorin untersucht, wie Fandom aus nicht-weißer, nicht-männlicher Perspektive funktioniert. Und wie marginalisierte Menschen Popkultur nicht nur konsumieren, sondern aktiv verändern.
Mit Nerd Girl Magic legt Simoné Goldschmidt-Lechner ein populäres Sachbuch vor, das genau zur richtigen Zeit erscheint. Es ist eine kluge, persönliche und längst überfällige Auseinandersetzung mit Fandom aus marginalisierter Perspektive, die die Frage danach stellt, wer in diesen Welten überhaupt sichtbar sein darf.
Das Buch rückt jene ins Zentrum, die im klassischen Nerd-Kanon kaum vorkommen: FLINTA, queere Menschen, BIPoC, neurodivergente und „working class“ Von Sailor Moon über Buffy, Star Trek und The Expanse bis zu K-Pop und Pro-Wrestling verfolgt Nerd Girl Magic, wie marginalisierte Perspektiven die Popkultur geprägt haben und wie Gatekeeping, Sexismus und Rassismus diese Einflüsse zugleich unsichtbar machten.
Inhaltsverzeichnis
Story
In vierzehn Kapiteln kartiert Nerd Girl Magic die vielfältigen Räume der Nerd-Kultur. Simoné Goldschmidt-Lechner verbindet theoretische Reflexion mit autobiografischen Eindrücken und zeichnet so ein komplexes Bild davon, wie Fandom für marginalisierte Menschen zu einem Ort des Widerstands und der Selbstfindung werden kann.
Die Autorin zeigt über die Kapitel hinweg, wie marginalisierte Fans eigene Narrative entwickeln, Figuren umdeuten oder ganze Welten neu besetzen. Im Kapitel über DSA-Geschichten widmet sich Goldschmidt-Lechner der Debatte um die Mitautor*innenschaft von James A. Sullivan an Die Elfen. Die Diskussion dient als Beispiel dafür, wie Fragen von Sichtbarkeit und Anerkennung in vermeintlich kollaborativen Schaffensprozessen wirken und wer letztlich als „Autorität“ innerhalb der Phantastik gilt. Auch Pen-and-Paper-Rollenspiele betrachtet Goldschmidt-Lechner in diesem Zusammenhang als Spiegel gesellschaftlicher Strukturen und zugleich als Möglichkeitsräume. Trotz teilweise rassistischer und sexistischer Darstellungen in älteren Regelwerken sieht die Autorin darin ein Medium mit großem Potenzial. Pen-and-Paper kann Orte schaffen, in denen Geschlecht und Sexualität erprobt werden, und als sichere Bühne dienen, auf der neurodivergente Personen soziale Dynamiken ausloten können, ohne reale Konsequenzen befürchten zu müssen.
Selbstverständlich setzt sich das auch mit den großen Phantastik-Universen auseinander. Goldschmidt-Lechner beleuchtet die problematischen Aspekte in Tolkiens Der Herr der Ringe und greift den Diskurs um J. K. Rowlings transfeindliche Äußerungen auf. Besonders interessant ist dabei die Frage, ob und wie Fans Werke, die von diskriminierenden Strukturen durchzogen sind, wieder für sich zurückgewinnen können. Darüber hinaus richtet das Buch den Blick auf strukturelle Ungleichheiten innerhalb der deutschsprachigen Phantastik. BIPoC Phantastik-Autor*innen sind immer noch zu wenig vertreten. Ein Zustand, den Goldschmidt-Lechner darauf zurückführt, dass viele Schreibende of Color in die Schublade der sogenannten Migrationsliteratur gedrängt werden. Gleichzeitig haftet der Phantastik im deutschsprachigen Literaturbetrieb nach wie vor der Ruf mangelnder Ernsthaftigkeit an. Diese Abwertung führe dazu, dass Autor*innen aus marginalisierten oder prekären Kontexten sich häufig gegen jene großen Fantasy-Epen entscheiden, die ihnen eigentlich vorschweben. Doch eigentlich sieht Goldschmidt-Lechner gerade im Phantastik-Genre ein riesiges Potenzial gerade bei jungen Leser*innen durch utopische Welten in Zeiten zunehmender rechtskonservativer und rechtsradikaler Rhetorik und Politik in Deutschland zu reflektieren.
Die Vielschichtigkeit an Themen macht das Buch reichhaltig, aber auch fordernd. An manchen Stellen wird Vorwissen vorausgesetzt, etwa bei detaillierten Bezügen auf Fandom-Debatten oder Serienklassiker. An anderen Punkten werden Begriffe und Zusammenhänge sorgfältig erklärt, wie beispielsweise eine sehr genaue Einführung, was Rollenspiel eigentlich ist. Dadurch bleibt die Zielgruppe etwas unklar: Wer tief in der Szene steckt, wird einige Abschnitte überspringen, während Neueinsteiger*innen gelegentlich den roten Faden suchen könnten.
Schreibstil
Der Stil von Nerd Girl Magic wirkt unmittelbar und nahbar. Die Sprache wirkt lebendig, fast gesprochen, und zieht Lesende direkt in den Gedankenfluss der Autorin hinein. Immer wieder fließen englische Phrasen organisch in den Text, was hervorragend zur Thematik passt und die Nähe zu digitalen und internationalen Fandom-Sprachen unterstreicht. Die inklusive Sprache ist konsequent und selbstverständlich eingesetzt. Das Buch lebt von einer guten Mischung aus persönlichen Anekdoten und essayistischen Passagen, die sich leicht und flüssig lesen lassen.
Weniger gelungen ist die Aufteilung der Fußnoten, die sich teils über mehrere Seiten erstrecken und zum Hin- und Herblättern zwingen. Auch einige englische Zitate bleiben gegen Ende des Buches unübersetzt, was inkonsequent wirkt und nicht-englischsprachige Lesende stören könnte. Vereinzelt finden sich auch kleine Tippfehler.
Die Autor*in
Simoné Goldschmidt-Lechner ist Autorin, Übersetzerin und Kuratorin. Aufgewachsen in Südafrika und Deutschland, arbeitet Goldschmidt-Lechner interdisziplinär an literarischen, performativen und filmischen Projekten. Zu den Veröffentlichungen zählen der Debütroman Messer, Zungen (2022) und das zweisprachige Ich kann dich noch sehen (an diesen Tagen) (2024). Mehr Informationen finden sich auf der Website.
Erscheinungsbild
Das Erscheinungsbild von Nerd Girl Magic ist stimmig und sorgfältig gestaltet. Die Coverillustration von Marie Minkov greift das Thema passend auf. Der pastellfarbene Schriftzug erinnert an die Ästhetik von Sailor Moon und verweist dezent auf das Magical-Girl-Motiv des Buches. Farbwahl und Typografie wirken ausgewogen und heben den popkulturellen Bezug des Inhalts hervor.
- Verlag: Verbrecher Verlag
- Autorin: Simoné Goldschmidt-Lechner
- Erscheinungsdatum: 24.02.2025
- Sprache: Deutsch
- Format: Hardcover
- Seitenanzahl: 184
- ISBN: 9783957326119
- Preis: 22,00 EUR (Print) + 16,99 EUR (E-Book)
- Bezugsquelle: Fachhandel, Amazon
Bonus/Downloadcontent
Begleitend zum Buch wurde ein fünfteiliges Podcast-Format veröffentlicht, das zentrale Themen von Nerd Girl Magic vertieft und Gespräche mit verschiedenen Gäst*innen aus Kunst und Aktivismus. Im Buch selbst finden sich zudem eine kurze Danksagung und ein Register.
Fazit
Nerd Girl Magic ist ein Buch, das gleichermaßen gebraucht und längst überfällig war. Simoné Goldschmidt-Lechner gelingt es, Popkultur aus einer Perspektive zu betrachten, die bisher im Schatten stand und verändert damit die Vorstellung davon, wer als „Nerd“ gelten darf. Mit persönlicher Note und spürbarer Leidenschaft zeigt das Buch, dass Fandom kein unpolitischer Raum ist, sondern ein Ort des Widerstands, der Solidarität und der utopischen Vorstellungskraft.
Trotz kleiner Schwächen, etwa die teils verwirrend gesetzten Fußnoten, fehlenden Übersetzungen und gelegentlich unklarer Zielgruppe, überzeugt Nerd Girl Magic als intersektionales und zugängliches geschriebenes Sachbuch.

- intersektionale Perspektive auf Popkultur und Fandom
- nahbarer Schreibstil mit klarer Haltung
- Unklare Zielgruppenansprache zwischen Expert*innen und Neueinsteiger*innen
Titelbild: © NextMars | depositphotos
Artikelbilder: © Verbrecher Verlag
Layout und Satz: Kai Frederic Engelmann
Lektorat: Rick Davids
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„(…) verändert damit die Vorstellung davon, wer als „Nerd“ gelten darf.“
Und wann genau waren „FLINTA, queere Menschen, BIPoC, neurodivergente und „working class““ und sonstige als Nerd – im Sinne, wie es hier die Leser verstehen, nämlich als ausgewiesener Fan und Kenner – nicht im jeweiligen Fandom zugelassen?
Es war doch gerade die Nerd-Kultur, in der sich aber auch alles, was einst unter „Sonderling“ fiel, versammelten und über das gemeinsame intensive Hobby zueinander fanden, daraus resultierend teils jahrzehntealte Freundschaften.
Es war in den 80/90ern. Und eigentlich ist es auch noch nicht vorbei.
Mal aus dem Leben und nicht aus dem Nerdtum.
Meine Tochter ist beim Fußball akzeptiert, aber auch das einzige Mädchen in der Mannschaft weil die anderen Mädchen (die es auch gab) kein Bock auf die blöden Sprüche hatten.
Der Sohn eines Freundes der sich rechtfertigen muss weil er lange Haare hat (hat er jetzt auch nicht mehr)
es ist nicht verboten lange Haare zu haben oder Fußball zu spielen aber es wird schwer gemacht. Ohne das ich es selber erlebt habe (privilegiert) bin ich sicher das es genug pubertierender Rollenspiel Gruppen gab die Mädchen verjagt haben.
Wobei, ich erinnere mich an die Sprüche in den Foren. „Du kannst als Frau kein Charisma 6 UND Stärke 6 haben. Starke Frauen können nämlich nicht nett/hübsch sein“.
Aber schön das es bei dir nicht so war.
Das tut mir leid für Dich, denn genau in und aus dieser Zeit habe ich andere Erfahrungen (in ganz unterschiedlichen) Fandoms gemacht; am ungewöhnlichsten waren tatsächlich noch Mädchen/Frauen im klassischen PnP, aber spätestens als „Magic“ da Alteingesessene und eine ganze Generation Nachwuchs als Spieler und vor allem Käufer abgezogen hat, war auch das im Allgemeinen (ein paar Idioten gibt’s schließlich immer) vorbei.
Generell habe ich Frauen immer als starke, wenn auch manchmal kleine (wer wollte schon so uncool und Nerd sein, ehe es TBBT gab), Gruppe erlebt, die sich sehr engagiert hat und deshalb wertgeschätzt wurde, egal, ob als Trekkie, bei Krieg der Sterne, Heftromanen, PnP, im Computerkurs der VHS, LARP, Cons, ja selbst Modellbahnen, etc.
Am ehesten ein Rückschritt in der Entwicklung scheint da das Cosplay zu sein, in dem meinem Eindruck nach das Sexualisieren von Frauen mehr und mehr im Vordergrund steht, aber das ist auch wieder ein anderes Thema.
Foren bilden auch nicht das „wahre Leben“ ab, als Teil von Social Media fallen da leider nur die Lauten auf und die Vernünftigen versuchen sich in Deeskalation bis sie entnervt aufgeben oder auf Durchzug schalten; das ist aber kein Nerdtum-Problem.