Nach der SPIEL ist vor dem Spielen. Die Jäger und Sammler haben fleißig ihre Jagdtrophäen ausprobiert und in den sozialen Medien geteilt. Zeit für eine Nachlese, was uns die Messe und das ausklingende Spielejahr 2019 so beschert hat und welche Trends uns wohl ins nächste Jahr begleiten werden.
Die SPIEL 2019 brach mal wieder alle Rekorde. Mit 209.000 Besuchern ist sie exakt um zehn Prozent im Vergleich zum Vorjahr gewachsen. Auch die vorgestellten 1.500 Neuheiten der 1.200 Aussteller übertrafen die Vorjahreszahlen. Für die Besucher außerdem besonders erfreulich: Der neu eröffnete Eingang Ost und ein neues Einlasssystem sorgten dafür, dass insbesondere Onlineticket-Inhaber pünktlich um zehn Uhr und viel schneller als bisher in die Hallen und an die Spieltische konnten.
Die Panels in diesem Jahr setzten die thematischen und spielmechanischen Schwerpunkte unter anderem auf Spiele in der Schule, auf die Situation von Brettspielverlegern im Iran, aber auch auf das vielbeschworene Thema Nachhaltigkeit. Auf Letzteres kommen wir noch zu sprechen, aber welche weiteren Trends konnten wir auf der SPIEL 2019 wahrnehmen – und damit topaktuell in der Brettspielindustrie?
Inhaltsverzeichnis
Clone-Wars: Die Rückkehr der Dino-Meeple
Während irgendwelche Wissenschaftler auf der Welt sicher fleißig am Klonen von Dinosauriern arbeiten und Anfang November zumindest Jurassic World 3 bestätigt wurde, sind die Giganten der Urzeit auf dem Brett längst überall vertreten. Ausgelöst wurde der Trend sicherlich vom quietschbunten Dinosaur Island, dessen deutsche Version von Feuerland zur Messe erhältlich war. Hier versucht jeder, den spektakulärsten Dino-Park zu bauen; nur wie in Filmreihe und Buch von Michael Crichton sollte man vielleicht auch nicht ganz die Sicherheitsstandards aus dem Auge verlieren, damit die eigenen Besucher nicht als Snack enden.

Auch bei Draftosaurus werden Dinosaurier für Schaulustige in Gehege gesetzt, nachdem sie eben aus einem Beutel gedraftet werden. Bei Tiny Epic Dinosaurs werden die Dinos allerdings nur geklont, gezüchtet und anschließend verkauft – vermutlich an diese ganzen Dino-Freizeitparkbesitzer. Neben diesen beiden kleinen Spielen hat Mindclash Games ihr bislang größtes Projekt angekündigt: Vier abendfüllende Spiele sollen als Reihe erscheinen, bei denen man im ersten Spiel als Schiffbrüchiger auf einer Dino-Insel strandet, diese dann schrittweise erkundet und eine neue Zivilisation begründet. Zeitnah sollen die ersten beiden Episoden via Kickstarter vorzubestellen sein.

In unserer Neuheiten-Serie hatten wir schon darauf hingewiesen; mehr Infos dazu gibt es in unserem Interview von der Messe mit Mindclash Games.
Roll and Write: Der Kniffelblock schlägt zurück
Welcome to Dinoworld schlägt uns die Brücke zu der in den letzten Jahren wiederbelebten Kategorie der Würfelblockspiele, deren Revival mit Qwixx und Ganz schön clever begann. Neben neuerschienenen Varianten etablierter Spiele wie Imperial Settlers Roll & Write oder dem Wizard Würfelspiel gibt es aber auch innovative, interessante Spielideen, welche die Mechanik ein wenig weiterentwickeln.

Der Kartograph, aus der Roll-Player–Reihe von Pegasus, ist noch ein echter Geheimtipp. Hier ziehen die Spieler Karten mit unterschiedlichen Geländearten in Tetrisformat darauf und müssen diese auf ihrem Block einzeichnen, um anhand von unterschiedlichen Wertungsregeln Punkte zu ergattern. Man bespielt ein Jahr mit einer Regel für jede Jahreszeit, wobei immer zwei gewertet werden; allerdings gibt es auch Monsterkarten, die man dann bei seinem Spielnachbarn einzeichnet, um ihm Minuspunkte zu bescheren. Unser Holger bezeichnet diese Roll-and-Write-Variante als Draw (von „Karte ziehen“) and Draw (von „zeichnen“) – mal sehen, ob sich der Begriff durchsetzt.
Tetrisblöcke sind auch Thema bei Queen Games, hier wird allerdings gelegt und nicht gemalt: In Cøpenhagen sammelt man Farbkarten, um für diese dann tetrisartige Teile zu kaufen, mit denen man eine Häuserfassade auf einem Tableau auslegt.

Legacy Unleashed: Kampagnenspiele
Viel neues Futter gibt es auch für die, die nicht genug von einem Spiel bekommen können, aber gleichzeitig auch immer was Neues brauchen, für die, die Geschichten in dem Hybrid zwischen Rollen- und Brettspiel lieben: Legacy-Games.
Die Kisten mit Clank Legacy: Acquisitions Incorporated haben es, wie auch leider so einige andere, nicht rechtzeitig durch den Zoll geschafft, aber wir freuen uns schon darauf, im erfolgreichen Mix aus Deckbuilding und Push-Your-Luck-Mechanik erneut in die Höhle zu steigen und so viel zu looten, bis einer den Drachen aufweckt.

Mit Machi Koro Legacy erhielt das beliebte und ebenso kompakte Städtebauspiel ebenfalls eine erlebbare Geschichte. Wir werden berichten.
Ein etwas größeres Projekt bescheren uns Nice Games Publishing: 700 Jahre Vampirgeschichte im Stil der World of Darkness wollen in Vampire: The Masquerade – Heritage bespielt werden. Ganz im Stil des Rollenspiel-Urgesteins verkörpern wir Puppenspieler, welche die Geschicke der Menschheit lenken und nebenbei Berühmtheiten zu Ghoulen oder gar zu Vampiren machen. Mehr dazu vom Verlag selbst in unserem Bericht von der Spiel.
Auch das Kennerspiel des Jahres 2015, Orléans, erhält mit Orléans Stories eine Kampagne, die allerdings auf Legacy-Elemente verzichtet, also weniger Überraschungen bietet, dafür öfter durchgespielt werden können soll.
Ein neues Subgenre war auch erstmals erhältlich mit King’s Dilemma. Hier spielt man die Berater eines Königs und stimmt über schwierige Entscheidungen ab. Der Ausgang des jeweiligen Dilemmas fügt dann dem Kartendeck neue Karten mit neuen schwierigen Konsequenzen zu, über die künftig abgestimmt werden muss. Durch die Entscheidungen gelangen Faktionen wie die Kirche oder das Militär an mehr oder weniger Macht und daraus ergeben sich dann die Punkte für die einzelnen Spieler.
Wird eine Partei zu mächtig oder komplett machtlos kommt es zum Beispiel zu Unruhen und der König stirbt (was er sonst nach einigen Entscheidungen auch so tut). Doch: Der König ist tot, lang lebe der König! So wird in der nächsten der 15-20 Partien dann sein Sohn beraten. Die Grundidee des Spiels kennen einige sicher aus der App-Spiel-Reihe Reigns, die 2020 mit Reigns: The Council ebenfalls als Brettspiel erhältlich sein wird. Bruno Faidutti (Ohne Furcht und Adel) und Hervé Marley (Die Werwölfe von Düsterwald) sind für die Umsetzung verantwortlich. Wir dürften also gespannt sein – allerdings wird hier jede Partie für sich gespielt und einer der Mitspieler schlüpft stets selbst in die Rolle eines Monarchen.

Sith happens: Angriff der Wort-Spiele
Am Anfang war das Wort und es war nur eins und ob es gut war, sieht man, wenn die Mitspieler sich freuen. So oder so ähnlich läuft es bei Just One, dem Spiel des Jahres 2019 von Asmodée. Einer muss einen Begriff raten, zu dem jeder andere gleichzeitig ein Wort als Tipp aufschreibt. Das fiese: Es darf nur genau einmal geraten werden. Noch fieser: Doppelte Tipps werden gestrichen. So muss man sehr genau abwägen, wie abwegig und abstrakt man eben werden will, damit der eigene Tipp hilfreich ist.

Mit Werwörter von Ted Alspach, hierzulande dieses Jahr verlegt von Ravensburger, war ein weiteres Sprachspiel auf der Auswahlliste. In fünf Minuten muss mit Ja-/Nein-Fragen ein Wort erraten werden, allerdings kennt ein Spieler (der Wolf) das Wort und stört die Gruppe, mit anderen Sonderrollen versucht man ihm auf die Schliche zu kommen.
Auch CGE hat nach Trapwords im letzten Jahr ein neues Sprachspiel. Bei Letter Jam versucht jeder ein Wort zu erraten, kooperativ, indem man sich gegenseitig Tipps gibt, denn die eigenen Buchstaben sehen dabei nur die anderen. Klingt schräg? Ist es auch, muss man mal probieren.
Und bei Wordsmith von Heidelbär werden selbst die Buchstaben noch zerlegt und man muss in Echtzeit aus Geraden, Ecken und Kurven Buchstaben und dann Wörter bilden.
ÖkoSpiele: Das Erwachen der Nachhaltigkeit

Jeden Freitag gehen unsagbar viele (vor allem junge) Menschen auf die Straße und versuchen andere (vor allem alte) Menschen davon zu überzeugen, dass es eine ganz gute Idee wäre, sie und sogar ihren Kindeskindern noch einen bewohnbaren Planeten zu hinterlassen. Auch wenn Politik und Wirtschaft sich nur sehr zögerlich zu unbequemen Maßnahmen hinreißen lassen, das Thema Nachhaltigkeit ist allgegenwärtig. Auf der diesjährigen Spielemesse gab es dazu auch einen Diskussionsschwerpunkt mit Panel.
Vorgestellt wurden Spiele wie Endangered, bei dem man versucht, die letzten Tiere einiger vom Aussterben bedrohten Arten zu retten. Bereits zu spät für die Welt es ist in Climate Oasis. 2070 schlägt man sich in diesem kooperativen Ressourcen-Management-Spiel nach der Klimakatastrophe mit Drohnen, genmodifizierten Bienen und antibiotika-resistenten Bakterien rum.
Bei Electropolis muss man als Bürgermeister seine Stadt mit Energie versorgen und dabei zwischen Kohle, Atom und Grüner Energie abwägen
Sie sehen gerade einen Platzhalterinhalt von Standard. Um auf den eigentlichen Inhalt zuzugreifen, klicken Sie auf den Button unten. Bitte beachten Sie, dass dabei Daten an Drittanbieter weitergegeben werden.
Bienen waren ein überraschendes Thema mit Bees: The Secret Kingdom und Ambrosia. Beim erstgenannten Filler-Game entscheidet man sich, eine Blumenkarte zu spielen, um Pollen zu erhalten oder eine Honigkarte zu erschaffen. Interessant hier vor allem, dass es unterschiedlich komplexe Regeln für jüngere oder unerfahrenere Spieler gibt, die man gleichermaßen mit den Expertenregeln individuell anwenden kann, damit jeder seinen Spaß hat. Ambrosia hingegen ist ein reines Strategiespiel über das geschickte Platzieren von Steinen.
Sie sehen gerade einen Platzhalterinhalt von Standard. Um auf den eigentlichen Inhalt zuzugreifen, klicken Sie auf den Button unten. Bitte beachten Sie, dass dabei Daten an Drittanbieter weitergegeben werden.
Neben Bienen waren auch Unterwasserwelten dieses Jahr hoch im Kurs. Hier ist die Welt jedoch noch in Ordnung. In Coralia tauchen Forscher in Korallenriffe und finden Schätze und während man bei Deep Blue von Days of Wonder auch nach Schätzen taucht (mit Push-Your-Luck-Mechanik), baut man mit seinen Meerwesen bei Aquatica seine eigene Engine und damit sein eigenes Reich unter Wasser aus. Neben diesen beiden familienorientierten Spielen erhält das deutlich komplexere Underwater Cities auch seine erste Erweiterung mit Underwater Cities: New Discoveries.
Etwas trockener geht es in Ecos: First Continent zu. Hier verkörpern die Spieler Naturgewalten, die einen Kontinent entsprechend folgender Fragestellung formen: Was wäre, wenn die Erschaffung der Welt anders verlaufen wäre? Aber wohl kein Spiel geht aktuell so weit wie Ecogon, dessen erste Erweiterung Ecogon: Stille Wasser dieses Jahr erschien. Dort geht es nicht nur darum, aus Hexfeldern ein Ökosystem zu bauen. Das Spiel selbst kommt komplett ohne Plastik aus und ist aus 100% recycelter Pappe, die klimaneutral bedruckt wurde – und die Spielmarker sind getrocknete Hülsenfrüchte mit EU-Biosiegel.

Wir freuen uns schon jetzt auf die SPIEL 2020, sie wird vom 22.-25.10.2020 in der Messe Essen stattfinden. Vorher erwarten wir die weiteren Termine des Spielejahres wie die Spielwarenmesse in Nürnberg vom 29.01-02.02., die dritte Auflage der Spiel Doch! In Duisburg vom 27.-29.03. oder die Berlin Brettspiel Con vom 17.-19.07. und jetzt geht es erst mal zurück an die Spieltische.
Artikelbilder: © genannte Verlage
Titelbild: © Merz Verlag


















