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In diesem Abenteuerspiel kämpfen wir als Held*innen oder Schurk*innen des DC-Comic-Universums in verschiedenen Missionen mit unterschiedlichen Zielen und Ausgangsvoraussetzungen. Versprochen wird uns ein spielbares Superheld*innenfeeling mit den bekannten Figuren rund um die Gerechtigkeitsliga – die Justice League. Wird das Spiel den Erwartungen gerecht oder erwartet uns ein Justizirrtum?

Super hin oder her, es gibt Gegner*innen, die so übermächtig sind, dass sich selbst Superheld*innen zusammenschließen müssen. So taten es auch die größten Held*innen aus dem DC-Universum und vereinten ihre Kräfte, um als Justice League gegen Bedrohungen aus der gesamten Galaxis bestehen zu können. Im Brettspiel Justice League: Dawn of Heroes von Abba Games teilen sich die Spieler*innen in zwei Teams auf und verkörpern die verschiedenen guten oder bösen Figuren, die dann gegeneinander antreten.

Auf Superheld*innenseite können wir in die Rollen von Batman, Wonder Woman, Superman, Flash, Aquaman und Green Lantern schlüpfen, denen wir mit den vier Schurken Doomsday, Darkseid, Lex Luthor und dem Joker entgegentreten. Aber auch darüber hinaus kriegen wir im Spiel Unterstützung von vielen weiteren Bekannten des DC-Universums, wie Shazam, Nightwing, Katana, Hawkman und anderen. Jede Figur hat einzigartige Fähigkeiten, die spielmechanisch treffend umgesetzt wurden: Beispielsweise bewegt sich der für seine Schnelligkeit bekannte Flash in der Zugreihenfolge zuerst. Batman hingegen hat ein Kartendeck zur Verfügung, das seine technischen Gadgets repräsentiert und die schöne Amazone Wonder Woman benutzt ihr berühmtes Lasso der Wahrheit.

So kämpfen die Spieler*innenteams gegeneinander in unterschiedlichen Missionen und interagieren dabei nicht nur miteinander, sondern auch mit der Umgebung. Jede Mission teilt sich in Unterkapitel (meist zwei, drei oder vier) auf, deren Verlauf und Ergebnisse sich jeweils auf die Endschlacht auswirken. Der Joker terrorisiert die Bevölkerung! Lex Luthor hat Superman und Batman zu Staatsfeinden erklärt! Doomsday greift an! Das alte Thema: Wird das Gute oder das Böse siegen?

Wie wird es gespielt?

Der Spielaufbau richtet sich nach dem gespielten Kapitel einer Mission und variiert daher. Es wird festgelegt, welche Charaktere gegeneinander spielen, welches Gelände und welche Gebäude in Form von Spieltableaus oder welche Marker und Besonderheiten (beispielsweise Zivilist*innen, weitere Personen, Fahrzeuge oder Gegenstände) zum Einsatz kommen. Das Ganze entspricht dem Inhalt der jeweiligen Mission: Zum Beispiel kommen Tokens mit Harley Quinn nur in der Mission zum Einsatz, wo Schurken wie der Joker nach ihr suchen. Die Mission erklärt und bebildert das Spielsetup, den Startaufbau und auch die jeweiligen Ziele beider Teams. Der Aufbau ist jeweils mit Beispielbildern unterlegt. Auch wenn sich die Missionen unterscheiden, gibt es wiederkehrende Typen, etwa Rettungsmissionen, bei denen Zivilist*innen bewegt werden müssen, oder besagte Suchaufträge, wo ein Charakter gefunden werden muss.

Im Übrigen kann ein schmales Tutorial-Regelheft, das Schritt für Schritt die Regeln erklärt, benutzt werden, um die Spieler*innen durch die allererste Partie zu leiten. Bei etwas Vorbereitung durch eine*n Spielleiter*in ist das jedoch nicht unbedingt notwendig. So oder so muss man im großen Regelheft für die ersten Runden einige Details nachschlagen, um sich die verwendeten Begriffe und Symbole einzuprägen. Insgesamt ist das Spielprinzip trotz des Umfangs und der spezifischen Unterschiede bei den Hauptfiguren nicht kompliziert.

Der Ablauf ist ähnlich dem in anderen Kampfspielen/Dungeon-Crawlern wie etwa Zombicide: Die Figuren bewegen sich in festgelegter Reihenfolge und kämpfen beziehungsweise interagieren mit den anderen Figuren oder dem Gelände. Die Umgebung beeinflusst an einigen Stellen das Spielgeschehen, so ist etwa der Charakter Aquaman auf Wasserfeldern schneller. Die Charaktere variieren in ihren Spezialfähigkeiten und Werten wie Initiative, Angriff, Lebenspunkte und so weiter. Gekämpft werden kann im Nah- oder Fernkampf über Würfelwürfe, deren Ergebnisse auf verschiedene Weisen, etwa den Einsatz von Karten oder Markern, aufgewertet werden können. Hierbei können übrigens die Held*innen niemals sterben, sondern werden nur „ausgeknockt“. Andere Held*innen können sie wieder ins Spielgeschehen zurückholen, dies kostet jedoch Zeit in Form von kostbaren Zügen, da in mancher Mission die gespielten Züge begrenzt sind.

Wie ist das Spielerlebnis?

Bewegen, Kämpfen, Werte modifizieren … Kennt man alles irgendwie. Das sorgt dafür, dass die Spieler*innen schnell hineinfinden, vernachlässigt aber das „gewisse Etwas“ des Spielgefühls. Im Fazit werde ich darauf und auf den sich daraus ergebenen Wiederspielwert noch etwas weiter eingehen.

Die mitgelieferten Regel- und Missionshefte in Comicoptik

Das Taktieren im Team über den Spieltisch hinweg (man will den Gegner*innen ja nicht zu viel von seinem Plan verraten!) macht durchaus Spaß. Wer macht was? Wer bewegt sich wohin und greift wen an? Das bewährte und bekannte Spielprinzip macht auch mit den bekannten Charakteren von DC eine Menge Spaß. Gerade beim Einsatz der jeweiligen Spezialfähigkeiten, die sich nicht unbegrenzt pro Kapitel nutzen lassen, muss man durchaus überlegen, wann der richtige Zeitpunkt ist. Ein klein bisschen Würfelglück kann aber trotzdem nicht schaden. Positiv fällt auch die Interaktion mit dem Gelände auf, so kann ein Charakter mit genug Stärke ein im Weg stehendes Auto werfen. Superheld*innenfans finden definitiv einen liebevollen Umgang mit der Comicwelt wieder, der das Gefühl gibt, seine Lieblinge spielen zu können.

Spielbar ist das Brettspiel mit zwei, vier oder sechs Personen, wobei sich der Reiz eher in der gemeinsamen Abstimmung innerhalb der Teams entfaltet. Mehr Spieler*innen tragen also definitiv zu einer besseren Atmosphäre bei.

Ein Kapitel dauert mit etwa 30-45 Minuten überraschenderweise nicht lang, so dass man eine ganze Mission an einem Abend bequem durchspielen kann. Nur für die ersten Runden braucht man gewohntermaßen ein klein wenig Eingewöhnungszeit, vor allem, weil die verwendeten Symboliken nicht so intuitiv und verständlich sind.

Ausstattung

Das Spielmaterial ist zahlreich. Für Held*innen, Schurk*innen und Verbündete gibt es Charakterbögen aus Pappe, außerdem Miniaturen und verschiedene Charakter-Tokens, von denen nicht alle in jeder Mission benötigt werden. Als Spielbretter gibt es eine Reihe von Geländetableaus, sowie eine Reihe von Spezialtokens, die ebenfalls nicht ständig zum Einsatz kommen. Das weitere Material besteht aus einigen Würfeln, Ressourcenmarkern und Karten. Außerdem werden die Regeln und Missionen in Form von drei kleinen Einzelheften erläutert, diese liegen dem Spiel jeweils auf englisch und spanisch bei.

Die Spielanleitungen und Missionsbücher sind optisch an das Design von typischen Comicheften angelehnt und es werden einige Regeln, etwa bei Tutorial und Missionsaufbau, wie in Comicform Panel für Panel erklärt. Somit zieht sich das Comicthema insgesamt schön im Spiel durch. Kleine Regeldetailfragen zu einigen Missionen blieben jedoch in den Regelbüchern offen oder waren nicht präzise genug beschrieben, da diese sich häufig auf Missionsaufbau und -Ziel beschränken, nicht auf Sonderfälle. Dies fällt mit etwas Improvisation meiner Meinung aber nicht zu stark ins Gewicht.

Das vielfältige Material ist hochwertig und gut greifbar, da vieles auf dicke Pappe gedruckt wurde. Auch die Miniaturen sind klein, aber fein und von hochwertiger Qualität. Sie sind außerdem bemalbar, was durchaus eine gute Idee ist, da die Miniaturen des gleichen Teams unbemalt teilweise etwas schwierig zu unterscheiden sind. Jedoch gibt es im Spiel nur für die „Hauptpersonen“ beider Seiten Miniaturen, die Unterstützer werden „nur“ von aufgestellten Pappmarkern dargestellt.

Ein Kritikpunkt für mich persönlich ist jedoch das Design von Justice League: Dawn of Heroes. Ich finde es durchweg sehr dunkel und antiquiert wirkend. Die Zeichnungen und Illustrationen von Künstlern wie Ramses Bosque, Jose D. Flores und Nicolas Serrano sind zwar hochwertig, jedoch aus meiner Sicht nicht zeitgemäß und auch für Superheld*innenneulinge nicht ansprechend. Auch die auf den Spielmarkern verwendeten Symbole waren gerade zu Anfang wenig selbsterklärend und eher verwirrend und so etwas wie eine zusammenfassende Legende auf einem einzigen Blatt oder Flyer liegt nicht bei.

Die harten Fakten:

  • Verlag: Abba Games
  • Autor*in(nen): Buster Lehn & Fran Ruiz
  • Erscheinungsjahr: 2017
  • Sprache: Englisch
  • Spieldauer: 30 Minuten (pro Kapitel einer Mission)
  • Spieler*innen-Anzahl: 2 3 4 5 6
  • Alter: Ab 14 Jahren
  • Preis: ca. 39 EUR
  • Bezugsquelle: Fachhandel, Amazon

 

Bonus/Downloadcontent

Auf der Landingpage zum Spiel kann man sich einen Überblick über Spielinhalt und Konzept machen. Dort gibt es auch ein Einleitungsvideo, das das Spiel zusammenfasst, zu sehen.

Fazit

Eigentlich mag ich thematische und erzählgetriebene Spiele, doch ehrlich gesagt bin ich dennoch mit gemischten Gefühlen an das Spielen herangegangen. Das eher konservative Design der Packung hatte mich ein unnötig komplexes, unnahbares Spiel mit wenig Zugang vermuten lassen, gerade für Neulinge in der Welt der Superheld*innen. Mit dieser Ausgangslage war das Spielergebnis allerdings besser als erwartet.

Das Spiel wirbt damit, jedem Charakter eine einzigartige Spielbarkeit zu geben. Dies hält es ein. Wirklich gelungen ist das Superheld*innenfeeling, die Spezialfähigkeiten jedes Charakters oder Villains sind ausspielbar, zeitweise spielen sich die Missionen tatsächlich wie bekannt aus den Comicheften und geben einem das Gefühl, Teil einer epischen Schlacht zu sein. Auch ist das Spielprinzip nicht komplex, recht schnell gelernt und zügig spielbar.

Das große Aber ist jedoch, dass, nach ein paar Testrunden, weder bei mir noch meiner Spielrunde der dringende Wunsch aufkam, das Spiel weiterzuspielen. Dies mag ein persönlicher Eindruck sein, dazu beigetragen haben aber sicherlich sowohl das altbackene Design als auch der geringe Innovationsgrad. Ich störe mich im Prinzip nie an zu geringem Innovationsgrad, wenn das Gesamtpaket Spaß macht. Aber im Fall von Justice League: Dawn of Heroes beschleicht mich doch der Gedanke etwas mehr Pfiff und etwas weniger Durchschnittlichkeit hätte dem Spiel gutgetan. Vielleicht so, wie etwa Aeon’s End an einigen Stellen mit allzu typischen Genreelementen des Deckbuildings bricht, um neue Akzente zu setzen. Abgesehen von den Missionsausgangssituationen hat man es beim Ausspielen vor allem mit Kämpfen zu tun und nicht so sehr das Gefühl, wie etwa bei Paleo, „seine eigene Geschichte zu erzählen“.

Vielleicht hätte es schon genügt, gerade bei den Missionen, die sich vielfach an bekannte Superheldenschlachten anlehnen, mehr erzählerische Anstrengungen zu unternehmen, anstatt nur Setting und Ziel zu definieren. Schon etwas mehr Flavourtext, wie ihn Abenteuerspiele wie Forgotten Waters oder auch Gen 7 zum Ausschmücken verwenden, hätte vielleicht Wunder bewirkt.

Auf der positiven Seite bringt Justice League: Dawn of Heroes allerdings einige Spielmodi und liebevoll zusammengestellte Missionen mit, um für Abwechslung zu sorgen. Auch wenn meiner Meinung nach diese trotzdem nicht so stark fühlbar ist, kann sich eine nerdige Spielgruppe sicher einige Abende bestens mit dem Spiel unterhalten.

Kurzum: Für Superheld*innenfans oder Liebhaber*innen vom Prinzip der Dungeon-Crawler, die sich nicht an mangelnder Modernität stören, ist das Spiel ein netter Zeitvertreib und bietet auf jeden Fall eine würdige Comicadaption.

 

  • Tutorial-Modus
  • Leicht zu lernen
  • Sehr gelungene Comic-Anlehnung in Missionen und Fähigkeiten
 

  • Wenig bis keine Innovation
  • Missionsdetails nicht gut erläutert

 

Artikelbilder: © Abba Games
Layout und Satz: Verena Bach
Lektorat: Jessica Albert
Fotografien: Thekla Barck
Dieses Produkt wurde kostenlos zur Verfügung gestellt.

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