Eurogames sind oftmals symmetrisch. Alle Spielenden spielen also mit den gleichen Voraussetzungen und Regeln. Nicht so bei Merchants Cove: Jede gespielte Figur hat ihre komplett eigenen Regeln. Wie gut funktionieren diese zusammen und wie viel Interaktion ist dabei noch möglich?
Die möglichen Spielmechanismen bei Brettspielen sind mannigfaltig, wie man auch bei den Neuheiten auf der SPIEL dieses Jahr sehen konnte. Viele Spiele nehmen aus diesem großen Topf eine Handvoll heraus und mischen sie neu. Das gleiche könnte man über Merchants Cove im Grunde auch sagen. Neu ist dabei, wie diese Mischung funktioniert. Denn statt die Mechanismen wirklich zu vermengen, erhalten die Spielenden jeweils einen davon, um damit herumzuspielen. Aber da es sich um ein kompetitives Spiel handelt, muss das Ergebnis am Ende wieder irgendwie verglichen werden, damit bestimmt werden kann, wer eigentlich gewonnen hat. Und ausgewogen muss das alles natürlich auch noch sein. Keine leichte Aufgabe.
Inhaltsverzeichnis
Spielablauf
Die ein bis vier Spielenden übernehmen in Merchants Cove jeweils die Rolle von Händler*innen, die auf einer Fantasy-Insel wohnen und ankommende Kundschaft mit Waren versorgen wollen. Im Grundspiel enthalten sind Alchemistin, Kapitänin, Schmied und Zeitreisender. Außerdem können Dorfbewohner*innen angeheuert werden, die später aktiviert werden können, um kleinere Arbeiten zu verrichten.
Wer am Zug ist, wählt eine der auf dem eigenen Brett verfügbaren Aktionen, führt diese aus, und bewegt dann den eigenen Zeitmarker auf der Uhr eine von der Aktion abhängige Anzahl Stunden weiter. Dabei kann es vorkommen, dass weitere Kunden auf die Boote in der zentralen Auslage geladen werden. Danach ist dran, wer auf der Uhr am weitesten hinten liegt.

Das geht so lange, bis die Zeit, die an einem Tag zur Verfügung steht, aufgebraucht ist. Dann kommen die Kunden und wollen Waren kaufen. Die Nachfrage und der Preis hängen dabei davon ab, welche Kundenfarben wie oft am entsprechenden Pier gelandet sind.
So weit, so einfach. Aktionswahl, Aufbau, Zeitmanagement und ein wenig Marktmanipulation (über das Setzen der Kunden in Boote) sind die Mechanismen, die alle Spielenden gemeinsam haben. Aber neben diesem gemeinsamen Teil, hat jede Figur noch komplett eigene Regeln und Mechanismen:
- Die Alchemistin spielt ein wenig Potion Explosion oder Gizmos und muss geschickt die richtigen farbigen Glaskugeln aus dem eigenen Vorrat manipulieren und zum Brauen von Tränken nutzen.
- Die Kapitänin bewegt innerhalb eines eigenen Brettes Boote umher, immer auf der Suche nach Schätzen und der perfekten Brise.
- Der Schmied nutzt Würfel und deren Manipulation für die Produktion der eigenen Waren und die Aufwertung der Werkstatt.
- Der Zeitreisende ist mit seinem Assistenten unterwegs und muss sowohl die eigene Bewegung durch Zeitportale mit der des Assistenten koordinieren als auch geschickt die Anzahl der Stunden manipulieren, die die jeweiligen Züge kosten.

Egal welcher Mechanismus dabei verwendet wird, das Endergebnis sind stets Waren. Diese gibt es in verschiedenen Farben und in verschiedenen Größen. Für wie viel Geld (Siegpunkte) die Waren verkauft werden können, hängt davon ab, welche Kundschaft in der aktuellen Runde am entsprechenden Pier anlandet. Am linken Pier werden nur große Waren verkauft, am mittleren nur kleine und am rechten beide Größen. Da es sich dort aber um einen Schwarzmarkt handelt, ist der Verkauf dort mit Nachteilen verbunden. Im richtigen Moment die richtigen Waren zu produzieren, die die ankommenden Kund*innen überhaupt haben wollen, ist maßgeblich für den Erfolg im Spiel.
Merchants Cove ist an sich kein allzu komplexes Spiel. Die grundlegenden Mechanismen sind schnell erklärt und erschließen sich den Spielenden spätestens nach der ersten Verkaufsrunde. Allerdings wird der Einstieg ins Spiel dadurch massiv erschwert, dass neben diesen grundlegenden Dingen alle Spielenden jeweils noch einmal komplett eigene Regeln lernen und verstehen müssen. Und wer an den Spielzügen der anderen interessiert ist, muss diese Regeln für alle am Spiel teilnehmenden Charaktere kennen. Das ist eine ganze Menge und die erste Partie wird eine lange Erklärung benötigen und zu Beginn relativ zäh laufen.
Wer diese Hürde hinter sich gebracht und einmal die einzelnen Figuren verstanden hat, kann diese extrem unterschiedlichen Mechanismen dann allerdings für die Zukunft nutzen, um ein sehr variables Spielerlebnis zu haben.
Problematisch kann es dann werden, wenn mehrere Spielende die gleiche Figur wollen, oder es eine Figur gibt, die niemand spielen will. Da sich das Spiel je nach Figur derart stark unterscheidet, ist hier das Konfliktpotenzial größer als bei den meisten anderen Spielen. Hat man die zusätzlichen Figuren aus dem ersten oder zweiten Kickstarter oder entsprechenden Erweiterungen, ist dieses Problem geringer, aber auch dann nie vollständig gelöst.
Ebenfalls etwas unschön ist, dass die Figuren sehr unterschiedlich stark auf Zufall und Glück angewiesen sind. Der Schmied würfelt zwar seine Ressourcen aus, aber davon hängt lediglich ab, ob er große oder kleine Waren einer Farbe herstellen kann. Die Alchemistin hingegen ist komplett abhängig von der Auslage der Kugeln in ihrem Dekanter. Immerhin kann sie aber noch vorausplanen und teilweise manipulieren, welche Waren sie produzieren will. Die Kapitänin hingegen sucht ihre großen Schätze (Waren) komplett zufällig. Der Zeitreisende wiederum hat auf dem eigenen Brett nach dem initialen Aufbau überhaupt keinen Zufall mehr zu beachten und kann als einzige Figur sogar einmal produzierte Waren umwandeln.
Hierdurch ist es quasi unmöglich, das Spiel komplett ausgewogen zu gestalten. Gerade die Kapitänin ist relativ stark darauf angewiesen, die richtigen Schätze zu finden. Dafür hat sie aber auch maximal drei große Waren von jeder Sorte, im Gegensatz zum Maximum von zwei, das für alle anderen gilt.

Da die Interaktion in Merchants Cove einzig über die Manipulation der ankommenden Kunden geschieht – was ein relativ geringer Teil der Züge ist – ist die Downtime zwischen den eigenen Zügen groß. Es ist zwar relevant zu sehen, was die anderen Spielenden wohl an Waren herstellen, aber viel Anteil daran kann nicht genommen werden. Je größer die Anzahl der Teilnehmer an einer Partie ist, desto länger werden auch die Pausen zwischen den eigenen Zügen, so dass es sich nicht unbedingt empfiehlt, Merchants Cove mit der maximal möglichen Anzahl Spielender zu spielen. Insbesondere, da dann die Einigung, wer denn welche Rolle spielt, deutlich schwieriger werden kann.
Ausstattung
Das Spielmaterial von Merchants Cove ist optisch auf jeden Fall sehr ansprechend. Vieles im Spiel wird durch 3D-Pappelemente dargestellt, die auf dem Tisch einfach gut aussehen. Leider sind sie nicht immer besonders übersichtlich und sowohl der Zusammenbau als auch das Verstauen in der ohnehin sehr großen Schachtel sind alles andere als einfach. Gut, dass ein extra Handout beiliegt und erklärt, wie die Komponenten alle Platz finden.
Die Regeln sind gut und verständlich geschrieben und jede Figur bringt ihre eigenen Regeln noch einmal gesondert mit, so dass alle Spielenden die eigenen Sonderregeln stets griffbereit zur Hand haben.
Die harten Fakten:
- Verlag: Pegasus Spiele (Deutsch) / Final Frontier Games (Englisch)
- Autor*in(nen): Jonny Pac, Carl van Ostrand, Drake Villareal
- Erscheinungsjahr: 2021 (Englisch) / 2022 (Deutsch)
- Sprache: Deutsch/Englisch
- Spieldauer: 60 – 90 Minuten
- Spieler*innen-Anzahl: 1 2 3 4
- Alter: 12+
- Preis: ca. 50-55 EUR
- Bezugsquelle: Fachhandel, idealo
Bonus/Downloadcontent
Auf der Produktseite im Pegasus Spiele Shop findet sich die deutsche Spielanleitung zum Herunterladen. Ebenfalls unter Downloads dort zu finden sind die Regeln der einzelnen Figuren. Wer sich fragt, wer der Hausierer ist: Dabei handelt es sich um eine Sonderfigur, die im Solo-Spiel verwendet wird und auch beim Spiel zu zweit eingesetzt werden kann. Da ich diesen Modus nicht ausprobiert habe, findet die Figur im restlichen Artikel auch keine Erwähnung.
Neben den vier Figuren aus dem Grundspiel gibt es mehrere Erweiterungen mit zusätzlichen Figuren, die die Spanne der möglichen Mechanismen weiter vergrößern.
Fazit
Merchants Cove ist ein extrem asymmetrisches Eurogame, bei dem die Spielenden in die Rollen von Fantasy-Händler*innen schlüpfen und Waren für die ankommende Kundschaft produzieren. Dabei hat jede Figur ihre komplett eigenen Regeln und Mechanismen, wodurch das Spiel sich für alle am Spieltisch unterschiedlich spielt.
Das ist Segen und Fluch zugleich, denn es erschwert den Einstieg ins Spiel, ermöglicht es aber, Liebhaber*innen verschiedener Spielstile am gleichen Spiel teilzunehmen. Schade, dass die Aktionen der anderen am Ende recht wenig Einfluss auf das eigene Spiel haben. Einzig über die Manipulation der Nachfrage findet eine Interaktion statt. Was die anderen auf ihren eigenen Spielbrettern tun, ist im Grunde relativ egal, wodurch die Phasen zwischen den eigenen Zügen passiv bis langweilig werden.
Für viele Brettspiele-Enthusiast*innen sind die einzelnen Figuren am Ende leider auch zu simpel, um wirklich zu begeistern. Für Familien oder unerfahrene Gruppen hingegen das Spiel insgesamt durch die unterschiedlichen Figuren zu kompliziert zu erlernen. Und so ist Merchants Cove am Ende eine spannende Idee mit ein paar guten Mechanismen und tollem Spielmaterial, das aber keine rechte Zielgruppe zu haben scheint. Es ist sicherlich interessant, es mit jeder der Figuren ein oder zwei Mal zu spielen, aber danach ist der weitere Verbleib in der eigenen Sammlung eher fraglich.
Zumindest in unserer Testgruppe war das Urteil eindeutig: Die ersten zwei oder drei Partien haben regelrecht begeistert. Aber danach hatten wir das Gefühl, eigentlich alles gesehen zu haben, was das Spiel zu bieten hat, und das Interesse an weiteren Partien tendierte gegen null.

- Extrem asymmetrisch
- Verschiedene Spielstile können gleichzeitig bedient werden
- Gutes Spielmaterial
- Extrem asymmetrisch
- Wenig Interaktion oder Teilhabe an den Zügen der anderen
- Zielgruppe unklar
Artikelbilder: © Pegasus Spiele
Layout und Satz: Roger Lewin
Lektorat: Denise Hollas
Fotografien: Holger Christiansen
Dieses Produkt wurde kostenlos zur Verfügung gestellt.


















