„Du leitest ja heute“ oder „Panik, ich muss ein Abenteuer vorbereiten!“

Sep 20

„Du leitest ja heute“ oder „Panik, ich muss ein Abenteuer vorbereiten!“

Ich ver­lasse das Büro­ge­bäude, und freue mich auf das Tref­fen mit den Jungs, eine wei­tere Runde Cyber­punk steht an. Wir lei­ten alle immer abwech­selnd und heute muss der Michael dran sein. Muss er? Ich nehme mein Handy, rufe ihn an, und oh Schreck — ich bin dran! Panik kommt in mir auf. Ich, der sonst immer sehr gewis­sen­haft und sau­ber seine Aben­teuer vor­be­rei­tet, bin dran, und ich habe echt über­haupt gar keine Ahnung was wir machen sol­len. Ich schaue auf die Uhr. Ich habe noch exakt eine Stunde Zeit. Der Count­down läuft.

Noch 60 Minuten

Ich sitze an der Bus­hal­te­stelle und mache mir also Gedan­ken. Doch die Kon­zen­tra­tion kommt nicht zustande. Ich schaue den Esels­berg her­un­ter, über die Fel­der und frage mich, wie viele Leute wer­den eigent­lich von den Wei­zen­fel­dern satt? Wei­zen­fel­der? satt? Ich habe eine Idee, es geht um Nah­rung. Um Wei­zen­fel­der! Die Gruppe wird ange­heu­ert, um das Pro­blem eines Bau­ern zu lösen. Und wel­che Pro­bleme kann so ein Bauer haben? Ich über­lege zudem, wo soll das ganze spie­len? Zuletzt sehr beein­druckt hat mich bei Mass Effect der Pla­net, der quasi kom­plett aus Was­ser bestand. Impo­sant fand ich die lan­gen Stra­ßen die es dort gab. Das ganze sollte schon immer mal eine Vor­lage für ein Aben­teuer wer­den, aber da wir nicht auf einem frem­den Pla­ne­ten sein kön­nen, muss es auf der Erde sein. Afrika ist zu abge­dro­schen, ich nehm was in Mit­tel­ame­rika. Das ist groß genug. Also, Ame­rika, Wei­zen­feld, Wasserproblem.

Noch 55 Minuten

Der Bus kommt, ich steige ein. Er schau­kelt heute mehr als sonst den Berg hin­un­ter. Klar, er ist mal wie­der spät dran. Mir wird schon fast ein bis­sel mul­mig wie der am Rasen ist. Zack, sofort kommt die nächste Idee. Ich sehe die Gruppe in einem gro­ßen Fahr­zeug den High­way lang­bret­tern. An einem rie­si­gen Stau­see ent­lang. Natür­lich haben sie Ver­fol­ger. Die Gruppe ist in einem Tank­last­zug und trans­por­tiert Was­ser zu dem Feld. Eine tolle Szene. Ich liebe Verfolgungsjagden.

Noch 35 Minuten

In Ulm ange­kom­men steige ich aus dem Bus aus und sehe wie so oft die gan­zen Pun­ker und Gruf­ties, die am Bahn­hof rum­lun­gern. Die sind ja oft die Bösen hier in Ulm, nein, bei mir sind sie heute die Guten! Ich habe die Bau­ern, eine aus­ge­stie­gene Gruppe von Gang­mit­glie­dern. Gegen­über vom Bahn­hof, in der Kneipe Linie 1, sagt man, dass dort die rechte Szene gern ihr Fei­er­abend­bier trinkt. Faschos mag ich nicht, die kann ich nicht zu den Guten machen. Nie. Also haben wir die Bösen. Und wie die so an der Theke hocken, und die Punks hier um bis­sel Geld bet­teln, das sie eh in Bier umset­zen wol­len, weiß ich, die bösen, mili­tante Mili­ta­ris­ten kon­trol­lie­ren den Zapf­hahn des Wassers.

Noch 30 Minuten

Ich schlen­der durch den Bahn­hof zu mei­nem Gleis, und kauf noch schnell eine Tages­zei­tung, dann kommt fast mein Zug, und ich fahre heim. Den wich­ti­gen Per­so­nen muss ich natür­lich noch Namen und Beschrei­bun­gen, sowie ein wenig Back­ground geben. Von Seite 1 ver­sucht mich Renate Künast anzu­lä­cheln, die alte Ökotante. Aber das kann sie nicht, glaube ihr feh­len da ein­fach ein paar Mus­keln im Gesicht. Macht nix, sie wird die Auf­trag­ge­be­rin sein und die Gruppe anheu­ern. Ich nenn sie ein­fach Magan Green­wood, gut ist. Rechts neben ihr, ihr Rivale, Klaus Wower­eit. Es geht hier natür­lich um die bald anste­hende Ber­li­ner Land­tags­wahl. Also Klaus, aus dir mach ich den Anfüh­rer der Bösen, auch wenn du es eigent­lich echt nicht ver­dient hast, was mit mili­tan­ten Typen zu machen. Aus Klaus wird Claude Rider­man. Ich blät­tere wei­ter, Kon­takt­an­zei­gen — .na klar. Die bei­den hat­ten mal was mit­ein­an­der, und sind nun Geg­ner. Klaus unter­stützt die Mili­tan­ten, Renate die Guten. Wäh­rend der Zug nach Iller­tis­sen ein­fährt sehe ich die große Che­mie­fa­brik. Na klar! Das ganze Was­ser ist ver­gif­tet in dem Stau­see. Die Fabrik, die ab sofort Klaus gehört, säu­bert das Ganze, nutzt so die Macht in der Region aus.

Noch 15 Minuten

Ich steige in mein Auto und fahre direkt nach Baben­hau­sen zum Spie­len, höre dabei mit einem Ohr Bay­ern 5 Aktu­ell, und es läuft grade ein Bericht zu dem Thema des Elek­tro­au­tos das angeb­lich beschis­sen hat, und dann in der Halle abge­brannt ist. Wie­der eine Idee, das Was­ser war nie ver­gif­tet, alles nur gro­ßer Lug und Trug. Und die Sied­ler sol­len ver­bannt wer­den, weil sie vor­hat­ten, das Was­ser so zu nut­zen. Wenn das raus kommt! Natür­lich steckt hin­ter der Che­mie­fa­brik ein gro­ßer Konzern.

Noch 3 Minuten

Ich steige aus dem Auto aus, gehe die Trep­pen hoch und lasse mir die Fak­ten noch ein­mal durch den Kopf gehen. Die Cha­rak­tere wer­den ange­heu­ert von einer Öko-Aktivistin. Sie sol­len die Sied­ler dort unter­stüt­zen. Dazu muss ein LKW vol­ler Was­ser einen High­way an die­sem rie­si­gen Stau­see ent­lang zu der Farm gebracht wer­den. Lei­der wird der LKW etwas zer­schos­sen. Es wird nicht genug Was­ser sein. Die Cha­rak­tere haben dann die Mög­lich­keit in dem Ort, auf der Farm, den umlie­gen­den Far­men Infor­ma­tio­nen zu sam­meln und sich ein Bild zu machen. Zwi­schen­durch wird die Farm von den Mili­tan­ten ange­grif­fen, sie sol­len ver­trie­ben wer­den. Dann sol­len sie eine Was­ser­probe vom Stau­see holen, der streng bewacht wird und mit Zaun drum herum gesi­chert ist. Kon­zern­ge­lände. Die Probe wird erge­ben, dass das Was­ser sau­ber ist, ein rie­sen Skan­dal. Nun brau­chen sie trotz­dem noch Was­ser und haben die Mög­lich­keit, durch einen alten Gold­s­tol­len ein Rohr zu legen um Was­ser zu klauen, oder eben direkt an die Öffent­lich­keit zu gehen, sowie die Fabrik anzu­grei­fen und einen Was­ser­truck zu steh­len. Alles in allem ziem­lich viele stim­mige Mög­lich­kei­ten für einen unter­halt­sa­men Abend.

Show­time

Michael macht die Tür auf, ich lächel ihn an. Direkt sagt er mir, ich würde ver­dor­ben lächeln — das wird wohl kein leich­ter Abend für sie — .wie Recht er hat.

7 Kommentare

  1. Hut ab, das nenn ich mal ein gelun­ge­nes Bei­spiel für schnel­les Brain­stor­ming im Not­fall. Lei­der ist mir das nicht in die­sem Maße gege­ben. Nicht dass ich keine Ideen hätte (eigent­lich hab ich stän­dig wel­che), aber unter Zeit­druck spie­len diese sehr gerne Ver­ste­cken, inso­weit ver­su­che ich sol­che Situa­tio­nen mög­lichst zu vermeiden.

    Sage ich aber mit einem gewis­sen Neid. :)

  2. Nicht schlecht. An sol­chen Tagen macht sich ein gute NSC-Bibliothek auch immer sehr posi­tiv bemerk­bar. Und irgend­wie lus­tig zu lesen, wie Du durch eine Gegend fährst in der ich auch immer wie­der bin.

  3. Ja, mein wir­rer Geist ist manch­mal zu was gut. Und ich glaub meine Jungs und Mädels mögen gene­rell meine Abenteuer.

    Aber kein Neid bitte :-)

  4. Das mal ne gute Idee, ich werd mir ein­fach mal ne NSC Biblio­thek anle­gen.
    Nor­ma­ler­weise blei­ben schon­mal genutzte NSC´s die nicht ster­ben in der Kam­pa­gne, oder in dem Set­ting das ich durch­aus auch mit meh­re­ren Grup­pen spiele. Aber so ne rich­tige NSC Biblio­thek werd ich mir mal zusammentragen.

  5. Der Neid bezieht sich nur dar­auf, dass ich zwar für mich durch­aus Mit­tel und Wege gefun­den habe, wie ich diese Panik­mo­mente umge­hen kann, mein Vor­ge­hen aber mit effi­zi­en­ter Zeit­nut­zung wenig zu tun hat. ;)

  6. Sehr schö­ner Text! Die Her­an­ge­hens­weise gefällt mir sehr gut, von ein­zel­nen Impres­sio­nen aus­ge­hend eine Geschichte zu erschaf­fen ist ein schö­ner Weg, erfor­dert als Spiel­lei­ter aber auch eine gewisse Erfah­rung. Das ist auf jeden Fall eine fort­ge­schrit­tene Tech­nik. ;)

  7. „Natür­lich haben sie Ver­fol­ger. Die Gruppe ist in einem Tank­last­zug und trans­por­tiert Was­ser zu dem Feld. Eine tolle Szene. Ich liebe Ver­fol­gungs­jag­den.“ — Das könnte fast Mad Max mit sei­nem Ben­zin­truck sein… ;)

    Tol­ler Arti­kel und Respekt für die Fähig­keit so viel Fan­tas­ti­sches aus Dei­ner Umwelt zu zie­hen. Das nenne ich eine wahr­haft roman­ti­sche Seele. In allem das „Fan­tas­ti­sche“ sehen kön­nen. Oder wie Wil­liam Blake sagen würde „To see a world in a grain of sand…“

    Aber ich musste auch sehr lachen bei dem Arti­kel, weil ich das nur zu gut kenne, also das im letz­ten Moment noch schnell was aus den Fin­gern sau­gen müs­sen. Das liegt aber auch häu­fig an mei­ner Faul­heit. Ich schiebe immer gerne Dinge auf die lange Bank… ;)

Trackbacks/Pingbacks

  1. The Existence, The Agony – unknown armies - [...] war schwerer als ich dachte, aber zusätzlich zu Amels Blogeintrag, hatte ich vor einigen Tagen den Blog von Teilzeithelden ...
  2. Das Notfallköfferchen Teil II: Das Notfallköfferchen für den Spielleiter | Teilzeithelden - [...] die­ser Stelle sei auf den Arti­kel von Andreas ver­wie­sen, wo er an einem Bei­spiel schön beschreibt, wie man aus ...
  3. Alles überschaubar - ERM Diagramme für den Spielleiter | Teilzeithelden - [...] zwei­tes Bei­spiel zum Schluß habe ich ein­fach mal den Spontan-Plot aus Andreas‘ Arti­kel in ein Dia­gramm [...]

Einen Kommentar schreiben