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Bard*innen – Charaktere voller Missverständnisse. Frage zehn Larper*innen, wer oder was Bard*innen sind, und Du bekommst zehn verschiedene Antworten. Genauso unterschiedlich werden Bardencharaktere auch angespielt. Dies ist der Versuch, Bardencharaktere einmal von allen Seiten zu beleuchten und die unterschiedlichen Ansätze vorzustellen.

Ebenfalls erschienen in der Serie „Stereotypen im LARP“:

 

Wer oder was ist eigentlich ein Barde?

Das Wort „Barde“ hat viele Bedeutungen. Den eigenen Charakter einfach als „Barden“ zu beschreiben, genügt also nicht. Schauen wir uns erst einmal an, wie groß die Bandbreite der Charakterkonzepte ist, die als „Barde“ bezeichnet werden.

Der Ursprung: Barden als Historiker und Geschichtenerzähler

Das Wort “Barde“ selbst stammt aus dem keltischen Sprachraum. Der Ursprung ist das altkeltische „Bardos“, und heute findet man das Wort noch in gälischen Dialekten als „Bard“, „Bardd“ oder „Barzh“. Strenggenommen bezeichnet das Wort Sänger und Dichter des keltischen Kulturkreises, wurde und wird aber auch für andere Kulturkreise benutzt.

Die frühen Barden hatten die Aufgabe, Geschichten mündlich zu tradieren. Lange Erzählungen in Reimform wurden gesprochen oder gesungen vorgetragen und so von Generation zu Generation weitergegeben. Die Wichtigkeit dieser Aufgabe führte dazu, dass es neben wandernden Barden auch Hofbarden hab, die teilweise später als Hofbeamte angestellt wurden.

Im Mittelalter wurden im keltischen Kulturraum sogar Bardenschulen gegründet, um das Wissen weiterzugeben. Diese Idee wurde in der Neuzeit wieder aufgegriffen und führte zu einer Wiederbelebung der Tradition. Heute kümmern sich diverse Vereinigungen um die Vermittlung bardischen Wissens sowie der keltischen Sprache und Dichtkunst.

Wie spiele ich das im LARP?

Drei Barden geben eine Darbietung © sarahdoow
Drei Barden geben eine Darbietung © sarahdoow

Reine Geschichtenerzähler*innen sind im LARP seltene Charaktere. Allerdings können gute Geschichtenerzähler*innen jede Feier oder Lagerfeuerrunde enorm bereichern.

Die Funktion als Historiker*in kommt im LARP eher der von Wissenssammler*innen gleich, welche die Ereignisse akribisch aufschreiben und versuchen, die Zusammenhänge zu verstehen. Einzelne Ereignisse werden wie Perlen auf die Schnur der Erzählung aufgereiht, vielleicht sogar in Gedichtform. Wenn dann am Ende alle um das Lagerfeuer herum sitzen und den hoffentlich errungenen Sieg feiern, treten die Geschichtenerzähler*innen hervor und rücken die begangenen Heldentaten und ihre Hintergründe noch einmal in gutes Licht. Es kann auch gesungen werden, aber die musikalische Darbietung steht bei dieser Form des Konzepts nicht im Vordergrund.

Es existieren viele bespielte Bardenschulen, die sich nicht ausschließlich auf musikalische Ausbildung beschränken, sondern auch den Aspekt des Geschichten-Tradierens aufgreifen.

Bard*innen in Pen&Paper- und Computerrollenspielen: Buffer und Zauberschleudern

Ein gänzliches anderes Bild des Bardenkonzepts zeichnen Rollenspiele am Tisch oder am Computer. Da das reine Sammeln von Geschichten auf Dauer zu langweilig wäre, sind die Bardencharaktere meistens magisch begabt und in der Lage, anderen Mitgliedern der Gruppe durch ihre Kunst zur Seite zu stehen. So können sie beispielsweise oft den anderen Charakteren im wahrsten Sinne des Wortes Mut zusingen.

Je nach System können Bard*innen zusätzlich noch tatsächliche Zauber sprechen, die allerdings meistens ebenfalls darauf ausgelegt sind, den Mitgliedern der Gruppe Verbesserungen zu geben. In einigen Fällen können Barden auch heilen.

Einige Regelwerke erhalten jedoch auch den Aspekt der Geschichtskenntnis, was sich dann durch verbesserte Wissensfertigkeiten oder besonderes Detailwissen darstellt.

Wie spiele ich das im LARP?

Bardenmagie ist auch im LARP bekannt. In den meisten Regelwerken stehen Bard*innen die gleichen Zauber zur Verfügung wie anderen Magieanwender*innen auch. Meist existieren aber nicht viele Zauber, die in der Lage sind, mehrere Gruppenmitglieder mitten im Geschehen durch ihre Darbietung oder Zauber mit Verbesserungen zu belegen. Diese Buffs müssen deshalb meist vor Kämpfen erfolgen, was aber oft nicht so wirklich zum Bardenspiel passen will.

Damit sich dies nicht wie ein Umschalten zwischen Barden- und Heilungscharakter anfühlt, sollten Bardenspieler*innen mit der Spielleitung sprechen und herausfinden, ob sie die Standardzauber des jeweiligen Regelwerkes verwenden müssen oder diese abwandeln dürfen. Natürlich kann man einfach die Formel aufsagen, aber schöner ist es, wenn bardische Magie irgendetwas mit Geschichten oder Musik zu tun hat. Eine Hand auflegen und einen seltsamen Singsang anstimmen wirkt besser, als wie ein Magier eine Formel zu sprechen.

Wenn eine ganze Gruppe beispielsweise mit verbesserter Rüstung ausgestattet werden soll, können Geschichtenerzähler*innen eine Erzählung von einer gut gerüsteten Krieger*in anbringen, und bei jedem Treffer, den die Rüstung in der Geschichte abfängt, einen Körperteil eines der Gruppenmitglieder berühren. Am Ende der Geschichte informiert man die Gruppe, dass auch sie jetzt die Kraft dieser Rüstung genießt. Für die Spielleitung sind das rechnerisch immer noch lauter einzelne Rüstungszauber, aber die Präsentation ist deutlich bardischer.

Viele Bard*innen sind sehr potente Heiler und können somit nach dem Kampf helfen, den überlebenden Kämpfer*innen zu helfen. Auch hier gilt: Die Bardenspieler*innen sollten sich Gedanken darüber machen, wie ihre Bardenmagie funktioniert. Heilen ohne viele Komponenten, aber beispielsweise mit aufgelegter Hand und einer gesummten Melodie ist für einen Bardencharakter sicher archetypischer als das Aufsagen der Standardformel.

Ob auf der Bühne oder im freien Feld - Barden sind gern gesehen © donogl
Ob auf der Bühne oder im freien Feld – Barden sind gern gesehen © donogl

Bard*innen in Fanfiction und -filmen: von galant bis charmant

Bard*innen werden in Fanfiction und -filmen oft als Verführungskünstler*innen, Überredungskünstler*innen oder generell Socializer dargestellt. Dies war ursprünglich wahrscheinlich aus der Not heraus geboren, um Bard*innen eine Position in der Gruppe zuzuweisen, die im Screenplay präsent ist – ohne, dass diese Figur dauernd singt. Passiv kann man Bardenfiguren hervorragend darstellen, also als Charakter, der von anderen angespielt wird und dann interagiert. Aber was macht diese Figur von sich aus?

Da Bard*innen in Literatur und Rollenspiel generell mit hohem Charisma assoziiert werden, lag es nahe, sie die Lücke von Sprecher*innen füllen zu lassen. In moderneren Settings wird diese Rolle auch gerne mal „Face“ genannt, das „Gesicht“ der Gruppe. Diese Bezeichnung geht allerdings eigentlich zurück auf Templeton „Faceman“ Pac, den Socializer des A-Teams, der in der Lage war, so ziemlich jeder Person alles abzuschwatzen, was das Team gerade brauchte. Und manchmal brachte er die Dame des Hauses gleich mit.

Humoristisch überzeichnet führte das dann irgendwann zu dem Charakter, der alles verführt, was nicht bei drei auf den Bäumen ist … und danach den Baum.

Wie spiele ich das im LARP?

Hier kann man leider nicht viele Hilfestellungen geben. Im Gegensatz zum Pen&Paper, wo würfeln eine Option ist, muss im LARP gerade die soziale Interaktion grundsätzlich selbst gespielt werden. Hier gilt in vollem Maße: „Du kannst, was Du kannst.“

Auch die Stimme ist ein wertvolles Instrument © azoutdoorphoto
Auch die Stimme ist ein wertvolles Instrument © azoutdoorphoto

Von Verhandlungen aller Art bis hin zum Anflirten der dunklen Königin bieten sich viele Spielmomente, in denen Sozialcharaktere glänzen können. Handelsbeziehungen, Unterhändler*in bei Streitigkeiten oder generell Problemen, die sich nicht nur mit Waffengewalt lösen lassen, oder Beschaffen des einen wichtigen Artefakts, was das Kind der Herrscher*innen dummerweise als Lieblingsspielzeug auserkoren hat – die Möglichkeiten sind endlos. Allerdings muss man sich diese Möglichkeiten auch selbst suchen, im Gegensatz zu Kampfplots fallen sie nicht einfach so vom Himmel. Wenn man eine Möglichkeit gefunden hat, kann es unter Umständen auch nötig sein, die anderen anwesenden Charaktere erst einmal von der Möglichkeit einer Verhandlung zu überzeugen. Hier bieten sich viele Spielmöglichkeiten.

Wichtig ist ausreichend Selbstvertrauen, eine solche Rolle auch durchzuziehen. Wenige Spieler*innen werden dazu in der Lage sein, jede Person in der Taverne anzuflirten oder gar als charismatische Aufwiegler*innen vor einem vollen Schankraum zu stehen.

Das funktioniert aber auch andersherum: Spieler*innen, die in sozialer Interaktion noch nicht so geübt sind, können ihren Charakter genauso unerfahren anlegen. Man darf kein Problem damit haben, wenn der Charakter ebenfalls unbeholfen wirkt, und muss sicherlich auch den einen oder anderen Seitenhieb einstecken.

Dafür üben allerdings Charakter wie Spieler*in an einer fiktiven Gesellschaft, wie soziale Interaktion funktioniert, wie andere reagieren, wie weit man in Verhandlungen gehen kann oder wie frech man auftreten kann. Dieses Wissen und die gewonnene Selbstsicherheit können später auch im Outtime-Leben hilfreich sein.

Für gemeine Tavernengäste: „Bard*in“ als Synonym für „Die Person mit der Gitarre“

Alle Musiker*innen, welche sich in eine LARP-Taverne begeben, bekommen auf kurz oder lang die Aufforderung „He Barde, so spiele er auf!“ zu hören. Dabei ist es völlig unerheblich, welches Instrument man grade mitführt – oder ob man überhaupt eines dabei hat.

In den meisten Fällen ist dieses Verhalten nicht störend für die Musiker*innen. Die Unterhaltung des Volkes gehört ebenfalls zu den Aufgaben von Bard*innen, und wer Instrumente in eine Taverne trägt, hat meistens das Ansinnen, diese auch zu benutzen.

Je bekannter der Bardencharakter ist, desto öfter hört man diese Aufforderung auch dann, wenn man gar kein Instrument dabeihat oder auf der Suche nach jemandem einfach nur kurz den Kopf in die Taverne steckt. Das geht manchmal sogar so weit, dass Leute ein Lied hören möchten und dabei gar nicht merken, dass man komplett anders gewandet ist und einen komplett anderen Charakter spielt.

Wie spiele ich das im LARP?

Diese Form des Bardencharakters erfordert musikalische Kenntnisse. Allerdings ist sie auch ein zweischneidiges Schwert: Bard*innen müssen nicht zwingend Musiker*in sein, Musiker*innen müssen nicht zwingend Bard*in sein.

Wenn die Musiker*innen tatsächlich auch Bardencharaktere spielen, ist dies ein hervorragender Moment für Charakterspiel. Die Aufmerksamkeit liegt auf den Charakteren, und sowohl Lieder, als auch Geschichten können jetzt hervorragend angebracht werden.

Handelt es sich jedoch um einfache Musikant*innen, welche ohne die eigene Gruppe kein großes Repertoire vorweisen können, ist dies weniger erfreulich. Es ist etwas anderes, beispielsweise Flöte in einem Gruppenarrangement zu spielen oder auf einmal ein Solo spielen zu müssen. Deshalb verweisen viele Musiker*innen, die alleine nicht aufspielen können, oft darauf, dass sie gar keine Bard*innen seien, nur um nicht singen zu müssen.

Dieses Problem tritt noch verstärkt bei Musiker*innen auf, die ein Instrument spielen, zu dem man potenziell auch noch singen könnte – beispielsweise Gitarre. Hier wird grundsätzlich impliziert, dass man als Alleinunterhalter*in auftreten können müsste.

Hier wird gerne der erweiterte Begriff der Spielleute verwendet. Teil davon ist, wer zwar zur Unterhaltung des Volkes am Platze aufspielen kann, allerdings keine hochtrabenden Texte oder Gedichte vortragen kann wie die „richtigen“ Bard*innen.

Störend wird die Angewohnheit, jede Person mit Instrument sofort „Bard*in“ zu nennen, mitunter für die wirklichen Bardenspieler*innen, deren Charakterkonzepte dadurch herabgewürdigt werden, dass auch weniger gebildete oder spezialisierte Charaktere als Bard*in wahrgenommen werden. Mein Appell an alle Bardenspieler*innen an dieser Stelle ist: Spielt eure Charaktere aus und stellt das Missverständnis dadurch richtig. Spielt den anderen Spieler*innen vor, was Bard*innen von Unterhaltungsmusiker*innen unterscheidet. Niemand verbietet Bard*innen, auch Unterhaltungsmusiker*in zu sein – aber nicht alle Unterhaltungsmusiker*innen sind Bard*in.

Was sind Bard*innen wirklich?

Nicht jedes Instrument ist für den Transport geeignet © neilld
Nicht jedes Instrument ist für den Transport geeignet © neilld

Die Antwort auf diese Frage ist vage: alles zusammen, oder besser: von allem ein wenig.

Die meisten Bard*innen im LARP sind tatsächlich Musiker*innen, sie spielen in dieser Funktion auch in den Tavernen zur Unterhaltung auf. Ich sage hier bewusst „auch“, denn die meisten Bardencharaktere können noch mehr als „nur“ musizieren.

Die Hauptsache beim Aufbau eines Bardencharakters ist, sich die Frage zu stellen, was man tagsüber tun möchte. Die eigentlichen Auftritte als Bard*in werden meist in den Abendstunden stattfinden, und in der Zeit davor möchte man sich ja auch in irgendeiner Form am Spiel beteiligen.

Viele Bardenspieler*innen sammeln tatsächlich Geschichten und Informationen. Dabei spielen sie oft mit den anderen „Wissenscharakteren“ zusammen und tauschen sich mit diesen aus. Dadurch können sich die Charaktere gut in die Bewältigung von Plots einbringen und werden auch abseits der Musik wahrgenommen.

Andererseits haben viele Bardencharaktere auch ein zweites Standbein als (magische) Heiler. Das Klischee von heilfähigen Bard*innen ist inzwischen so weit verbreitet, dass andere Spieler*innen oft davon ausgehen, dass Bardencharaktere dies beherrschen.

Natürlich kann man seine Tage auch mit dem Vorbereiten der Abende verbringen, beispielsweise indem man vor Ort Lieder dichtet, die man dann abends zum Besten geben kann. Vielleicht wandert dann sogar das eine oder andere Kupfer von einer in die andere Tasche, damit bestimmte Personen durch den Kakao gezogen werden?

Ist der Charakter erst einmal als Dichter*in oder gar als Charmeur etabliert, besteht natürlich auch die Möglichkeit, den weniger begabten Herrschaften gegen angemessene Bezahlung bei der Minne zu helfen.

Wie musikalisch muss man sein?

Viele Spieler*innen beschränken ihr musikalisches Dasein auf das Reproduzieren von Musik und die reine Unterhaltung. Solange sie sich dabei nicht nur auf die absoluten Gassenhauer konzentrieren, sondern auch das eine oder „überraschende“ Stück dabeihaben, ist die Unterhaltung damit sichergestellt, und der Charakter wird als Musiker*in wahrgenommen. Damit ist das Ziel erreicht – und das Kupfer sicher.

Wieder andere dichten bekannte Lieder auf LARP-Texte um, um damit IT-Lieder zu schaffen. Zwar gibt es da viele Unkenrufe, man solle doch lieber direkt eigene Lieder schreiben – diesen möchte ich aber drei einfache Gegenargumente entgegenhalten:

  1. Nicht jede Person kann eigene Lieder texten. Wenn dabei schönes Spiel rumkommt, spricht eigentlich nichts dagegen, bekannte Melodien zu verwenden. Das ist besser, als das neue Lied über Ritter Krummdolch gar nicht zu singen.
  2. Seit dem Mittelalter, auf dem viele Fantasy-Settings fußen, war es durchaus üblich, eigene Texte auf die Melodien zu singen, die gerade „trendy“ waren. Dieses auch Kontrafaktur genannte Verfahren sorgte dafür, dass stets die neuesten Erzählungen mit den angesagten Melodien verbunden wurden.
  3. Manchmal liegt der besondere Witz eines Liedes gerade darin, dass auch der normale Text des Liedes bekannt ist und die Umdichtung das Thema humoristisch ins LARP übernimmt. Hier sind starke Parallelen zum sogenannten „Filk“ zu sehen: Beim „Fictional Folk“, der in vielen Fandoms entstanden ist, geht es darum, Inhalte von Serien oder Büchern in Song-Parodien zu verpacken. Zwei der bekanntesten (nicht spoilerfreien!) Songs dieser Art dürften „Sounds of Cylons“ (für Battlestar Galactica) und „A Character I Used to Know“ (für Game of Thrones) sein.

Titelbild: surkovdimitri | depositphotos
Artikelbilder: depositphotos, wie gekennzeichnet

Über den Autor

Dieser Artikel wurde von Dexter Filmore geschrieben. Dexter ist ein Vollblut-Geek. Für Teilzeithelden beschäftigt er sich hin und wieder mit Tischrollenspiel- und LARP-Themen. Leider wollte er uns jedoch kein Bild geben, das wir hätten zeigen können.

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