Sie sind bedroht – und wenn sie nicht gerettet werden, sterben sie aus. Tiger und Seeotter sind zwei beispielhafte Tierarten, die im kooperativen Brettspiel Endangered gemeinsam vor dem Aussterben bewahrt werden sollen. Schafft es dieses Spiel trotz ernster Thematik, uns mit einem fantastischen Spielerlebnis in eine bessere Welt zu versetzen?
Durch Abholzung der Wälder und die Verschmutzung der Meere zerstört die Menschheit seit Jahrhunderten den Lebensraum von Pflanzen und Tieren. Endangered greift dieses sehr ernste Thema auf und macht die Spielenden zu Tierschützer*innen. Damit trifft Endangered auf den ersten Blick den Nerv der Zeit.
Denn egal, ob Flügelschlag für Vogelinteressierte, Erde für Naturfreund*innen, Arche Nova für Zoomanager*innen oder Die Wölfe für Wolf-Fans: Tier- und Naturthemen sind nicht erst seit der SPIEL ESSEN 2024 häufiger Thema von Brettspielen. Daher kann auch Endangered auf ein breites Publikum, das sich die Flora und Fauna auf den Brettspieltisch holt, hoffen.
Endangered ist erstmals 2020 auf Englisch erschienen. 2024 kam das Grundspiel nun auch auf Deutsch heraus. Es verspricht, ein hochkommunikatives Koop-Spiel zu sein. Daher haben wir das Grundspiel mit dem Tiger- und Otterszenario für euch getestet.
Gewalt gegen Tiere, Ausrottung von Tieren
Inhaltsverzeichnis
Spielablauf

In Endangered übernehmen die Spielenden die Rolle von Umweltjurist*innen, Interessenvertreter*innen, Investor*innen, Dokumentarfilmer*innen oder Zoolog*innen, um gemeinsam bedrohte Tierarten zu retten. Ihr Ziel: vier Staaten von der Notwendigkeit der Rettung der Tiere zu überzeugen. Konkret bedeutet das, dass im Abstimmungsjahr eine bestimmte Anzahl an Einflusssteinen auf den jeweiligen Länderkarten liegen muss.
Dazu nutzen die Spielenden die verfügbaren Aktionen, die sie mittels Würfelplatzierung aktivieren. So können Handkarten ausgespielt, Gefahren für die Tiere vom Spielbrett entfernt oder eben Einflusssteine auf den Länderkarten platziert werden. Leider durchkreuzen in jeder Runde unvorhergesehene Ereignisse die geplanten Rettungsaktionen, die das Glück der Spielenden herausfordern.
Um Endangered erfolgreich zu meistern, sind präzise Absprache und gut geplante Spielzüge erforderlich, denn die Zeit ist knapp. Eine Partie besteht aus mehreren Runden, die in Jahren gezählt werden. Die Spielzeit beträgt immer etwa eine Stunde, unabhängig von der Personenzahl. Das bedeutet: Je mehr Spieler*innen teilnehmen, desto weniger Runden stehen zur Verfügung. Die Spielzeit könnte lediglich durch ausufernde Planungen verlängert werden.
Verloren ist das Spiel, wenn im zweiten Abstimmungsjahr nicht ausreichend Einflusssteine auf mindestens vier Ländern liegen, die Tierpopulation während des Spiels zu stark zurückgegangen oder der Lebensraum komplett zerstört ist.

In jedem Jahr sind alle Mitspielenden einmal am Zug, wobei die Reihenfolge von Runde zu Runde variieren kann. Wer am Zug ist, durchläuft fünf Schritte:
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In der Aktionsphase erhält die Person am Zug ihre drei Würfel zurück, würfelt neu und platziert sie auf verfügbare Aktionen, um diese zu nutzen.
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In der Nachwuchsphase wird der orangefarbene Nachwuchswürfel geworfen. Ist die Augenzahl niedriger als die Summe der Tierpaare plus eins, war die Nachzucht erfolgreich und ein neues Tier wird auf das Spielfeld gestellt.
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In der Zerstörungsphase bestimmt der schwarze Würfel, wo auf dem Spielfeld die Abholzungs- (Tigerszenario) beziehungsweise Verschmutzungsplättchen (Otterszenario) gelegt werden.
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In der Ereignisphase wird eine Ereigniskarte aufgedeckt. Es gibt einmalige, aber auch dauerhafte Ereignisse, die meist negative Folgen haben.
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In der Aufräumphase wird eine neue Karte vom eigenen Stapel gezogen und die nächste Person an der Reihe bestimmt.

Auch wenn immer nur eine Person am Zug ist, sind alle Mitspielenden dauerhaft involviert, um sich abzusprechen, welche Aktionen gewählt werden. Die Schwierigkeit: Die eigenen Würfel bleiben so lange auf den Aktionsfeldern liegen, bis man wieder an der Reihe ist. So können hohe Würfelergebnisse Aktionen für Mitspielende blockieren, da die Augenzahl von neu platzierten Würfeln immer höher sein muss. Im Spiel zu zweit muss sie sogar um zwei höher sein.

Durch die fünf verschiedenen Rollen entsteht eine leichte Asymmetrie im Spiel. Jede Rolle besitzt nämlich zwei Spezialfähigkeiten, von denen zu Beginn eine ausgewählt wird. Dadurch werden alle Spielenden gewissermaßen zu Spezialist*innen in einem Bereich und können sich gut ergänzen. Außerdem hat jede Rolle ein eigenes Kartendeck. Karten mit gelber Schrift sind nur im Deck der jeweiligen Rolle vorhanden und können besonders wertvoll sein.
Insgesamt gibt es drei Kartenarten: Aktionen, einmalige und dauerhafte Karteneffekte. Die Aktionskarten werden beim Ausspielen zu den bereits ausliegenden Aktionen gelegt und können fortan von allen Mitspielenden genutzt werden. Karten mit dem Schlüsselwort „dauerhaft“ werden in den eigenen Spielbereich gelegt und bringen einen permanenten Bonuseffekt, wohingegen Karten mit einmaligen Effekten nach der Nutzung aus dem Spiel sind.
Durch die erforderliche Kommunikation der Teammitglieder gibt es kaum Downtime. Aber egal, wie gut man sich bespricht und plant – am Ende kommt es immer anders, als man denkt. Endangered ist durch die vielen Würfel und die Ereignisse unberechenbar und extrem glückslastig. Das kann bei den Spieler*innen zu Frustration führen, wenn die Tiere auch zum dritten Mal nicht gerettet werden konnten.
Wer aber keine Lust auf frustrierte Mitspielende am Tisch hat, kann Endangered auch solo spielen. Das macht ebenso viel Spaß wie in der Gruppe. Die einzige Änderung im Solospiel ist, dass man zwei Rollen übernehmen muss. Ich empfehle, auch im Spiel zu zweit, zwei Rollen zu spielen, um die Herausforderung zu steigern.
Ausstattung

Mit einem bedrohlich dreinblickenden Tiger auf dem Cover ist die Box von Endangered ansprechend und thematisch gestaltet, was auch für das restliche Spielmaterial gilt. Da die Box leider kein Inlay enthält, liegt das wertige Material jedoch lose in der viel zu großen Box. Lediglich ein paar Plastikbeutel sind beigelegt. Doch warum ist so viel Luft in der Box? Wäre bei dem hohen Preis nicht wenigstens ein Papp-Inlay drin gewesen? Auch wenn Karten, doppelseitiger Spielplan und die dicken Pappmarker eine gute Qualität aufweisen, so erscheint der Preis angesichts der fast schon leer wirkenden Spielschachtel viel zu hoch.
Positiv fällt das Spielmaterial für die Spielenden auf: Die Rollentableaus sind beidseitig bedruckt, sodass die Spielenden auswählen können, ob sie lieber eine männliche oder weibliche Rolle spielen. Die dazugehörigen Würfel in der Spieler*innen-Farbe wirken sehr wertig und fühlen sich gut in der Hand an.

Das Grundspiel enthält das Tiger- und Otterszenario. Der Spielplan hat daher eine Wald- und eine Meerseite. Die niedlichen Tierfiguren sind aus lackiertem Holz gefertigt und sorgen für ein thematisches Spielerlebnis.
Je nach Szenario und gewähltem Schwierigkeitsgrad gibt es in der Nachwuchs- und Zerstörungsphase sowie in der Spielvorbereitung spezielle Regeln, die auf einem separaten Kärtchen erläutert werden. Außerdem gibt es vier Spielzugübersichten. So muss man nicht extra in der Spielanleitung blättern, auch wenn diese optisch und inhaltlich wirklich gut gestaltet ist, sodass die Regeln zügig gelesen und schnell erfasst sind.
Die harten Fakten:
- Verlag: Asmodee, Grand Gamers Guild
- Autor*in(nen): Joe Hopkins
- Illustrator*in(nen): Ben Flores, Beth Sobel
- Erscheinungsjahr: 2024
- Sprache: Deutsch
- Spieldauer: 60 – 90 Minuten
- Spieler*innen-Anzahl: 1 – 5 (am besten zu dritt; empfohlen für jede Personenanzahl)
- Alter: ab 10 Jahren
- Preis: ab 50 Euro
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Bezugsquelle: Fachhandel, Amazon
Bonus/Downloadcontent
Wer einen Blick in die Regeln werfen will, findet die Spielanleitung zum Download auf der Produktseite von Asmodee.
Die offiziellen Erweiterungen New Species, Giant Panda Scenario, Monarch Butterfly Scenario und American Red Wolf Scenario sind bisher nicht auf Deutsch erschienen. Aber: Auf BoardGameGeek gibt es die zwei Print-and-Play-Fanszenarien Flussperlmuscheln und Wale.
Fazit
Endangered ist ein tierisch kooperatives Spiel mit niedriger Einstiegshürde, aber herausfordernd genug für spielerfahrene Familien und Gelegenheitsspielende. Auf die leichte Schulter sollte man dieses Brettspiel mit ernstem Thema allerdings keineswegs nehmen. Durch die Würfel und zufälligen Ereignisse spielt das Glück eine große Rolle bei Endangered. Denn jeder noch so durchdachte Plan, die Botschafter*innen zur positiven Abstimmung zu bringen, kann im Nu durch ein Ereignis oder ungünstige Würfel durchkreuzt werden. Strateg*innen können hier schnell enttäuscht sein.
Abgesehen vom Glücksfaktor: Endangered ist ein tolles kooperatives Spiel mit hoher Interaktion. Je höher die Anzahl der Mitspielenden, desto intensiver muss sich abgesprochen werden. Teamwork ist das A und O, um zu Retter*innen zu werden.
Auch mit der Thematik kann Endangered bei uns punkten. Jedes Szenario erzählt eine echte Geschichte einer Tierart, mit der spielerisch auf ein wichtiges Thema aufmerksam gemacht wird, ohne den mahnenden Zeigefinger zu erheben. Und dennoch sensibilisiert es, sich intensiver mit dem Tierschutz auseinanderzusetzen, wirkt aber trotzdem nicht belehrend.
Das Material und die Aufmachung sind zudem ansprechend. Schade ist allerdings, dass es kein Inlay gibt, um das schöne Material geordnet in der Box einzusortieren. Auch die UVP wirkt bei der vielen Luft in der Schachtel etwas zu hoch.
Dennoch vergeben wir 4 von 5 scharfen Tigerkrallen.

- sehr thematisch und lehrreich
- viel Interaktion mit wenig Downtime
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schönes Material
- hohe Preisempfehlung
- sehr glückslastig
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kein Inlay
Artikelbilder: © Asmodee
Layout und Satz: Konstantin Paessler
Lektorat: Gloria Puscher
Fotografien: Michelle Saarberg
Dieses Produkt wurde kostenlos zur Verfügung gestellt.
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