Immersion – Auf das richtige Maß kommt es an

Aug 29

Immersion – Auf das richtige Maß kommt es an

Rol­len­spiel – das bedeu­tet Ein­tau­chen in fremde Wel­ten und andere Cha­rak­tere. Das Erle­ben von Situa­tio­nen und Emo­tio­nen, die nicht real sind. Und doch sind sie meist wesent­lich inten­si­ver als eine ein­fa­che Erzäh­lung zu hören, ein Buch zu lesen oder einen Film zu gucken. Die Immer­sion ist ein­fach eine andere…

Anmer­kung: Wann immer ich von “dem Spie­ler” spre­che, meine ich damit genauso “die Spie­le­rin” (und mei­net­we­gen auch “das Spie­lerum” oder so).

Defi­ni­tion

Immer­sion - latei­nisch für Ein­tau­chen oder Ein­bet­ten. In der Art, wie es im Rol­len­spiel ver­stan­den wird, stammt der Begriff aus der frü­hen Film­zeit, als durch die Kamera eine direk­tere Teil­habe am Gesche­hen mög­lich wurde, als dies im Thea­ter der Fall war. Wo das Thea­ter nur ein Fens­ter war, durch das man auf das Gesche­hen blickte, stets aus dem glei­chen Win­kel, gelangte man durch die Kamera mit­ten ins Gesche­hen hinein.

Der nächste logi­sche Schritt wer­den vir­tu­elle Rea­li­tä­ten, wie man sie bis­her vor­nehm­lich aus der Sci­ence Fic­tion kennt, sein. Diese ermög­li­chen auch eine Inter­ak­tion mit der erleb­ten Welt und so eine noch tie­fere Immer­sion bieten.

Rol­len­spiel ermög­licht es uns, diese vir­tu­el­len Wel­ten schon jetzt zu erschaf­fen und zu erle­ben – in unse­ren Köp­fen. Und je nach Spiel­weise kann man dort von unter­schied­li­chen Immer­si­ons­ni­veaus sprechen:

Am einen Ende der Skala (nicht gemeint ist am unte­ren Ende, denn das hier soll keine Wer­tung sein! Ich bin begeis­ter­ter Brett­spie­ler!) fin­det man Table­top­spiele bzw. Rol­len­spiel­run­den, die ex­trem kampf­o­ri­en­tiert sind und meist Sys­teme ver­wen­den, die einen ent­spre­chen­den Fokus auf­wei­sen (zum Bei­spiel D&D4). Diese ha­ben eine eher geringe Immer­sion. Es ist mehr ein Brett­spiel als ein Rol­len­spiel (Roll­play vs. Roleplay).

Am ande­ren Ende (nicht gemeint ist am obe­ren Ende, denn das hier soll keine Wer­tung sein! Ich bin begeis­ter­ter LAR­Per!) sind dann Liverol­len­spiele, die meist kom­plett ohne Zufalls­ele­mente aus­kommen, in den letz­ten Jah­ren immer stär­ker regel­arme bis regel­freie Sys­teme ver­wen­den und so maxi­ma­len Wert auf den rol­len­spie­le­ri­schen Aspekt legen.

Anwend­bar­keit auf das Rollenspiel

Die meis­ten Rol­len­spiel­run­den lie­gen irgendwo zwi­schen die­sen bei­den Extre­men und fin­den ihr ei­genes Niveau. Was aber kann pas­sie­ren, wenn dabei etwas schief geht?

Grund­sätz­lich sind dabei zwei Fälle zu unterscheiden:

Ein Mit­glied der Gruppe weicht stark vom “ver­ein­bar­ten” Immer­si­ons­ni­veau ab

Das kann in bei­den Rich­tun­gen pas­sie­ren: Ein Hack & Slay Spie­ler spielt in einer dra­ma­ti­schen Call of Cthulhu Runde mit und will immer nur bal­lern oder eine Drama Queen lan­det in einem Dun­geon Crawl.

Beide Fälle bedeu­ten ein­fach nur, dass die Spiel­stile der Spie­ler der Gruppe nicht wirk­lich zusam­menpassen und man viel­leicht eine Lösung dafür fin­den muss. Ob diese dann ist, dass sich der Spiel­stil (von Per­son oder Gruppe) ändert oder ob viel­leicht eine andere Grup­pen­zu­sam­men­set­zung bes­ser wäre, ist dann ebenso neben­säch­lich wie die­ser Fall für den Arti­kel, denn eigent­lich geht es hier um:

Die Immer­sion eines Spie­lers erreicht unge­sunde / gefähr­li­che Dimensionen

Da das geringste mög­li­che Niveau an Immer­sion ein­fach “keine” ist, ist ein unge­sund nied­ri­ges Ni­veau nicht mög­lich. Man mag sich zwar fra­gen, warum jemand Rol­len­spiele spielt, der entspre­chend gepolt ist, aber wirk­lich pro­ble­ma­tisch ist das nicht.

Ent­spre­chend brau­chen wir nur die zu starke Immer­sion zu betrachten.

Wie schon oben geschrie­ben gibt es einige Par­al­le­len zwi­schen Immer­sion im Medium Film / Com­puterspiel / VR und Immer­sion im Rol­len­spiel. Der hier zu betrach­tende Fall kommt im Film gerade in den spä­ten 90er Jah­ren, einer Zeit, in der Tech­no­pho­bie einen gro­ßen Boom erlebte, gerne als Thema vor: Von Matrix über 13th Floor bis hin zu eXis­tenZ gibt es diverse Filme, die davon han­deln, dass die Gren­zen zwi­schen Rea­li­tät und Simu­la­tion ver­schwim­men, bzw. es Men­schen gibt, die gar nicht wis­sen, dass sie nicht in der Rea­li­tät leben.

Über­tra­gen aufs Rol­len­spiel geht es also um Spie­ler, bei denen die Grenze zwi­schen Spie­ler und Cha­rak­ter verschwimmt.

Die ein­fachste und zugleich unge­fähr­lichste Form davon ist, wenn jemand eigent­lich nur sich selbst spielt, also ein­fach nie ein ech­tes Spiel statt­fin­det, da sich der gewählte Cha­rak­ter gar nicht so sehr vom Spie­ler unter­schei­det. Die­ser Fall ist spie­le­risch recht ein­falls­los, stellt aber auch für nieman­den wirk­lich ein Pro­blem dar.

Leute, die sich selbst spie­len, haben im Nor­mal­fall ein­fach nicht ge­nug Phan­ta­sie, um ein wirk­lich hohes Niveau an Immer­sion zu erreichen.

Roger sagt: Zu beden­ken gebe ich hier­bei, dass es Spie­ler gibt, die sich selbst (quasi) spie­len und daher alle Miss­ge­schi­cke, die dem Cha­rak­ter wider­fah­ren, auch direkt auf sich als Mensch bezie­hen. Auch das ist gefährlich.

Aber nach­dem wir nun all die unpro­ble­ma­ti­schen Fälle aus­ge­schlos­sen haben, kom­men wir doch zu dem wirk­li­chen Problemfall:

Die Immer­sion wird bei einem Spie­ler so stark, dass die Grenze zwi­schen Cha­rak­ter und Spie­ler für ihn nicht mehr klar erkenn­bar ist, bzw. er ver­gisst, dass all die Dinge, die man spielt, eigent­lich nur dem Cha­rak­ter pas­sie­ren, und nicht ihm selbst.

Um ein Bei­spiel aus mei­ner Zeit des Vam­pire Live zu nen­nen: Es gab meh­rere Spie­ler, die ihre Cha­raktere so inten­siv spiel­ten, dass jedem klar war, dass das nicht mehr gesund sein konnte. Wir wuss­ten, sollte den Cha­rak­te­ren etwas zusto­ßen, wür­den die ent­spre­chen­den Spie­ler dar­un­ter schwer lei­den. Ent­spre­chend haben wir als Spiel­lei­tung diese Cha­rak­tere mit Samt­hand­schu­hen ange­fasst, um eben die­sen Fall nicht ein­tre­ten zu las­sen. Sicher­lich nicht die ein­zig mög­li­che Wahl von unse­rer Seite, aber damals erschien sie uns korrekt. 

Heute würde ich eher die ent­spre­chen­den Spie­ler zu ei­nem Gespräch ein­la­den und ihnen die Pro­ble­ma­tik schildern.

Aber nicht nur der Tod eines Cha­rak­ters kann bei zu hoher Immer­sion für Trau­mata sor­gen: Auch andere schwere Lei­den (z.B. Fol­ter, kör­per­li­cher oder see­li­scher Art, falls die Runde so etwas er­laubt) wer­den schnell zum Pro­blem. Wohl auch aus die­sem Grund gibt es auf eini­gen End­zeit LARPs von vorn­her­ein die Wahl, ob man an sol­chen Sze­nen wirk­lich teil­ha­ben will oder nicht, was dann durch ein ent­spre­chen­des Bänd­chen gekenn­zeich­net wird.

Nur, wer sich das selbst zutraut, sollte in sol­che Situa­tio­nen gebracht werden.

Sogar posi­tive Ereig­nisse kön­nen, bei einer zu star­ken Über­tra­gung auf den Spie­ler, zu einem Pro­blem werden:

Neh­men wir ein­mal an, dass sich zwei Cha­rak­tere im Spiel ver­lie­ben und eine Bezie­hung ein­ge­hen. Wenn nicht bei­den betei­lig­ten Spie­lern klar ist, wie viel davon auf Rol­len­spiel und wie viel auf ech­ter Anzie­hung beruht, kann das schnell zu Miss­ver­ständ­nis­sen füh­ren. Oder wenn der reale Lebens­ab­schnitts­ge­fährte von einem der Betei­lig­ten eben­falls am Tisch sitzt und sich nicht sicher sein kann, ob gerade eine Grenze über­schrit­ten wurde, hat man eben­falls ein Problem.

Bei­spiele gibt es noch unzäh­lige, aber sie haben alle eines gemein­sam: Eine zu starke Immer­sion führt zu einer (zu star­ken) emo­tio­na­len Über­tra­gung vom Cha­rak­ter auf den Spieler.

Kon­se­quen­zen

Was aber tun, wenn man bemerkt, dass ein Spie­ler zu sehr ins Spiel ein­taucht? Meine Emp­feh­lung ist, dann viel­leicht ein­fach mal eine Zwangs­pause ein­zu­le­gen, und wenn es nur 10 Minu­ten sind. In die­ser Zeit dann andere The­men anspre­chen, die rein gar nichts mit dem Spiel zu tun haben, damit die Gedan­ken des Spie­lers ein­fach in eine andere Rich­tung gelenkt wer­den und so wie­der Abstand zum Cha­rak­ter gewon­nen wer­den kann.

Für den Fall, dass es wie­der­holt pas­siert, sollte man auf jeden Fall mit dem Spie­ler spre­chen und nach gemein­sa­men Lösun­gen suchen. Man könnte Maß­nah­men, die die Immer­sion ver­stär­ken (Sze­nenmusik, Licht) bewusst zurück­fah­ren, regel­mä­ßige Pau­sen ein­le­gen, dem Spie­ler viel­leicht einen ande­ren Cha­rak­ter emp­feh­len. Oder, wenn man sich sicher genug ist, dass der Spie­ler kei­nen Scha­den davon­trägt, den Cha­rak­ter­wech­sel erzwin­gen, indem man den pro­ble­ma­ti­schen Cha­rak­ter mög­lichst episch über die Klinge sprin­gen lässt. Manch­mal ist ein Stoß ins kalte Was­ser genau die rich­tige Therapie.

Sollte all das nicht hel­fen, hat der Spie­ler ver­mut­lich ein tie­fer gehen­des Pro­blem und sollte viel­leicht pro­fes­sio­nelle Hilfe suchen.

Wir hören das viel­leicht alle nicht gerne, und ein gewis­ses Maß an Rea­li­täts­flucht ist auch gar kein Pro­blem und im Rol­len­spiel fest ein­ge­plant, aber wenn man droht, sei­nen Anker in der Rea­li­tät zu ver­lie­ren, ist es Zeit, aufzuhören!


Die­ser Arti­kel ent­stand im Rah­men des Kar­ne­vals der Rol­len­spiel­blogs „Emo­tio­nen im Rol­len­spiel [August 2012]“ “, der von Hróðvit­nir (Tag­schat­ten) orga­ni­siert wird. Sei­nen eröff­nen­den Bei­trag zum Umzug fin­det man hier: Klick.  

 

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13 Kommentare

  1. Sehr guter Arti­kel. Das rich­tige Maß an Immer­sion ist mei­ner Mei­nung nach eines der ent­schei­den­den Merk­male für ein wirk­lich gutes bzw. wirk­lich schlech­test Rollenspiel.

  2. Per­sön­lich würde ich sagen, dass meine Immer­sion vor­al­lem ein der schlimms­ten Jugend­zeit ein fast unge­sun­des Maß erreichte. Mitt­ler­weile hab ich das lange hin­ter mir und nehme sowas deut­lich gelas­se­ner. Wenn mein Cha­rak­ter schon unter­geht, ver­su­che ich wenigs­ten den Mit­spie­ler eine gute Show zu bie­ten. Das hängt auch etwas vom SL ab, stellt aber in der Regel kein Pro­blem dar.

    Wir reden hier nicht von minu­ten­lan­gen Abschieds­mo­no­lo­gen, sowas kann ich nicht, son­dern ein­fach das Beste draus machen. Im letz­ten Moment noch ein heroi­sche Tat raus­ho­len viel­leicht oder was ähnliches.

  3. Adrian Bongarts via Facebook /

    Ich stelle häu­fi­ger fest, dass sich Denk­mus­ter aus dem Rol­len­spiel auf die Rea­li­tät über­tra­gen. Inwie­fern das mit dem zuvor ereich­ten Immer­si­ons­grad zusam­men­hängt, ver­mag ich nicht zu sagen (bin ja kein Psy­cho­loge), aber muss doch erfreut fest­stel­len, dass durch posi­tive Erleb­nisse im Rol­len­spiel auch der All­tag posi­ti­ver gese­hen wer­den kann.
    Ins­be­son­dere durch rela­tiv Gesell­schafts­kri­ti­sche Sys­teme wird man beim Spie­len (und bei Vor– und Nach­be­rei­tung) für diverse The­men sen­si­bi­li­siert, Denk­struk­tu­ren ange­bahnt etc.
    Den Immer­si­ons­grad halte ich dabei für einen wesent­li­chen Fak­tor. Nur wenn er sich im „gesun­den“ Rah­men bewegt, ist eine reflek­tierte Über­tra­gung der Erkennt­nisse aus dem Rol­len­spiel in die Rea­li­tät mög­lich. Das selbe gilt auch umge­kehrt. Nur wenn der Unter­schied zzwei­schen Spiel und Rea­li­tät noch klar ist, kann ordent­lich ent­schie­den wer­den, wel­che Aspekte der Rea­li­tät in das Spiel abge­bil­det wer­den sol­len — so spie­len Ver­ge­wal­ti­gun­gen in mei­nen Run­den eigent­lich keine Rolle.

  4. Andreas /

    Das mit den Pau­sen, wenn es mal zu hef­tig wird, ist eine gute Idee. Das ist der rich­tige Moment, eine Pizza zu bestel­len, also etwas voll­kom­men nor­ma­les zu tun das nichts rol­len­spie­le­ri­sches an sich hat. In mei­ner Vam­pire DA Runde ist es schon zwei­mal pas­siert, das unsere Cha­rak­tere sich so hef­tig gestrit­ten und bedroht haben, das sich die Spie­ler ange­schrien haben. Das treibt den Puls hoch und wenn das zu hef­tig wird, sollte man wirk­lich pausieren.

  5. Andreas /

    Ach, fällt mir gerade noch ein bezüg­lich emo­tio­na­ler Ver­wir­rung oder Neu­ori­en­tie­rung durch Rol­len­spiel. Was meint ihr, warum so viele Schau­spie­ler wäh­rend eines Films zusam­men fin­den. Man sollte also der Sicher­heit zuliebe der eige­nen Freun­din grund­sätz­lich Rol­len­spiel ver­bie­ten :-)

  6. Inter­es­sante Beob­ach­tung, mit der ich kon­form gehe. Das Ver­lan­gen nach Immer­sion hat auch bei mir abge­nom­men, und ich bin ganz glück­lich damit.

    Zur Brett­spie­lig­keit zu DnD 4 möchte ich noch anmer­ken, dass imho da weni­ger das aus Brett­spie­len bekannte Mate­rial dazu führt, son­dern, dass es sehr metaga­misch ist. War­ham­mer 3 z.B. nutzt ja noch bewuß­ter Brett­spiel­ma­te­rial, ist aber im per­sön­li­chen Erle­ben wesent­lich immer­sive. Was daran liegt, dass Effekte und ande­res auch ingame stim­mig — sprich immer­siv auf­nehm­bar — gestal­tet sind.

  7. Holger /

    War­ham­mer 3 habe ich nie gespielt, kann ich also nicht beur­tei­len. Aber die Argu­men­ta­tion mit D&D4 und Metaga­ming kann ich kom­plett nach­voll­zie­hen.
    Zumin­dest in den ers­ten Büchern (danach habe ich auf­ge­hört, mich dafür zu inter­es­sie­ren) war alles irgend­wie dar­auf aus­ge­legt, extrem balan­ced zu sein, was dazu führte, dass es alles irgend­wie gleich war… und kei­nen Flair hatte :(

  8. Zunächst möchte ich kurz etwas zu dem Punkt, wel­che Sys­teme Immer­sion för­dern und wel­che nicht, sagen, dass ich auch bei einem kampflas­ti­gen Sys­tem mit abs­trak­ten Regeln ein gutes Immer­si­ons­ge­fühl errei­chen kann. Das Brett hilft mir sogar dabei, ein sehr ähn­li­ches Lage­bild wie die ande­ren Spie­ler und der SL zu bekom­men, so dass es weni­ger immer­sive Stö­run­gen gibt.

    Zum nächs­ten Punkt: Den Punkt über Leute, die sich selbst spie­len, finde ich nicht son­der­lich gelun­gen. Hier wird mei­ner Ansicht nach Immer­sion mit Spiel­sti­len ver­mischt und ver­wech­selt. Außer­dem hat es mei­ner Mei­nung nach nichts mit Immer­sion zu tun, wenn jemand Erleb­nisse aus dem Spiel zu nah an sich her­an­lässt und nach dem Spiel noch lange damit zu kämp­fen hat, das ist eher ein Pro­blem der emo­tio­na­len Sta­bi­li­tät. Wo Leute, die sich selbst spie­len, da weni­ger oder mehr gefähr­det sein sol­len, kann ich nicht erkennen.

    Die pau­schale Aus­sage, dass Leute, die sich sel­ber spie­len, nicht genug Fan­ta­sie für immer­si­ves Spiel haben, finde ich deplat­ziert. Jeder hat im Rol­len­spiel das Recht, auf seine Art und Weise glück­lich zu wer­den, und wenn jemand sich gerne sel­ber spielt, dann hat das nun mal gar nichts mit sei­ner Fähig­keit zur Immer­sion zu tun.

    Gleich im nächs­ten Absatz diese rhe­to­ri­sche Frage, warum Leute mit nied­ri­ger Immer­sion eigent­lich über­haupt Rol­len­spiele spie­len… Weil es ihnen Spaß macht? Viel­leicht zie­hen einige Leute Befrie­di­gung aus ande­ren Aspek­ten des Spiels, dem Lösen von Rät­seln, dem gesel­li­gen Mit­ein­an­der, dem Beob­ach­ten von grup­pen­dy­na­mi­schen Pro­zes­sen…? Nied­rige Immer­sion heißt doch nicht auto­ma­tisch schlech­tes Spiel.

    Jetzt zu dem Thema zu tie­fer Immer­sion. Da bringst du ja eine ganze Menge per­sön­li­cher Bei­spiele. Sie basie­ren aller­dings alle auf der Annahme, dass es für die Leute dra­ma­ti­sche Kon­se­quen­zen hätte, wenn ihrem Cha­rak­ter etwas zustößt… Habt ihr das mal aus­pro­biert, oder wie kommst du zu der Aussage?

    Ich habe in mei­ner lang­jäh­ri­gen Spie­ler­kar­riere schon einige Situa­tio­nen erlebt, wo den Spie­lern die Spiel­si­tua­tio­nen schon sehr nahe gegan­gen sind, da wurde schon mal geheult und auch rum­ge­schrieen. Aber: Nie­mand hat sich umge­bracht, keine Bezie­hun­gen oder Ehen sind des­we­gen geschei­tert, meis­tens war nach 15 Minu­ten alles wie­der im Lot. Und eigent­lich spielt man doch gerade für diese Momente, in denen einem die Erfah­run­gen des eige­nen Cha­rak­ters wirk­lich zu Her­zen gehen.

    Im zwei­ten Absatz von „Kon­se­quen­zen“ emp­fiehlst du, ein Pro­blem des Spie­lers als Per­son inner­halb des Spiels anzu­ge­hen (den Cha­rak­ter über die Klinge gehen las­sen)!? Das ist mei­ner Ansicht nach wirk­lich das schlech­teste Werk­zeug über­haupt! Spie­ler­pro­bleme wer­den auf der Spie­le­re­bene ange­gan­gen, nicht in der Spielebene.

    Der Arti­kel steckt voll von Pau­scha­li­sie­run­gen, nicht son­der­lich fun­diert wir­ken­den Annah­men und Bahup­tun­gen und schließ­lich noch eini­gen Tipps, von denen ich die meis­ten recht frag­wür­dig finde.

    Wenn jemand droht, sei­nen „Anker in der Rea­li­tät“ zu ver­lie­ren, dann muss das nicht mit der Immer­sion im Rol­len­spiel zu tun haben, son­dern kann auch ein­fach an der dafür auf­ge­wen­de­ten Zeit, bzw. der Ver­nach­läs­si­gung von ande­ren Lebens­be­rei­chen lie­gen, und damit sind wir schon sehr nahe beim Sucht­be­griff und das ist a) ein ande­res, und b) ein sehr heik­les Thema.

    Zuletzt noch eine Frage an alle: Wer hat schon mal so einen Fall erlebt, wo es jeman­den im rea­len Leben auf Grund von Erfah­run­gen im Rol­len­spiel rich­tig dre­ckig gegan­gen ist?

  9. Auf die Anmer­kun­gen wird sicher Hol­ger rea­gie­ren, auf die Frage kann ich mit etli­chen Bei­spie­len aus dem Vam­pire Live die­nen. Ange­fan­gen von Spie­le­rin­nen, die ich mehr­fach wei­nend am Tele­fon hatte, weil ich ihren Cha­rak­ter aus dem Spiel ent­fer­nen wollte bis hin zu eta­blier­ten SLs, die äus­serst frag­wür­dig und eigen­mäch­tig die Regeln nicht nur komisch inter­pre­tiert, son­dern auch mas­siv gebro­chen haben. Nur, um ihren eige­nen Cha­rak­ter zu retten.

  10. Holger /

    Hallo Por­taS­tel­la­ris,

    Danke für deine recht aus­führ­li­che Mel­dung zu mei­nem Arti­kel.
    Damit es über­sicht­lich bleibt, gehe ich ein­fach mal auf die Absätze in der Rei­hen­folge ein, in der du Sie geschrie­ben hast:

    Zur Immer­sion bei abs­trak­ten Sys­te­men: Der Feh­ler liegt hier darin, dass ich deut­li­cher hätte klar­stel­len sol­len, dass es in dem Arti­kel um emo­tio­nale Immer­sion geht. Und eine sol­che kön­nen abs­trakte Sys­teme, eben auf Grund ihre­rer Abs­trakt­heit, kaum erzeugen.

    Leute die sich selbst spie­len haben mei­ner Erfah­rung nach weni­ger Phan­ta­sie und Vor­stel­lungs­ver­mö­gen als Leute, die etwas spie­len, was nicht sie selbst sind. Daher ist es auch unwahr­schein­li­cher, dass jemand, der nur sich selbst spielt, so tief in sei­ner Phan­ta­sie ver­sinkt, dass das zu einer Gefahr wer­den kann. Es kann sein, dass ich mich da irre, aber meine bis­he­ri­gen Erfah­run­gen in etwa 20 Jah­ren Rol­len­spiel an Tisch und Live haben zu genau die­ser Ein­schät­zung geführt.

    Nied­rige Immer­sion bedeu­tet nicht schlech­tes Spiel, das ist kor­rekt. KEINE Immer­sion bedeu­tet aber durch­aus, das Rol­len­spiel, so wie ich es ver­stehe, nicht mög­lich ist.
    Die Frage, warum jemand dann den­noch Rol­len­spiele spielt ist viel­leicht etwas zu pro­vo­kant, das gebe ich zu. Aber es ist ein Aus­druck mei­ner Mei­nung, dass die ent­spre­chen­den Per­so­nen viel­leicht eher Cluedo (Rät­sel), Descent (tak­ti­sche Kämpfe) oder andere Brett­spiele (Gesel­lig­keit und Grup­pen­dy­na­mik) spie­len sollten.

    Nein, wir haben nie aus­pro­biert, was tat­säch­lich pas­sie­ren würde, wenn in einem der Bei­spiele der Figur etwas zuge­sto­ßen wäre. Wir waren mit meh­re­ren Leu­ten ein­deu­tig der Ansicht, dass das Risiko an der Stelle ein­fach zu hoch war, das zu pro­bie­ren. Wie wir dar­auf gekom­men sind? Mensch­kennt­nis neh­men ich mal an. Kei­ner von uns war oder ist aus­ge­bil­de­ter Psy­cho­loge oder ähn­li­ches, wenn du dar­auf hin­aus willst.

    Ich habe in mei­ner Rol­len­spiel­zeit meh­rere Bezie­hun­gen am Rol­len­spiel schei­tern sehen. Min­des­tens eine davon auch dadurch, dass der Part­ner die Dinge, die im Spiel pas­siert sind, auf seine Part­ne­rin pro­je­ziert hat und damit nicht klar gekom­men ist.

    Den Cha­rak­ter über die Klinge sprin­gen zu las­sen ist ein har­tes Werk­zeug, das gebe ich zu. Ich schlage auch genug andere Lösun­gen vor, die auf Spie­le­re­bene statt­fin­den, wenn man mit die­ser einen eben nicht ein­ver­stan­den ist.

    Der Arti­kel beruht auf mei­nen per­sön­li­chen Erfah­run­gen im Rol­len­spiel. Das sind 20 Jahre, davon etwa 5 als Spiel­lei­ter im Vam­pire Live, ins­ge­samt 8 Jahre Fantasy-LARP und unzäh­lige ver­schie­dene Run­den und Sys­teme am Tisch. Den­noch habe ich kei­nen pro­fes­sio­nel­len Hin­ter­grund, der irgend etwas mit Psy­cho­lo­gie zu tun hat, daher mag jeder für sich selbst ent­schei­den, wie fun­diert meine Aus­sa­gen sind.

    Sucht und Immer­sion sind zwei The­men, die eng bei ein­an­der lie­gen. Eine zu tiefe Immer­sion erhöht die Chance auf eine Sucht mas­siv. Und wenn es nur um die Sucht an sich ginge, dann wäre dem ent­spre­chen­den Spie­ler der Cha­rak­ter total egal, denn er könnte ja ein­fach mit einem ande­ren wei­ter­ma­chen. Durch eine zu starke Bin­dung an den Cha­rak­ter, Pro­jek­tion der Spiel­si­tua­tio­nen auf sich selbst, mit ande­ren Wor­ten zu tiefe Immer­sion, ent­ste­hen die oben beschrie­be­nen Pro­bleme, nicht durch die reine Sucht nach dem Spiel!

    Wie bereits oben erwähnt kenne ich meh­rere Part­ner­schaf­ten, die durch das Rol­len­spiel been­det wur­den. Ich gehe ein­fach mal davon aus, das es den Betei­lig­ten danach ent­spre­chend dre­ckig ging…

  11. Danke zunächst für die aus­führ­li­che Stellungnahme.

    Ich bin trotz­dem der Ansicht, dass man nicht ein­fach alle Aus­wir­kun­gen auf das reale Leben auf Immer­sion im Rol­len­spiel zurück­füh­ren darf. Zunächst mal sind für mich Immer­sion und Cha­rak­ter / Spie­ler­tren­nung zwei unter­schied­li­che Dinge, das hätte ich in mei­nem ers­ten Post deut­lich schrei­ben sol­len. Ein drit­ter Aspekt wäre noch Welt­flucht, der oft mit Sucht gleich­ge­setzt oder ver­wech­selt wird, aber auch für sich als Merk­mal betrach­tet wer­den sollte. Sicher­lich wir­ken bei bestimm­ten Spie­lern oder bestimm­ten Situa­tio­nen meh­rere oder alle Aspekte zusam­men, aber ob sie wirk­lich aus­schlag­ge­bend sind, ist ein ganz ande­res Thema. Wenn zum Bei­spiel eine Bezie­hung wegen irgend­wel­ches Gescheh­nisse im Rol­len­spiel aus­ein­an­der­geht, dann glaube ich nicht, dass diese Bezie­hung ohne die­ses Gescheh­nis von lan­ger Dauer gewe­sen wäre. Viel­leicht war das Spiel­ge­sche­hen ja auch nur der letzte Trop­fen, der das ohne­hin volle Fass zum Über­lau­fen gebracht hat?

    Und wenn ein Live­spie­ler am Tele­fon rum­heult, dass der Cha­rak­ter gestor­ben ist, liegt das dann wirk­lich pri­mär an der Immer­sion? Da spielt doch bestimmt auch Ent­täu­schung, das Gefühl als Spie­ler unge­recht behan­delt zu wer­den oder Frust eine wich­tige Rolle.

    Um es end­lich auf den Punkt zu brin­gen: Mir ist der Begriff Immer­sion, so wie du ihn ver­wen­det, viel zu weit gefasst.

    Meine Kom­men­tare beru­hen auf 20 Jah­ren Rol­len­spiel­er­fah­rung als Spiel­lei­ter und Spie­ler. Ich habe mich schon wäh­rend mei­ner Fach­ar­beit mit dem Thema Immer­sion im Rol­len­spiel und dar­aus resul­tie­rende Sui­zide beschäf­tigt. Wir haben nach dem Amok­lauf von Erfurt eine Podi­ums­dis­kus­sion mit einem Sozi­al­päd­ago­gen aus der Jugend­pflege und einer Schul­psy­cho­lo­gin zum Thema Gewalt im Rol­len­spiel und Aus­wir­kun­gen auf Jugend­li­che und Schü­ler abge­hal­ten. Als Nach­fol­ge­ver­an­stal­tung haben wir unter Lei­tung eines Sozi­al­päd­ago­gen einen Work­shop zum Them Umgang mit schwie­ri­gen Spiel­si­tua­tio­nen / Spie­lern gemacht (also wie man mit eini­gen Situa­tio­nen umgeht, die du oben geschil­dert hast).

    So, und noch eine letzte Anmer­kung: In dei­nem vor­letz­ten Absatz setzt du Sucht und Immer­sion eng neben­ein­an­der und behaup­test, dass eine zu tiefe Immer­sion die Chance auf eine Sucht mas­siv erhöht. Da bin ich völ­lig ande­rer Meinung.

  12. Schau doch mal direkt beim Arti­kel vor­bei — da gibt es eini­ges an Kom­men­ta­ren und Mei­nun­gen zu dem Thema. ^roger

  13. Adrian Bongarts via Facebook /

    - das muss ich mir aber noch­mal gründ­lich über­le­gen -
    (hab nur gerade keine Zeit…)

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