Rezension: Deadlands Reloaded — Return to Manitou Bluff

Okt 12

Rezension: Deadlands Reloaded — Return to Manitou Bluff

Der unheim­li­che Wes­ten in der zwei­ten Hälfte des Jah­res 1881. Die Reise führt an einen Schau­platz, der als Mani­tou Bluff bereits seit dem klas­si­schen „Great Maze“ Quel­len­band eta­blier­ter Bestand­teil des Hin­ter­grun­des war.

Die Clover Mesa inmit­ten des Great Maze erhielt ihren – neuen — Namen vor nicht allzu lan­ger Zeit, nach­dem sie ein kata­stro­pha­les Beben in vier Teile gespal­ten hatte; Mani­tou Bluff exis­tiert nicht mehr. In den Flu­ten in ihrem Her­zen offen­barte sie sodann einen enorm wert­vol­len Fund: unglaub­li­che Men­gen von Geis­ter­stein. Etli­che kon­kur­rie­rende Frak­tio­nen haben nun Brü­cken­köpfe auf der Mesa eta­bliert und rin­gen mit kriegs­ähn­li­cher Wucht um die Vor­herr­schaft auf dem trost­lo­sen Fleck­chen Erde…so weit, so ste­reo­typ in Dead­lands.

Zum Glück ist das nur die Reich­weite des Augen­schei­nes — man darf erwar­ten, dass sich unter der Ober­flä­che noch etli­che Geheim­nisse, Wen­dun­gen und schur­ki­sche Pläne verbergen.

Gedacht ist das Sze­na­rio näm­lich nicht für rotz­na­sige Frisch­linge; auf den Return to Mani­tou Bluff (RtMB) von Matthew Cut­ter für Savage Worlds/Deadlands Reloa­ded soll­ten sich nur Hel­den mit bereits legen­dä­rem Rang einlassen.

In der offi­zi­el­len Chro­no­lo­gie des Deadlands-Universums baut die Geschichte auf umwäl­zen­den Ereig­nis­sen auf, die wäh­rend der Plot-Point-Kampagne in The Flood gesche­hen sind (und würde sich zur Fort­set­zung eig­nen); es dürfte aller­dings nicht schwer­fal­len, sie in alter­na­tive Ver­läufe einzubetten.

Der Kam­pa­gnen­band möchte indes mehr als ein blo­ßes epi­sches Aben­teuer sein. Im Fokus der Dar­stel­lung ste­hen ein­mal der klar umris­sene Schau­platz des Gesche­hens, und dane­ben will er die not­wen­di­gen Zuta­ten für eine offene Kam­pa­gne feil­bie­ten, Ziel­set­zung und Anspruch zugleich.

Erschei­nungs­bild

Der Weg zu den inne­ren Wer­ten führt, wie stets, zunächst an den schnö­den Äußer­lich­kei­ten vor­bei. Das bis­lang erhält­li­che PDF (eine Druck­auf­lage ist für den Dezem­ber 2012 geplant) prä­sen­tiert sich auf 160 Sei­ten im 6.5″ x 9″ For­mat, voll­far­big mit groß­zü­gi­gem Lay­out  und gro­ßer, augen­freund­li­cher Schrift, die auf Bild­schir­men und Tablets bequem les­bar ist.

Neben dem stim­mungs­vol­len Titel­bild ent­spre­chen die Inne­nil­lus­tra­tio­nen und Sei­ten­hin­ter­gründe dem mitt­ler­weile von Pin­na­cle gewohn­ten Stan­dard und pen­deln zwi­schen düs­ter, detail­reich, grob und (sehr) bunt. Trotz des ver­gleichs­weise gerin­gen Umfan­ges hilft dem Suchen­den sogar ein Index.

Die har­ten Fakten:

  • For­mat: pdf
  • Ver­lag: Pin­na­cle Entertainment
  • Erschei­nungs­jahr: 2012
  • Spra­che: Eng­lisch
  • Bezugs­quelle: DriveThruRPG.com (Klick)
  • Preis: 14,99$ (PDF)

Inhalt

RtMB eröff­net mit einer Son­der­aus­gabe des tra­di­ti­ons­rei­chen Tombs­tone Epi­taph, der markt­be­herr­schen­den Boulevard-Gazette für leicht­gläu­bige Ost­küs­ten­be­woh­ner und ambi­tio­nierte Mons­ter­jä­ger. Sie kann als Spie­ler­wis­sen für den Ein­stieg in die Geschichte Ver­wen­dung fin­den und bie­tet einen Über­blick über die all­ge­mein bekann­ten Infor­ma­tio­nen rund um den Ort des Gesche­hens und seine Ver­gan­gen­heit, ver­setzt mit Mys­te­rien wie wei­ter­füh­ren­den Andeu­tun­gen, um von hier aus die Hand­lung in die Kam­pa­gne hineinzuspinnen.

Wesent­li­ches zum eigent­li­chen Inhalt möchte ich natür­lich nicht ver­ra­ten, des­we­gen möge man mir im Fol­gen­den manch nebu­lö­ses Schwur­beln nachsehen.

Unmit­tel­bar im Anschluss näm­lich feu­ert das Buch eine volle Breit­seite der gro­ßen Geheim­nisse der Clover Mesa in Rich­tung Mar­shal. Schien es zunächst noch vor­der­grün­dig so, als wür­den bekannte Hand­lungs­ele­mente neu grup­piert, so offen­bart sich nun Monu­men­ta­les mit Aus­wir­kun­gen auf den gesam­ten Schau­platz. Die Mesa ist zum Spiel­ball gewal­ti­ger meta­phy­si­scher Kräfte gewor­den, und dem­ent­spre­chend trumpft die Geschichte mit zwei schö­nen Grund­ideen und Hand­lungs­wen­dun­gen auf, die ihr Fun­da­ment bil­den und sie klar über das Niveau durch­schnitt­li­cher Deadlands-Abenteuer heben.

Inspi­ra­tio­nen des Autors aus ande­ren Medien schei­nen durch, doch dank des gelun­ge­nen Trans­fers finde ich das nicht tra­gisch. Etwas dick auf­ge­tra­gen viel­leicht? Schon mög­lich, aber lie­ber so als faden Ein­heits­brei. Sehr wahr­schein­lich wer­den die SC schließ­lich einer der mäch­tigs­ten Wesen­hei­ten des Deadlands-Universums über den Weg lau­fen. Man mag an Hand von Geschmack und Stil dar­über strei­ten, ob es sich um eine Bana­li­sie­rung han­delt und es ange­mes­se­ner gewe­sen wäre, mehr geheimnisvoll-mythische Über­hö­hung ein­zu­brin­gen. An den damit ver­bun­de­nen Optio­nen zeigt sich jeden­falls, dass RtMB sei­nen Anspruch spie­le­ri­scher Frei­hei­ten ernst nimmt, und das respek­tiere ich.

RtMB zeigt eine breite Palette von Ansät­zen auf, die SC zum Schau­platz des Gesche­hens brin­gen kön­nen und fle­xi­bel genug sein soll­ten, um nahezu jede Kon­stel­la­tion abzu­de­cken. Zur Ankunft der SC lie­fert das Buch noch ein kra­chende Bruckheimer-Szene vol­ler neuer Tech­no­lo­gie, die eng­ma­schig gestrickt scheint; dann folgt eine breite Dar­stel­lung der für die Geschichte rele­van­ten Sze­ne­rien. Ein von Auto­ma­tons geschütz­ter Wasatch–Außen­pos­ten, ein kon­fö­de­rier­tes Fort, eine Berg­ar­bei­ter­stadt, ein Stütz­punkt des chi­ne­si­schen Kriegs­her­ren Kang, die unheim­li­chen Rui­nen einer Uni­ons­fes­tung, etli­che nicht offen­sicht­li­che, unge­wöhn­li­che Ört­lich­kei­ten  – aller­or­ten fin­den sich Sub­plots oder Ele­mente der Hin­ter­grund­ge­schichte, klei­nere oder grö­ßere Geheim­nisse gilt es zu lüf­ten, mäch­tige Geg­ner zu über­win­den und/oder Ver­bün­dete zu gewinnen.

Diese Breite geht zwangs­läu­fig auf Kos­ten der Tiefe, was sich an den in gro­ben Pin­sel­stri­chen etwas lieblos-funktional geschil­der­ten NSC zeigt. Sie mit mehr Leben zu erfül­len, bleibt dem Mar­shal über­las­sen. Über­dies kommt es mir so vor, als habe jemand über der Mesa einen allzu prall gefüll­ten Eimer mit zuwei­len arg gene­ri­schen Mons­tern aus­ge­kippt. Diese oder jene war­tende Schie­ße­rei würde ich zuguns­ten der bedeu­tungs­vol­le­ren Kon­fron­ta­tio­nen lie­ber auf den Boden des Schnei­de­rau­mes ver­bannt sehen. Der für meine Begriffe hohe Hack´n´Slay-Anteil passt zu SW/DL:R, lässt sich aber pro­blem­los modifizieren.

Den­noch: hier spielt das Sze­na­rio seine struk­tu­rel­len Stär­ken aus. Trotz ihrer Fle­xi­bi­li­tät ent­hiel­ten die bis­he­ri­gen Plot-Point-Kampagnen der DLR-Quellenbücher einen linea­ren Hand­lungs­fa­den, der sich an den Schalt­stel­len zu stark vor­ge­ge­be­nen Sze­nen ver­dich­tete. Wer nach einem Aben­teuer sucht, um des­sen mund­ge­rechte Hap­pen sogleich an die Spie­ler wei­ter­zu­rei­chen und in dem alle nur denk­ba­ren Even­tua­li­tä­ten aus­ge­ar­bei­tet sind, wird sicher ein wenig ent­täuscht sein.

In RtMB weicht die gerade Linie näm­lich unter­ein­an­der ver­netz­ten Sto­ry­ele­men­ten, die Spie­ler wie Spiel­lei­ter nicht auf eine feste Marsch­route zwin­gen. Die denk­ba­ren Hand­lungs­ver­läufe sind sehr varia­bel, so dass Spiel­run­den mit dem dar­ge­bo­te­nen Hin­ter­grund dyna­misch auf ganz unter­schied­li­che Weise inter­agie­ren kön­nen. Die Kam­pa­gne lässt trotz vie­ler Details Raum für gestal­te­ri­sche Frei­heit, ohne dabei die bün­delnde Haupt­hand­lung aus den Augen zu verlieren.

Frü­her oder spä­ter soll­ten die SC (man denke an ein Zwie­bel­scha­len­mo­dell) an einer der Schlüs­sel­stel­len zu den tie­fe­ren Hand­lungs­schich­ten vor­sto­ßen. Nach der Reise ins „Herz der Fins­ter­nis“ redu­zie­ren sich die Optio­nen etwas, und zugleich erhal­ten die SC kon­kre­tere Mög­lich­kei­ten in die Hand, um Dinge in Bewe­gung zu setzen.

Auch wenn es nach dem Gesag­ten so erschei­nen mag, wird der Mar­shal – abge­se­hen von unab­ding­bar erfor­der­li­cher soli­der Kennt­nis des Ban­des — kaum Arbeit inves­tie­ren müs­sen, um RtMB in ein unmit­tel­bar spiel­ba­res Aben­teuer zu ver­wan­deln. Ein­mal wer­den die mög­li­chen Begeg­nun­gen und Kon­se­quen­zen von Hand­lun­gen der SC aus­führ­lich geschil­dert (zT sogar mit Vor­le­se­tex­ten zum Ein­stieg). Neben abge­schmack­ten Stan­dard­be­geg­nun­gen fin­den sich auch im Detail viele schöne klei­nere Ideen und Neben­hand­lun­gen, die hof­fent­lich kei­ner­lei Lan­ge­weile auf­kom­men las­sen. Zum Zwei­ten fin­den sich im Anschluss an die nach Loka­li­tä­ten orga­ni­sier­ten Schil­de­run­gen von Situa­tio­nen, NSC etc. aus­führ­li­che Savage Tales. Sie zei­gen mit­tels ver­schie­de­ner Hand­lungs­stränge kom­bi­nier­bare Mög­lich­kei­ten auf, wie sich die Geschichte ent­fal­ten könnte, möch­ten also Anlei­tung, Hil­fe­stel­lung und Ide­en­spen­der sein, um RtMB zu einem dra­ma­ti­schen Aben­teuer zu for­men — im Ergeb­nis schla­gen sie die ent­schei­dende Brü­cke zwi­schen Hin­ter­grund­be­schrei­bung und Abenteuer.

Aktive Run­den wer­den den ange­bo­te­nen Bau­kas­ten zu Nut­zen wis­sen; es fällt leicht, die Kam­pa­gne auch über die Gren­zen des Vor­ge­ge­be­nen hin­aus auf­zu­boh­ren und den eige­nen Bedürf­nis­sen anzu­pas­sen. Eher rezep­tive Run­den soll­ten ange­sichts der vie­len Hil­fe­stel­lun­gen und Notan­ker den­noch kein erheb­li­ches Pro­blem haben.

Preis-/Leistungsverhältnis

Der geneigte Mar­shal auf der Suche nach epi­schen Her­aus­for­de­run­gen für seine Hel­den erhält für 15$ grund­so­lide 160 Sei­ten. Wegen des offe­nen For­ma­tes der Geschichte wird die Spiel­dauer zwar stark von der Umgangs­weise der Spiel­runde abhän­gen; RtMB ent­hält aber sicher­lich genü­gend Ideen und Mate­rial, um zahl­rei­che Spiel­abende zu gestal­ten. Daher: mei­ner Ansicht nach ein sehr guter Deal.

Fazit

Vor dem Hin­ter­grund zün­den­der Ideen auf dem Niveau der „gro­ßen Würfe“ der Deadlands-Erschaffer ent­fal­ten sich viele mög­li­che epi­sche Geschich­ten. Return to Mani­tou Bluff kom­bi­niert gelun­gen Quel­len­ma­te­rial mit fle­xi­blem, offen struk­tu­rier­tem Aben­teuer, das Bewe­gungs– und Ent­schei­dungs­frei­heit gewähr­leis­tet. Das Buch ver­lässt die aus­ge­tre­te­nen Pfade streng linea­rer Aben­teu­er­kon­struk­tio­nen und bie­tet statt­des­sen ein durch­dach­tes und schlüs­si­ges Kon­zept, das Frei­raum wahrt. Die Ver­net­zung der ein­zel­nen Facet­ten wie­derum sorgt dafür, dass es nicht zu einem rei­nen Quel­len­buch verkommt.

Bonus/Downloadcontent

Die Tombs­tone Epi­taph Son­der­aus­gabe zur Clover Mesa steht als Tea­ser auf der Pinnacle-Seite zum freien Down­load bereit: (Klick)

So lässt sie sich zu Ein­stim­mung und Ein­stieg leicht an die Spie­ler verteilen.


Unsere Bewer­tung 

Erschei­nungs­bild ★★★☆☆
Solide prä­sen­tiert. Nicht mehr, nicht weniger.
Inhalt ★★★★☆
Schöne Hin­ter­grund­ge­schichte, her­vor­ra­gend in eine offene Sze­na­rio­struk­tur ein­ge­bet­tet & mit fle­xi­blen Hand­lungs­strän­gen erschlossen
Preis-/Leistungsverhältnis ★★★★☆
Sehr gut im Ver­hält­nis zum Umfang und dem Spiel­wert des Inhalts
Gesamt ★★★★☆
Eine epi­sche Kam­pa­gne, die ihrem Anspruch gerecht wird

 

 

Auch lesens­wert:

2 Kommentare

  1. Marius /

    Eine sehr solide Rezen­sion. Da freu ich mich schon auf Deine wei­te­ren Beiträge.

  2. Hey Marius, vie­len Dank *ver­neig* ;)

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